Feuilleton. 31
und Flaggen einen großartigen Eindruck hervor. Bemer⸗ kenswerth iſt auch, daß von der„Auſtria“ die ſchwarz⸗ roth⸗goldnen Farben entgegenglänzten. Am Vokauniſchen Garten war ein Sinnſpruch in Kechiſcher Sprache auge⸗ bracht, der die Bitte enthielt, Se. Majeſtät möge unſerem Vaterlande öfter ſein Antlitz zukehren. Einen beſonders
freundlichen Anblick gewährten die kleinen weißgekleideten
Schulmädchen, die, 24 an der Zahl, am Fuß der Obelisken ſtanden. Um 5 Uhr fanden ſich der Statthalter Herr Graf Belcredi und der Landeskommandirende Herr Graf Clam⸗ Gallas nebſt einer Deputation des Smichower Stadtrathes zum Empfange Sr. Majeſtät ein, und als der Kaiſer ſchlag halb ſechs eintraf, da krachten Pöllerſchüſſe, die Kapelle des Regiments Gyulai ſpielte einen Feſtmarſch und defilirte mit der Kompagnie in Paradeſchritt vor Sr. Majeſtät. Der Kaiſer dankte freundlich, reichte Sr. Exc. dem Grafen Clam⸗Gallas die Hand und ließ ſich von dem Herrn Statthalter den amtirenden Stadtrath M. von Portheim vorſtellen, an den er einige freundliche Worte richtete und über das Aufblühen der Vorſtadt Smichow a. h. Seine Befriedigung ausdrückte. Hierauf beſtieg Se. Maj. den Clam⸗Gallas'ſchen Wagen und es ging unter jubelnden Zurufen vorwärts. Der Herr Statthalter Bel⸗ credi fuhr voran, darauf folgte der Wagen, in welchem der Kaiſer ſaß, dem ſchloſſen ſich die Wagen des a. h. Gefolges, dann der des Herrn Landeskommandirenden Graf Clam⸗Gallas an. Bei den Obelisken angelangt ſtreuten die kleinen Mädchen Blumen, aus den Fenſtern wehten Tücher, fielen Blumen, Hunderte drängten ſich neben den Wagen unter ſtets erneuertem Jubelruf. Der Kaiſer war ſichtlich erfreut durch den Ausdruck der Freude, die ſich überall auf dem langgeſtreckten Weg vom Weſt⸗ bahnhof bis zum Staatsbahnhof offenbarte.
In den Straßen der Stadt, durch welche der Kaiſer fahren mußte, herrſchte ebenfalls bereits ſeit den früheſten Morgenſtunden ein bewegtes Leben. Von 4 Uhr Morgens an ſtrömten die Leute in die Ferdinandsſtraße, auf den Graben und zum Bahnhofe, gegen ½6 Uhr gab es na⸗ mentlich in der Hybernergaſſe bereits ein artiges Gedränge, dabei war man allenthalben noch damit beſchäftigt, die Häuſer, ſo weit es noch möglich war, zu dekoriren. Die Straßen hatten ſich aber auch wirklich über Nacht in ein ganz anſtäͤndiges Feſtkleid gehüllt; größere Vorbereitungen waren nicht möglich, da die Ankunft Sr. Majeſtät des Kaiſers für den 25. Juni erſt 12 Stunden zuvor mit Sicherheit gemeldet werden konnte. Aus allen Häuſern längs des Straßenzuges flatterten mächtige Fahnen in den Reichs⸗, Landes⸗ und bairiſchen Farben, vielfach waren auch die Häuſer mit Reiſigguirlanden, Büſten, Teppichen und Blumen dekorirt. Beſonders hervorzuheben iſt das Haus des Herrn Bürger⸗Majors Steffek, welches mit einer Ünzahl von Fahnen ausgeſchmückt war, der Balkon des Schlickſchen Palais, die kaufmänniſche Reſſource, welche den Balkon in ſehr geſchmackvoller Weiſe mit Fahnen und Blumen, von welchen die Büſten IJJ. MM. des Kaiſers und der Kaiſerin umgeben waren, dekorirt hatte, das Palais des Grafen Albert Noſtitz, deſſen Säulen in die Reichs⸗ und Landesfarben gehüllt waren, und das Hôtel„zum blauen Stern“. Von mehreren Häuſern wehten auch deutſche Fahnen, von dem geſchmackvoll dekorirten Hauſe des Herrn Richard Dotzauer vis-à-vis dem Bahn⸗ hofe, wo Se. Maj. ſpäter die Bürgergarden defiliren ließ, wehte eine rieſige ſchwarz-roth⸗goldne Flagge herab.
Nach fünf Uhr wurde die Strecke von der Abfahrts⸗ holl des Bahnhofs bis zum Lobkowitz'ſchen Palais abge⸗ chloſſen, und es rückten nach und nach die drei Bürger⸗ korps mit ihren Muſikkapellen und unter dem Kommando der Herren Majors Steffek, Klenka und Bernt in dem ab⸗ geſchloſſenen Raum ein, ſo zwar, daß ſie ihre Aufſtellung gegen den Bahnhof nahmen. Zunächſt der Halle ſtand die Ehrenkompagnie des Infanterie⸗Regiments Erzherzog Sigmund mit der Fahne und der Muſikkapelle, dann das Scharfſchützenkorps, welches ſehr zahlreich ausgerückt war, das Infanterie⸗ und ſchließlich das Grenadierkorps.
