Jahrgang 
1864
Seite
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Feuilleton.

ſeufzte und flehte in allen möglichen Tonarten; es war alles vergeblich, zuletzt verfiel ſie auf das verzweifelte Mittel, eine Ohnmacht zu fingiren, und ſank in den Seſſel zurück. Auch dies blieb ohne Erfolg, wir ließen ſie ru⸗ hig liegen, kümmerten uns nicht im Mindeſten um ſie, und beſchäftigten uns ausſchließlich mit ihrem Gatten.

Na, wird's bald; kriegen's nicht ſchnell Guſto zu Ihrem Fleiſche, ſo rufe ich die Soldaten. Nur noch fünf Minuten gebe ich Ihnen Bedenkzeit, ſprach drohend der Wiener, dabei eine alte, dicke ſilberne Taſchenuhr, die er wahrſcheinlich noch von ſeinem Großvater geerbt haben mochte, mühſam aus der Taſche ziehend.

Der Amerikaner krümmte ſich wie ein Aal, dem eine Köchin die Haut abziehen will, ächzte verzweifelt, der Angſtſchweiß trat d ſeine Stirn, er nahm wiederholt den Teller mit dem Fleiſch in die Hand, als wolle er wirklich den Verſuch machen, es zu verzehren, ſetzte ihn aber, von unbeſieglichem Ekel erfaßt, bald ſchnell wieder fort. Wahrlich, es war ein Schauſpiel zum Lachen, und nur mit Mühe vermochten wir Alle die nöthtge Faſſung uns zu bewahren.

Endlich trat ich nach dem von uns gemeinſchaftlich verabredeten Plan dazwiſchen, zog ein Papier hervor und überreichte ſolches dem Lieferanten mit den Worten: Wir wollen doch Gnade über Sie ergehen laſſen, und wenn Sie dies unterſchrieben haben, werden wir Sie ohne weitere Strafe entlaſſen. Gleichwie ein Ertrinken⸗ der nach dem letzten Strohhalm greift, ſo erfaßte der weidlich Gequälte ſchnell das betreffende Papier und las es mit eiliger Haſt. Es enthielt eine deutlich abgefaßte Erklärung, wonach er ſich verpflichtete, den beiden von uns kommandirten Kompagnien ſtets Pöckelſchweinefleiſch beſter Gattung zu liefern, und wenn wir zufällig einmal verdorbenes erhalten hätten, ſolches ohne weitere Ein⸗ wendung ſogleich umzutauſchen. Feder und Dinte war bereit gehalten, ſo ſchnell wie möglich unterzeichnete der Lieferant dies Dokument und athmete ordentlich erleich⸗ tert auf, als er mir das Papier überreichte. So wie dies geſchehen und unſere Abſicht dadurch vollſtändig gelun⸗ gen war, wurden wir ſogleich wieder äußerſt höflich ge⸗ gen den Lieferanten und luden ihn ein, fernerhin noch einige Flaſchen Champagner mit uns zu trinken. Er meinte aber ſchmollend, der Appetit ſei ihm vergangen und be⸗ fahl, daß ſchnell ſeine Equipage vorfahren ſolle. Seine Gattin war inzwiſchen ohne weitere Beihilfe von unſerer Seite wieder aus ihrer Ohnmacht aufgewacht und das würdige Chepaar beſtieg ſo bald wie möglich den inzwi⸗ ſchen vorgefahrenen Wagen, ohne uns eines Abſchiedes zu würdigen.

Wie ſchaut's mit unſerer Einladung am Dienſtag aus, wir werden wohl ein vortreffliches Diner bei Ihnen bekommen und wollen ſchon guten Appetit dazu mitbrin⸗ gen, frug noch ſpottend der Wiener Hauptmann den in den Wagen ſteigenden Lieferanten.

Hol Sie der Teufel, Herr! lautete deſſen aufrichtig gemeinte, nicht gerade höfliche Erwiederung. Die muthi⸗ gen Roſſe zogen im Galoppe an und ſchnell entrollte die Karoſſe lun ann Blicken.

Wir Officiere tranken vergnüglich unſeren Cham⸗ pagner allein aus und lachten noch über den ſo arg an⸗ geführten Lieferanten, daß uns die Thränen über die Backen liefen. Der Mann hielt ſein Verſprechen übri⸗ gens getreulich und unſere beiden Kompagnien empfingen von nun an ſo vortreffliches Fleiſch, daß die Soldaten damit vollkommen zufrieden waren. Als wir ihnen ſpäter die Geſchichte erzählten, lachten ſie alle ſehr und brach⸗ ten uns, ihren Hauptleuten, ein lautes Lebehoch, daß wir ihnen auf ſo ſchlaue Weiſe gutes Fleiſch verſchafft hät⸗ ten meinten dabei aber, daß, wenn ſie gewußt, jener Herr in der eleganten Equipage ſei der ſchurkiſche Liefe⸗ rant, ſo hätte nichts auf der Welt ſie abhalten können, ihn tüchtig zu lynchen. 4

