Jahrgang 
1864
Seite
38
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38 Emil Dietze: Ein Fälſcher.

An der table d'hôte im Höôtel Belvedere befand

ſich eine ausgewählte Geſellſchaft von Fremden, der Herr von Utzſchneider nicht ermangelte, ſich ſo ange⸗ nehm wie möglich zu machen. Mit ſeinem Liſchnach⸗ bar, einem Konſul aus Riga, befand er ſich bald in der lebhafteſten Unterhaltung. Mit der liebenswür⸗ digſten Offenheit vertraute er dieſem, daß er nur des⸗ halb aus ſeiner Heimat, München, hierher gekommen ſei, um ſich bei der badiſchen Geſandtſchaft von dem Verdacht zu reinigen, daß er der Verfaſſer revolutionä⸗ rer Aufſätze in einigen franzöſiſchen Zeitungen ſei. Er fürchte faſt, daß er nicht ſo raſch wieder fortkommen werde als er wünſchen müſſe, und er werde ſich genö⸗ thigt ſehen, einen Wechſel auf das Haus Anholt und Wagener in Berlin zu verſilbern, wozu es ihm aber lei⸗ der, da er in Hamburg ganz und gar unbekannt ſei, noch an einem Bürgen fehle.

Der ruſſiſche Konſul hegte nicht den geringſten Zweifel an der Wahrheit der Angaben, und nachdem er die Tratte, die auf tauſend Thaler lautete, beſichtigt, bot er ſich ſelbſt zum Bürgen an. Unſer Freund, ge⸗ wohnt, das Eiſen zu ſchmieden, ſo lange es heiß war, nahm das kaum erwartete Anerbieten freudig an und ſchon am nächſten Tage wurde der Verkauf des Papiers eingeleitet, nur daß der Bankier Anſtand nahm, bevor der Wechſel acceptirt war, die volle Summe zu zahlen. Der Herr von Utzſchneider war großmüthig, er be⸗ gnügte ſich mit hundert Dukaten, nahm aber auf Zu⸗ reden ſeines Bürgen noch fünfundzwanzig Friedrichsd'or an und verſchwand.

Die Abreiſe wurde mit ſolcher Eile bewerkſtelligt, daß Utzſchneider nicht einmal die Heimkehr ſeines Be⸗ gleiters aus dem Mainzer Korrektionshauſe erwartete, ſondern ſich damit begnügte, ihn in ein paar Zeilen, denen er einen ſehr beſcheidenen Theil ſeiner Beute hinzufügte, von ſeiner Abreiſe in Kenntniß zu ſetzen und aufzuforderte, ihm nach Berlin nachzukommen. Ohne Zweifel aber war ihm der Gefährte eine läſtige Bürde geworden, denn er verweilte in der preußiſchen Haupt⸗ ſtadt nicht länger als nöthig war, ſich in die Schnellpoſt zu ſetzen und ohne Aufenthalt nach Liegnitz zu fahren. Von da gedachte er ſeine Reiſe nach Breslau fortzu⸗ ſetzen, und er würde es gethan haben, wenn er nicht mit einem Bekannten zuſammengetroffen wäre, deſſen Begegnung eben jetzt ihm äußerſt unlieb war und der im Begriff ſtand, ihn anzureden. Er mußte ſofort ſeinen Plan ändern, wenn er ſich nicht einer verhäng⸗ nißvollen Wendung ſeines Schickſals ausſetzen wollte, und ohne ſich länger zu verweilen, miethete er eine Kaleſche, die ihn über Frankfurt an der Oder nach Berlin zurückbrachte.