Gegen dreiviertel auf ſechs Uhr verkündeten die Hoch⸗ rufe der Menge, daß ſich Se. Majeſtät nähere. Die Truppen präſentirten, die Kapellen intonirten die Volks⸗ hymne, und die Menſchenmaſſe vor dem Bahnhofe be⸗ grüßte mit den lebhafteſten Acclamationen Se. Majeſtät, welcher nach allen Seiten in freundlichſter Weiſe dankte. Der Kaiſer trug die Marſchallsuniform, auf dem Kopfe eine Käppi, neben ihm im Wagen— einer Equipage des Grafen Clam⸗Gallas— ſaß Se. k. Hoheit der Groß⸗ herzog von Toskana in der Uniform eines Oberſten des ſeinen Namen führenden Regiments. Rings um den Wagen ritten die Mitglieder der bürgerlichen Kavallerie⸗ Eskadron. Vor dem Wagen, in welchem ſich der Kaiſer befand, war Se. Exc. der Herr Statthalter in ſeiner Galla⸗Staatsuniform gefahren. Es folgte eine Reihe von etwa 15 bis 20 Wagen, in denen ſich die Begleitung und das Gefolge des Kaiſers befanden. Im erſten Wagen ſaß Se. Excellenz der Herr F3M. Graf Clam⸗Gallas, der Generaladjutant des Kaiſers Graf Crenneville, weiter der Herr Stadt⸗ und Feſtungskommandant Freiherr v. Melzer, mehrere höhere Officiere u. ſ. w. Einer der folgenden Wagen erregte bei Mehreren ein beſonderes Intereſſe, es war dies etwa der neunte oder zehnte, in welchem ſich der Leiter unſerer auswärtigen Angelegen⸗ heiten Graf Rechberg an der Seite des Fürſten Fürſten⸗ berg befand.
Man erwartet wohl von uns hier keine Schilderung des Herrn Miniſters, wir glauben, die Meiſten unſerer Leſer werden ſchon eine Photographie des Grafen geſehen haben, und können ſich ſo eine genaue Vorſtellung von der äußeren Erſcheinung desſelben machen. Der Herr Miniſter ſchien übrigens recht guter und heiterer Laune zu ſein, und wüßten wir nicht, daß nach der gewöhnli⸗ chen Tradition Diplomaten die Sprache haben, um ihre Gedanken zu verheimlichen, und oft ein Lächeln, um ihre ſchlechte Laune zu verbergen, oder wären wir geneigt, aus geringfügigen Erſcheinungen ſogleich großartige po⸗ litiſche Folgerungen zu ziehen, ſo könnten wir beinahe zu dem Schluſſe verſucht ſein, die Unterredung Sr. Excellenz des Grafen Rechberg mit Herrn v. Bismark hätte ein vollkommen befriedigendes Reſultat gehabt, oder es habe ſich plötllich die Ausſicht eröffnet, daß die Herren in der letzten Konferenzſitzung doch noch ein Mittel finden werden, den Waffen noch eine längere Ruhe zu verſchaffen. Doch kehren wir wieder zu unſerem Be⸗ richte zurück.
Am Bahnhofportale wurde Se. Majeſtät von den verſammelten Militär⸗ und Bürgerkorpsofficieren empfan⸗ gen, ſtieg aus dem Wagen, und ließ das Militär und die Bürgerkorps defiliren. Der Kaiſer trat hierauf in die Halle ein, wo ihn der Bürgermeiſter von Prag, Herr Dr. Belsky empfing. Seine Majeſtät dankte in freundlichſter Weiſe und ſoll ſein Bedauern ausgeſprochen haben, nicht länger in der Hauptſtadt weilen zu können. Im Hofſalon, wohin ſich Se. Majeſtät zurückzog, war ein Frühſtück ſervirt. Nach einem Aufenthalt von etwa fünfzehn Mi⸗ nuten trat Se. Majeſtät auf den Perron des Bahnhofs, und beſtieg unter den ſtürmiſchen Acclamationen der ver⸗ ſammelten Menge und unter den Klängen der Volks⸗ hymne den Hofwaggon, welcher ſich allſogleich in Be⸗ wegung ſetzte.
Auf den Baſteien war eine ſehr große Menſchenmenge verſammelt, welche lebhafte Hochs dem Kaiſer zurief, als der Zug aus der Halle hervorkam.
Noch müſſen wir der ſehr hübſchen Dekorirung der Bahnhalle erwähnen. Der Balkon war weiß und roth. drappirt, in der Mitte desſelben prangte das Landes⸗ wappen, die Halle war mit edlen Pflanzen und Blumen ausgeſtattet, überall Fahnen, getragen von Adlern und Wappenſchildern, angebracht, in der Mitte des Ganzen befand ſich das Reichswappen.


