die ebenfalls frühere Vergehen zu ſühnen hatten, un⸗
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gannen, und gleichwohl ſollten auch ſie eben ſo erfolg⸗ los als nutzlos ſein.
Unſer Unbekannter konnte ſich nicht verhehlen, daß, wie ſchlau er auch zu Werke ging, alle Nachforſchungen nach ſeiner Vergangenheit zu erſchweren, doch nach Ab⸗ lauf ſeiner Strafzeit der Transport an andere Gerichte,
vermeidlich erfolgen mußte, und die Ausſicht, auf Jahr⸗ zehnte hinaus ein Gefängniß mit dem andern vertau⸗ ſchen zu ſollen, war für einen ſo lebensluſtigen, genuß⸗ ſüchtigen, jungen Mann, wie es eben unſer Held war, gewiß troſtlos genug, um ſich nicht unabläſſig mit demn Gedanken zu beſchäftigen, wie er einem ſolchen Schick⸗ ſale entgehen könne. Der einzige Ausweg blieb die Flucht, ſie aber in's Werk zu ſetzen, das ſchien bei der Höhe der Mauern, der Feſtigkeit der Thüren und den zahlreichen Wachen ein Ding der Unmöglichkeit, und die Erfindung eines Planes und ſeine Ausführung war ein Werk ganz der Verſchlagenheit und Ausdauer unſeres Fritze würdig.
Als der Pſeudo⸗Edelmann während der Vorun⸗ terſuchung zum erſten Male das Mainzer Korrektions⸗ haus betrat, lernte er dort einen jungen Menſchen ken⸗ nen, Namens Plenken, der wegen Wechſelfälſchung zu fünfjähriger Haft verurtheilt worden war.
Sein ſtilles geſittetes Betragen und ſeine tiefe Reue verſchaffte ihm bald die Gewogenheit des Ober⸗ aufſehers, und da der junge Mann eine gute Hand ſchrieb und auch ſonſt nicht ohne Fähigkeiten zu ſein ſchien, ſo beförderte ihn dieſer, der in ihm das Opfer einer augenblicklichen Verführung erkannte, zu einem Vertrauenspoſten, d. h. er zog ihn zu den Arbeiten im Bureau und übertrug ihm endlich ſogar die Führung der Bücher und der Kaſſe der von den Gefangenen ge⸗ machten Erſparniſſe. Beim Antritt ſeiner Strafe er⸗ neuerte Fritze ſeine Bekanntſchaft mit dem jungen Plenken, der mit ihm im gleichen Alter ſein mochte. Eduard fuühlte ſich bald überzeugt, daß er in ihm den Mann gefunden habe, der ihm bei ſeinem Entkommen be⸗ hilflich ſein könne. Er näherte ſich ihm ſo oft es nur an⸗ ging, und bei der Gabe unſers Helden, ſich überall be⸗ liebt zu machen, gelangten die Beiden in Kurzem zu ziemlicher Vertrautheit. Auch auf die Gefangenwärter dehnte Fritze ſeine Zauberkünſte mit kluger Berech⸗ nung aus, und ſo kam es, daß ihm dieſe manche Frei⸗ heit verſtatteten, die gegen die ſtrenge Hausordnung verſtieß. So erlangte er es endlich, den Tag über ſich in Plenkens Zimmer mit Zeichnen beſchäftigen zu dürfen, und als er ſich wegen dieſer Vergünſtigung in Dankesäußerungen ergoß, ahnte wohl keiner, daß der Gefangene damit bereits den erſten Schritt zur Frei⸗ heit gethan.
