Emil Dietze: Ein Fälſſcher. 37
ben Tag in der Nähe der Preußiſchen Kaſerne eine Chaiſe bereit halten, um, wie er ſagte, einen Verwand⸗ ten, den er bei ſich habe, eine Strecke begleiten zu kön⸗ nen. Alles ging nach Wunſch und nur die Schwägerin des Aufſehers blieb noch zu täuſchen übrig, denn in ihrer Verwahrung befand ſich der Schlüſſel zum äuße⸗ ren Thore des Zuchthauſes. Auch dies glückte, und als die Dämmerung einbrach, konnte zur That ge⸗ ſchritten werden. Es dauerte auch nicht lange bis Plenkens Freund kam, um zu melden, daß die Chaiſe bereit ſtehe. Er belud ſich zugleich mit dem Gepäck des vermeintlichen Verwandten und paſſirte ungehin⸗ dert die Wache, der er im Vorübergehen mittheilte, daß er im hinteren Hofe Lärm gehört habe. Der argloſe Soldat eilte raſch dahin und dieſen Zeitpunkt, wo der Ausgang unbewacht war benutzten die beiden Flüchti⸗ gen öffneten das Thor und wenige Minuten ſpäter waren die Herren Rauſchkolb und Rothweiler am Ufer des Rheins und noch denſelben Abend nahmen ſie als Doktor Schleiermacher und Aſſeſſor Rauthen⸗ thal in Lefralbach Extrapoſt nach Trier.
Es war ſehr früh am Morgen, als ſie dort ankamen, und da ihnen ſehr viel daran liegen mußte, einen mög⸗ lichſt großen Raum zwiſchen ſich und Mainz zu haben, ließen ſie den Poſtmeiſter um Extrapoſt erſuchen. Die⸗ ſem war indeß die Störung ſeiner Nachtruhe ſehr un⸗ willkommen, er verweigerte die Stellung von Pferden, bevor nicht die Päſſe der Herren viſirt ſein würden, was ihn in den Stand ſetzte, ſeine Nachtruhe unver⸗ kürzt zu erhalten, den Reiſenden jedoch einen Aufent⸗ halt von fünf bis ſechs Stunden verurſachte. Das konnte dieſen unmöglich gelegen ſein und eben ſo we⸗ nig hielten ſie es für angemeſſen, ihre Reiſelegitimatio⸗ nen ſchon hier einer Prüfung auszuſetzen; ſie entfernten ſich alſo unter dem Vorwande, die Stadt beſichtigen zu wollen, gingen indeß zu Fuß bis Grevemachern, von wo aus ſie ihren Koffer durch einen Boten abfor⸗ dern ließen, der ihnen, da man nichts Verdächtiges darin vorgefunden, auch nicht vorenthalten werden konnte. Unangefochten umgingen ſie Luxemburg und Namur und gönnten ſich erſt in Lüttich von ihrer Courier⸗ reiſe Ruhe.
Bis dahin hatten ſie ihre Ausgaben von dem Gelde beſtritten, welches Plenken aus der ihm an⸗ vertrauten Kaſſa mitgenommen. Jetzt neigte es ſich ſei⸗ nem Ende zu, und ſelbſt wenn nicht P lenken ſchon ſeit länger in ſeinen Reiſegefährten gedrungen wäre, ihm die verſprochene Geldmine zu werden, jetzt war die Herbeiſchaffung von Geld zur Nothwendigkeit ge⸗ worden und der Löbbecke'ſche Wechſel ſollte umgeſetzt werden.
