Emil Dietze:
Ein Fälſcher. 35⁵
ſtätten geſchloſſen, damit ſie ja nicht den ſeltenen An⸗ blick verſäumen möchten, welcher heute den Mainzern geboten werden ſollte. Unfern der Thür des Juſtizge⸗ bäudes befand ſich das verhängnißvolle Halseiſen; fünf bis ſechs Stufen führten zu der Eſtrade, über welcher es in Manneshöhe angebracht war.
Mainz beſitzt keinen Ueberfluß an großen Plätzen und der vor dem Juſtizgebäude hätte zehnmal ſo groß ſein müſſen, um alle die Menſchen zu faſſen, die ſich herzudrängten und von denen ein nicht geringer Theil ſogar aus weiterer Ferne herbeigekommen war, um den Mann zu ſehen, der mit ſo viel Glück die Mainzer vor⸗ nehme Welt zu täuſchen verſtanden. Alle Fenſter der umliegenden Gebäude waren mit Schauluſtigen beſetzt, ſelbſt auf Dächern und Firſten konnte man Neugierige wahrnehmen. Wenn ein zum Tode Verurtheilter das Schaffot hätte beſteigen ſollen, ſo hätte das Schauſpiel nicht eine größere Menſchenmenge herbeiziehen können.
Die Glocke des Domes ſchlug eilf— die Stunde, zu welcher der erſte Theil des Urtheils an dem Betrüger vollzogen werden ſollte. Die Ungeduld des Publikums ward auf keine lange Probe geſtellt. Von den Schergen
des Geſetzes umgeben erſchien der Inquiſit vor Aller
Augen auf der Eſtrade. Während der Eine ſeiner Be⸗ gleiter das Eiſen ihm um den Hals legte, befeſtigte ein Anderer über ſeinem Kopfe die große ſchwarze Tafel, auf der mit leſerlicher Schrift des Uebelthäters verſchie⸗ dene ſich beigelegte Namen, Gewerbe und Wohnorte, ſo wie ſeine Strafe und die Urſache ſeiner Verurthei⸗ lung deutlich zu leſen waren.
Durch die Vermittelung eines im Korrektionshauſe als Arzt angeſtellten Verwandten hatte ich einen Platz erhalten, der es mir möglich machte, den am Schand⸗ pfahle Stehenden auf's Genaueſte zu betrachten, und wenn irgend noch in mir ein Zweifel darüber obge⸗ waltet hätte, daß mein Magdeburger Bekannter und der hier Verurtheilte eine und dieſelbe Perſon ſeien, jetzt hätte er ſchwinden müſſen. Ließ er auch den Kopf, ſo weit dies das Halseiſen zuließ, auf die Bruſt herab⸗ ſinken, ſo ſtand ich doch nahe genug und konnte ihm zu feſt und lange in's Antlitz ſchauen, um mich auf's Voll⸗ ſtändigſte von meiner Vermuthung zu überzeugen. Das war ja dieſelbe gedrungene Geſtalt, dieſelbe breite Stirn mit den zuſammen gewachſenen Augenbrauen; auch das Grübchen im Kinn und die beiden Leberflecke auf der linken Wange fehlten nicht.
Wie erniedrigend und demüthigend dieſe Aus⸗ ſtellung auch ſein mußte, das ließ ſich nicht läugnen, daß ſich ihr der Pſeudobaron mit einer Art unterwarf, die weit mehr Theilnahme als Spott weckte. Selbſt hier ſpielte er mit glücklichem Takt die Rolle eines Mannes, der ſich ſeinem Schickſale beugt, ohne auch nur den Verſuch zu machen, ihm zu trotzen.
Die Stunde war endlich abgelaufen, die ſchreck⸗ lichſte ſeines Lebens, wie der Ex⸗Oberſt und Kammer⸗ herr wiederholt bekannte, das Halseiſen wurde gelöſt, die Schandtafel über ſeinem Kopfe abgenommen und der Gefangene abgeführt. Im Augenblicke ſeines Herab⸗
ſteigens ließ er den Blick ſcheu zur Seite ſchweifen und
begegnete dem meinen; es war nur ein Moment, allein er reichte hin, uns einander erkennen zu laſſen; das un⸗ willkürliche Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln beſtätigte mir, daß er mich geſehen und erkannt hatte.