Der vermeintliche Baron verwendete ſeine Zeit auf's beſte. Mit der ihm eigenen Beredſamkeit ſchil⸗ derte er ſeinem Gefährten das herrliche Leben, welches er außerhalb der Kerkermauern geführt, und wie es ihm,
Emil Dietze: Ein Fälſcher.
wenn er erſt wieder in Freiheit ſei, nie an Geld fehlen werde. Er weckte damit in Plenken die Luſt nach Freiheit, und auf dieſem Grunde arbeitete er raſt⸗
los, aber mit Vorſicht weiter. Den Gedanken an Flucht wies Plenken anfangs mit Unwillen von ſich, er hatte ſie ja nicht nöthig; nur achtzehn Monate hatte er noch in der Haft zu verbleiben, wie bald waren ſie vorüber, und die Arbeit, die ihm oblag, war eine kaum beſchwerliche; zudem genoß er ſo viele Freiheit, daß er ſein Los kaum erträglicher wünſchen konnte.
Aber wie der regelmäßig niederfallende Tropfen auch den härteſten Stein höhlt, ſo blieben auf Plen⸗ ken die ſortgeſetzten Aufforderungen und Verheißun⸗ gen nicht wirkungslos. Er wurde mit dem Gedanken immer vertrauter, daß es doch ungleich angenehmer ſei, bald hier bald dort in der Welt mit Geld in Hülle
und Fülle in der Taſche zu leben, als noch anderthalb
Jahre zwiſchen Kerkerwänden eingeſchloſſen zu vertrau⸗ ern und dann mit dem Kainszeichen auf der Stirn unter die Menſchen hinauszutreten, die ihm allüberall aus dem Wege gingen. Plenken kämpfte einen langen und ſchweren Kampf bis ſein guter Genius un⸗ terlag und Fritz insgeheim jubelnd unter der Zu⸗ ſage ſich von ihm trennte, daß ſie zuſammen ihre Flucht bewerkſtelligen wollten. 4
Eduards erſte Beſchäftigung war nunmehr die Anfertigung von Legitimationen, und bei der unge⸗ meinen Fertigkeit, welche er in ſolchen Dingen beſaß, waren in nicht langer Zeit ein Paß für den Dr. Phil. Schleiermacher aus Berlin, ein anderer für den Aſſeſſor Raut enthal aus Colle und nächſtdem eine Reiſeroute für den Forſtpraktikant Nothweiler wie eine für den Studioſus Juris Rauſchkolb zu Stande gebracht und ſie alle konnten wohl ſelbſt einen mehr als flüchtigen Blick ertragen, beſonders da ihnen noch zu größerer Beglaubigung das Siegel des Mainzer Polizeikommiſſärs, welches Plenken leicht zugänglich war, aufgedrückt wurde. Zum Ueberfluß verſahen ſie noch eine Anzahl weißer Bogen mit demſelben Siegel, denn man konnte ja nicht wiſſen, ob ſie ihnen nicht irgendwo zu ihrem Fortkommen förderlich ſein konnten.
Aber auch Geld mußten ſie haben, wenn die Zuchthausmauern hinter ihnen lagen, und die Anferti⸗ gung eines Wechſels über 650 Thlr., den die Gebrü⸗
der Löbbecke und Co. in Braunſchweig auf Karl W. T.
Schultze in Berlin zogen und der das Giro des Für⸗ ſten von Wied zu Neuwied trug, war die nächſte Arbeit. Auch ſie fiel ganz zu beiderſeitiger Zufriedenheit aus. So weit war Alles vortrefflich vorbereitet und die Bei⸗ den hatten blos noch daran zu denken, wie ſie den Ge⸗ fangenaufſeher beſeitigten. Dieſen Theil mußte Plen⸗ ken auf ſich nehmen und der zukünftige Dr. Schleier⸗ macher gab ihm auch hierzu die erforderliche An⸗ leitung..
Unter dem Vorwande eines Geſchäftes, welches Plenken in Frankfurt abgemacht zu ſehen wünſche, bat Plenken den Aufſeher für ihn und auf ſeine Koſten dahin zu reiſen. Dieſer, der dort Verwandte beſaß, war unſchwer dazu zu bewegen und es wurde einer der nächſten Sonntage dazu feſtgeſetzt. Inzwi⸗ ſchen ließ Plenken durch einen jungen Mann, deſſen zeitweiſe Beſuche ihm nachgeſehen wurden, für denſel⸗