Dieſer ganze Vorfall charakteriſirt ungemein die in der nordamerikaniſchen Unions⸗Armee herrſchenden Zu⸗

ſtände, daher ich ſolchen hier umſtändlicher erzählt habe. Hilf dir ſelbſt heißt es hier in Allem und Jedem und wenn man dies nicht thut, ſo wird man überall mit Füßen getreten. Bezeichnend für die amerikaniſche An⸗ ſchauungsweiſe iſt auch noch, daß dieſer Lieferant ſpäter zu unſerem Oberſten geſagt hat:Wir beiden Hauptleute wären zwei äußerſt geriebene Menſchen, die ſich nicht leicht anführen ließen und vor denen man ſich hüten müſſe. Der hübſchen Frau bin ich ſpäter noch einige Mal in Waſhington begegnet, und hatte die Unver⸗ ſchämtheit, ſie anreden zu wollen. Wenn böſe Blicke Dolchſtiche wären, dann lebte ich ſicherlich nicht mehr, mit ſo zornigen Augen ſah ſie mich immer an.

Kleine Prager Chronik.

Ob Krieg ob Frieden, ob Konferenz oder Kongreß, ob Krieg mit England oder Allianz, alle dieſe Fragen beſchäftigten zu Beginn der zweiten Hälfte des Monates Juni die Prager Bevölkerung bei weitem nicht ſo lebhaft als das, ob die Produktionen der franzöſiſchen Tänzer⸗ geſellſchaft wirklichSchafhaxerl ſind oder nicht. er Name Rigolboche und die famöſen Memoiren der Dame waren ja von der Kaffeeſchweſter Fama ſchon lange vor dem Erſcheinen der berühmten oder vielmehr berüchtigten Cancaniſtin zu den Ohren der Haſſer und Liebhaber ge⸗ drungen und hatten die balletverehrende Bevölkerung Prags, und dieſe zählt nach Tauſenden, in nicht geringe Aufregung gebracht. Die Verehrer des laſterhaften Kultur⸗ pionniersCancan legten für die möglichſte Freiheit der Sittlichkeit oder beſſer geſagt der Unſittlichkeit eine Lanze ein, während die prüden Eiferer für lange Röckchen Wehe riefen. Als nun die gefürchtete und erſehnte Stunde kam, gingen beide Gattungen in's Theater, die einen, um ſich zu entzücken, die andern, um den höchſten Grad morali⸗ ſcher Entrüſtung zu erzielen und entſetzt die Hände zu⸗ ſammenzuſchlagen über die Verderbniß der Sitten. Wir glauben, daß beide Parteien ein wenig enttäuſcht waren, denn es ſtellte ſich heraus, daß man vielleicht mit dem Rufe des Unanſtändigen nur Reklame gemacht hatte, da die Aufführung des Cancan mit ſammt der Rigolboche viel züchtiger war, als mancher beopernguckerte alte Herr wünſchte. Wer weiß, wie weit die Aufregung der Ballet⸗ enthuſiaſten geführt hätte, wäre nicht ein Ereigniß dazu⸗ gekommen, das jedes Oeſterreichers patriotiſchen Geiſt ge⸗ weckt und ihn von Lappalien zu etwas Hohem und Schö⸗ nem gelockt hätte. Wir meinen hiermit den Beſuch Sr. Majeſtät in Prag. Den geliebten Kaiſer zu ſehen, eine ſolche Gelegenheit läßt ein guter Oeſterreicher, und deren gibt es Gott ſei Dank noch viele, niemals unbenützt, und eine ſolche Gelegenheit wurde den Pragern am 25. Juni geboten und auch eifrig benützt.

Schon um vier Uhr früh war eine zahlloſe Menſchen⸗ menge in Smichow verſammelt die der Ankunft Sr. Majeſtät mit Spannung entgegenharrte. Am vorhergehen⸗ den Tage waren Hunderte von Händen beſchäftigt gewe⸗ ſen, die Dekoration der Häuſer zu vollenden. Smichow war nie ſo ſchön und ſo allgemein geſchmückt geweſen. In allen Straßen wehten Flaggen und flatterten Fähnchen, die Fenſter der Dachwohnungen entbehrten des Schmuckes ſo wenig, als die der Vornehmſten und Reichen. Der Weſtbahnhof war mit Fahnen und Laubgewinden geſchmack⸗ voll dekorirt, und die Einfahrthalle in einen duftenden Garten umgewandelt. Zwei Obeliske ſtanden dort, wo⸗ ſich die Königſaaler und Berauner Straße vereint, weiß überkleidet, die Kanten mit weißen und goldenen Schlan⸗ genlinien beſetzt, in der Mitte Blumenguirlanden und Kränze, in denen der Namenszug Sr. Majeſtät des Kaiſers glänzte. Hoch oben prangte auf einem Obelisken der öſter⸗ reichiſche Aar, auf dem andern der böhmiſche Löwe. Der Einblick in die Straßen, die vom Aujezder Thor zum Weſtbahnhof führen, brachte durch die Unzahl der Fahnen

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