Sich des Namens Utzſchneider noch länger zu bedienen war unmöglich; die Rollen wurden abermals gewechſelt; unſer Held verwandelte ſich in einen Grafen Ottokar von Montpelas⸗Jeſſy und der Paß, der ihn als ſolchen auswies, war mit der größten Kunſt⸗ fertigkeit ſchon in Hamburg angefertigt worden. Volle acht Tage hielt er ſich in Berlin auf und wenn Niemand an ſeinem Namen und ſeiner geſellſchaftlichen Stellung

Anſtoß nahm, ſo kam dies ohne Zweifel daher, daß er hier nicht wie anderwärts mit Oſtentation auftrat und ſich in höhere Kreiſe drängte. Und er hatte dazu aller⸗ dings die gegründetſte Urſache, denn die Berliner Po⸗ lizei verſtand, wie er oft genug an ſich erfahren, keinen Spaß. Nichts deſtoweniger beſaß er die grenzenloſe Keckheit, ſeine Eltern aufzuſuchen, und die noch grenzen⸗ loſere, ihnen ohne Rückhalt zu erzählen, was Alles er während ſeiner mehrjährigen Abweſenheit erlebt.

So glühend der Boden, auf welchem der Pſeudo⸗

graf ſich eben bewegte, für ihn ſein mußte, ſo harrte er⸗

doch, wie bereits erwähnt, volle acht Tage auf ihm aus, und allerdings geſchah dies nicht ohne die triftigſten Gründe; einmal mußte er fürchten, daß die aufmerkſam gewordene Polizei auf alle bairiſchen Konſulatspäſſe fahnden werde, und dann mußte er eben deßhalb neue Zurüſtungen treffen. Dieſe beſtanden darin, daß er ſich eine kleine Steindruckpreſſe kaufte, einen Stein vorrich⸗ ten und von einem Stempelſchneider ein Petſchaft mit dem preußiſchen Adler und der Umſchrift:Königl. Pr. Geſellſchaft zu Görlitz anfertigen ließ. Dieſen Stempel ſeinem Hamburger Paſſe aufgedrückt, die Buch⸗ ſtabenell und den Ortsnamen undeutlich gemacht, durfte er ſchon hoffen, eine nicht allzu argwöhniſche Po⸗ lizei zu täuſchen.

Und die Berliner war die erſte, welche ſich täuſchen ließ, als ihr der Paß zum Viſum nach Danzig vorlag.

Bis hierher haben unſere Leſer den jungen Schwind⸗ ler als einen Mann kennen gelernt, der es liebte, ſich in gebildeteren Kreiſen der Geſellſchaft zu bewegen und der es verſtand, die Rolle, welche er übernommen, mit Glück und ohne Argwohn zu erregen, durchzuführen. Um ſo bemerkenswerther iſt es daher, daß er jetzt, wo er ſich ſelbſt zu dem Range eines Grafen und königl. bai⸗ riſchen Kammerherrn erhoben und ſeinen Vater zum Miniſter gemacht hatte, ſeine vermeintliche hohe Ge⸗ burt ſo ganz und gar verläugnete und ein Vergnügen darin zu finden ſchien, zu dem Volke herabzuſteigen, Bekanntſchaften zu machen und Geſellſchaften zu fre⸗ quentiren, die ſo wenig zu ſeinem hochklingenden Na⸗ men paßten. Faſt möchte man glauben, daß das Glück, welches ihn ſeit ſeiner Flucht aus dem Mainzer Kor⸗ rektionshauſe in wahrhaft wunderbarer Weiſe gelä⸗ chelt, ihm die Sinne verwirrt, und er im kecken Ueber⸗ muth ſelbſt ſein Schickſal herausfordern wolle.

Mit dem Lohnfuhrmann, deſſen Geſchirr er ſich, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, zu ſeiner Abreiſe aus Berlin bediente, und neben dem er auf dem Bocke Platz nahm, ward er bald ſehr vertraut; er prahlte gegen ihn von ſeiner Herkunft, ſeinen Gütern in Baiern und von einem Wechſel über tauſend Thaler, den er bei ſich führe, und verſchmähte es gleichwohl nicht, un⸗ terwegs um der billigeren Zehrung halber mit dem Kutſcher gemeinſchaftlich einen Schinken zu kaufen, von dem er ſo großmüthig war, ihm den Reſt ſeines An⸗ theils bei ihrer Trennung als Trinkgeld zu überlaſſen.

Der Wechſel, deſſen der Graf gegen den Kutſcher des Fuhrwerks erwähnt und den er ihm eben ſo wie den Paß in ſeiner Ruhmredigkeit gezeigt, hatte zugleich