Das Schauſpiel war zu Ende, das Volk verlief ſich ärmend und Mainz hatte für ein paar Tage Stoff zur Unterhaltung.
Noch nicht lange hatte der Namenloſe ſeinen Ein⸗ zug im Detentionshauſe gehalten, als ich durch einen beim Gericht fungirenden Freund erfuhr, daß die Nach⸗ forſchungen nach dem früheren Leben des Gefangenen von Neuem aufgenommen würden, denn er hatte gegen einen ſeiner Mitgefangenen eine Geſchichte ſeines Lebens erzählt, die von allem bisher Erforſchten bedeutend ab⸗ wich. Wieder gingen nach allen Richtungen hin Berichte ab, man wollte ſchlechterdings dem räthſelhaften Ge⸗ fangenen den Schleier abreißen, in den ſich dieſer ſo hartnäckig hüllte. Ich nahm jetzt keinen Anſtand mehr, von meiner Begegnung mit dem Vielnamigen als Baron Müller auf der Reiſe nach Magdeburg und während meines Aufenthaltes daſelbſt zu ſprechen. Die Erzäh⸗ lung fand ihren Weg weiter und eines Tages ward mir eine Vorladung der Unterſuchungsbehörde und ich gab meinen Bericht ſo detaillirt als ich vermochte zu den Akten, damit er in Magdeburg zur Erörterung näherer Thatbeſtände führen ſolle. Das Reſultat ließ auch nicht lange auf ſich warten und ich muß bekennen, es hatte für mich nichts Ueberraſchendes zu erfahren, daß Baron Müller am Tage ſeiner Verlobung nach bewirktem Verkauf eines gefälſchten Wechſels über ſechs⸗ hundert Thaler, wobei einer ſeiner militäriſchen Freunde Bürgſchaft für ihn geleiſtet, und mit Hinterlaſſung be⸗ deutender Schulden ſpurlos verſchwunden war. Die erlaſſenen Steckbriefe hatten keinen Erfolg gehabt. Das dortige Gericht bat am Schluſſe, wenn ſich mit Zuver⸗ läſſigkeit herausſtelle, daß der in Mainz Verhaftete der Fälſcher des in Magdeburg verausgabten Wechſels ſei, der Specialgerichtshof möge den Verbrecher nach ver⸗ büßter Strafe unter ſicherer Begleitung zu weiterer Rechenſchaft nach Magdeburg abliefern laſſen.
Der Exkammerherr von Eichsfeld, Oberſt Minnigerode, Baron Müller und welche Namen mein Magdeburger Freund ſich ſonſt noch beigelegt haben mochte, ſah, daß die Sache für ihn ſehr ſchlecht ſtand und daß er aus einem Zuchthaus in das andere werde wandern müſſen, er läugnete alſo beharrlich und ſelbſt bei einer Konfrontation mit mir ließ er ſich nicht zu dem geringſten Zugeſtändniß herab und verſicherte ſo keck und kaltblütig, mich nie geſehen zu haben, daß ich ſelbſt hätte irre werden können, obſchon eben dieſe Gegenüberſtellung in mir nur die Ueberzeugung be⸗ feſtigte, daß ich mich nicht getäuſcht habe.
Während noch in dieſer Angelegenheit zwiſchen Mainz und Magdeburg Schreiben ausgetauſcht wur⸗ den, bereitete unſer Held im Gefangenenhauſe dem Ge⸗ richte abermals eine neue Verwirrung, indem er ſeine letzte Erzählung im vertraulichen Geſpräch gegen einen Mitgefangenen zurücknahm und behauptete, Her⸗
mann von Eck zu heißen. Neue Nachforſchungen be⸗ 5*


