Jahrgang 
1864
Seite
34
Einzelbild herunterladen

34 Emil Dietze: Ein Fälſſcher.

Reſerve⸗Infanterieregiment ernannt, 181 jedoch, als das Regiment aufgelöſt ward, auf Wartegeld ge⸗ ſetzt. Von da an lebte ich in Berlin. Im Jahre 1826 erhielt ich mittelſt Reſkripts der General⸗Or⸗ dens⸗Kommiſſion das allgemeine Ehrenzeichen erſter Klaſſe.*) 4

Wenn ſich in Folge eines ſcharfen Verhörs in dieſen letzten Angaben manche Widerſprüche und Un⸗ wahrſcheinlichkeiten herausſtellten, ſo konnte man doch der Erzählung nicht alle Glaubwürdigkeit verſagen, bis

die darüber anzuſtellenden Erörterungen mehr Licht in

die Sache gebracht haben würden. Indeß ging man behutſam zu Werke.

Es war nicht unbeachtet geblieben, daß bei allen Vernehmungen Berlin derjenige Ort war, deſſen Er⸗ wähnung am häufigſten wiederkehrte, und es war da⸗ her beinahe ſelbſtverſtändlich, daß man vor allen Din⸗ gen dahin wirkte, daß in Berlin die nöthigen Nachfor⸗ ſchungen angeſtellt würden. Und die Berliner Poli⸗ zeibehörde erwarb ſich dabei das rühmliche Zeugniß, daß ſie dem Namen Müller außs energiſchſte nach⸗ ſpürte; alle Civil⸗ und Militärämter, ja ſelbſt das Kriegsminiſterium faſt wurden in Bewegung geſetzt; wie hätte man indeß trotz aller Anſtrengungen Ausſicht zu einem Reſultate zu gelangen, da in den Berliner Ein⸗ wohnerregiſtern kein anderer Name ſo häufig wieder⸗ kehrt, als eben Müller; ja es war geradezu unmög⸗ lich und alle Arbeit vergeblich, denn der Inquiſit führte dieſen Namen gar nicht. Gleichwohl hielt er es für angemeſſen, jetzt nicht mit neuen Enthüllungen hervor⸗ zutreten, denn was hätte ihm günſtiger ſein können als einen Namen beizubehalten, den viele tauſend Erden⸗ kinder mit ihm theilten?

Je mehr das Gericht ſah, mit welchem verſchmitz⸗ ten Burſchen es zu thun hatte, je raſtloſer und hart⸗ näckiger trieb es ihn in die Enge; aber Müller ließ ſich weder verwirren noch in die Enge treiben. Für alle Vorhalte, die ihm als unwahr nachgewieſen wur⸗ den, hatte er eine plauſible Ausflucht und die offen⸗ barſte Lüge vertheidigte er mit der unglaublichſten Keck⸗ heit. Er wußte, daß er um ſeine Freiheit kämpfte und kaum ſchrittweiſe wich er der gegen ihn erhobenen Anklage. Eine Fälſchung, ſo behauptete er dreiſt, liege von ſeiner Seite gar nicht vor; beide, Paß und Wech⸗ ſel, ſeien nach ſeinem Dafürhalten echt, er habe ſie in Spaa einem Spieler abgewonnen und ſich ihrer zu

ſeinem Fortkommen bedient, das ſei eben ſein ganzes Vergehen. Waren die Papiere falſch, ſo traf die Schuld nicht ihn. Dem ſtand indeß entgegen, daß der Wechſel nach dem Gutachten eines Schriftverſtändigen zweifel⸗ los von ſeiner Hand geſchrieben war. Müller war um die Antwort nicht verlegen; er verwies auf das Wörterbuch der franzöſiſchen Akademie, welches den Unterſchied zwiſchen écrire und paintre feſtgeſtellt habe und wonach ſich eine Schriftvergleichung immer nur auf Buchſtaben beziehen könne.

Stand ſchon beim Beginn der Unterſuchung die

Anſicht feſt, daß man es nicht mit einem Verbrecher zu thun habe, deſſen erſter Verſuch zur Beſtrafung vorlag, ſo hatte dies während derſelben nur Beſtätigung gefun⸗ den. Damals, als er zugeſtanden, der berüchtigte Bom⸗ bardier Nieme zu ſein, glaubte man endlich den rech⸗ ten Faden in der Hand zu haben, man kam bald von dieſer Annahme zurück, denn, wenn der Gefangene auch nicht ſelbſt eingeſtanden, daß er eine Unwahrheit geſpro⸗ chen, die Thätigkeit des echten Nieme gab ſich eben da⸗ mals in einer andern Richtung auf's unzweifelhafteſte kund. Die Verwirrung wurde zuſehends größer und um nur endlich zu einem Schluſſe zu gelangen, ſah man ſich in der Lage, einen Unbekannten, Namenloſen zu verur⸗ theilen.

Nachdem ſo die Vorunterſuchung einen ungeheu⸗ ren Zeitaufwand in Anſpruch genommen, wurde ihm, ungeachtet ſeiner ſelbſtgehaltenen, ſehr beredten Ver⸗ theidigung eine fünfjährige Zwangsarbeit mit voraus⸗ gehender einſtündiger Ausſtellung am Pranger zuge⸗ ſprochen.

Man vermag ſich kaum einen Begriff zu machen von der Aufregung, mit welcher das Publikum dieſe Nachricht aufnahm. Alle Welt frohlockte, nur die, welche während ſeiner Glanzperiode mit dem Verurtheilten in freundſchaftlichem Verkehr geſtanden und ihn durch ihr Vertrauen und durch Feſte geehrt, fanden es peinlich, an ihre Freundſchaft mit einem Verbrecher erinnert zu werden.

Der achtzeh nte December 1834 war, wie ſich viel⸗

leicht noch ſo Mancher, der damals in Mainz lebte, erinnern wird, ein angenehmer Wintertag. Eine dünne, während der Nacht gefallene Schneedecke hatte Dörfer, Straßen und Plätze überkleidet; am frühen Morgen ſchien es, als ob ganze Laſten von Schnee vom Him⸗ mel herniederfallen wollten, aber gegen neun Uhr theil⸗ ten ſich die Wolkenmaſſen, bald war das Firmament von ihnen befreit und die Sonne leuchtete mit einer Klarheit, wie das ſchauluſtige Publikum es ſich kaum beſſer wünſchen konnte.

Die Aufregung, welche ſich ſchon Anfangs im Volke kundgegeben, war bis zu dem verhängnißvollen Tage eine allgemeine geworden. Eine Ausſtellung am Pranger gehörte damals nicht eben zu den Seltenhei⸗ ten; gleichwohl fand ſie nicht ſo häufig ſtatt, daß ſie nicht das Intereſſe eines gewiſſen Theiles des Publi⸗ kums hätte in Anſpruch nehmen ſollen, um wie viel mehr mußte dies der Fall ſein, da der Held des Tages ein Mann war, der während ſeines erſten Auftretens durch ſeinen vermeintlichen Rang und einen zur Schau getragenenen Reichthum den exkluſiven Ständen angehört und allgemeine Bewunderung erregt hatte. Damals ein mit Orden geſchmückter Edelmann, heute ein als Betrüger verurtheilter namenloſer Landſtreicher.

In den Straßen und auf den Plätzen der guten alten Stadt Mainz wogte es von Menſchen, je näher die Stunde der Ausſtellung kam. Einzelne Kaufleute

*) Den gegenwäktigen rothen Adlerorden vierter Klaſſe. und Handwerker hatten ſogar ihre Läden und Werk⸗

4