Bevor dies aber geſchehen konnte, mußte einer der Beiden eine Bekanntſchaft angeknüpft haben, auf deren Empfehlung hin oder unter deren Bürgſchaft der Verkauf des Papieres bewirkt werden konnte. Nie⸗ mand eignete ſich beſſer für dieſe Aufgabe als Dr Schleiermacher, dem dieſes Hinderniß auch nicht die geringſte Schwierigkeit bereitete. Die beiden Flücht⸗ linge waren im Hôtel de Flandres abgeſtiegen und gal⸗
ten dort als Leute von Diſtinktion, denn ſie hatten ſogleich nach ihrer Ankunft den Reſt ihres Geldes zur Erneuerung ihrer Garderobe, die derſelben dringend bedurfte, verwendet. Nach zwei Tagen ſchon hatte der Sohn des berühmten Berliner Theologen, der ſich als Profeſſor an der Artillerieſchule einführte, mehrere Pro⸗ feſſoren der Univerſität kennen gelernt, und der be⸗ rühmte Name öffnete ihm ſofort alle Häuſer. Dem Bibliothekar der Univerſität ſchloß ſich der jugendliche Gelehrte beſonders an, und nachdem er hinreichend vertraut mit ihm geworden war, beklagte er ſich, daß ſein Geld ausgegangen ſei. Der Bibliothekar bot ihm ſofort ſeinen Kredit an, allein Dr. Schleierm acher lehnte dies mit verbindlichem Danke ab, denn er beſaß ja einen Wechſel von Löbbecke in Braunſchweig auf das Bankierhaus Schultze in Berlin, den er verwerthen konnte, wenn es ihm ſeine Unbekanntſchaft in der Stadt nicht zur Unmöglichkeit machte, ſich desſelben zu ent⸗ äußern. Der Dienſt war ein ſo geringer, daß ſich der Bibliothekar, erfreut, ſich dem Sohne des berühmten Theologen gefällig erweiſen zu können, ſofort erbot, ihm einen Empfehlungsbrief an eines der erſten Bankier⸗ häuſer der Stadt zu geben Schleiermacher nahm das Anerbieten mit den verbindlichſten Dankesäuße⸗ rungen an und wenige Stunden ſpäter ſah er ſich im Be⸗ ſitz von 2300 Franken und der Zuſage, den Reſt nach Paris nachgeſendet zu erhalten.
Daß ihres Verweilens nach Verkauf des Wechſels
in Luxemburg nicht lange mehr ſein dürfte, hatten unſere beiden Reiſenden in voraus bedacht und die Zwiſchenzeit gut verwendet. Sie bedurften, weil die ſeitherigen ihnen doch nicht hinreichende Sicherheit zu ihrem Fortkommen boten, anderer Päſſe; da aber die Zeit zur Anfertigung neuer zu kurz war, ſo begab ſich Herr von Eck, welchen Namen der Dr. Schleier⸗ macher gegen Plenken als ſeinen echten genannt hatte, unter dem Charakter eines Sekretärs der königl. Bairiſchen Geſandtſchaft zu einem Lithographen und beſtellte fünfzig Konſulatspäſſe für Auswanderer nach Amerika, und von da zu einem Graveur, der ihm eine Petſchaft mit dem Bairiſchen Wappen und der Um⸗ ſchrift„Königlich bairiſches General⸗Konſulat“ ſtechen ſollte; und ſeltſamerweiſe beanſtändete keiner von Beiden die Ausführung der etwas ungewöhnlichen Aufträge. — Als Dr. Schleiermacher dem Biblipothekar ſeine Verlegenheit mittheilte, war bereits Alles in be⸗ ſter Ordnung und am Abend fuhren nicht Schleier⸗ macher und Rautenthal aus der Stadt, ſondern der Patikulier von Utzſchneider aus München und der Kaufmann Heilmann aus Warſchau.
In Venloo trennten ſich die Beiden, um die Nach⸗ forſchungen zu erſchweren, verſprachen jedoch an einem beſtimmten Tage im März in Bremen wieder zuſam⸗ menzutreffen; allein entweder hatte ſich Utzſchneider verſpätet oder, was wahrſcheinlicher anzunehmen iſt, Heilmann ſich in Bremen nicht ſicher geglaubt, genug, der Letztere war mit Zurücklaſſung eines Briefes nach Hamburg weiter gereiſt, wohin ihm auch der Baron nach nur eintägigem Aufenthalt folgte.


