Jahrgang 
1864
Seite
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Feuilleton.

Orts hätte ſicherlich kein Reſultat für uns geliefert, wie wir deutſchen Officiere ſchon wiederholt erfahren hatten. Wirdutchmen ſind zwar jetzt den Amerikanern äußerſt willkommen, um für ſie zu fechten und unſer Blut zu vergießen, ſonſt aber halten alle Yankee's wie die Kletten zuſammen, wenn es gilt, unſere gerechten Forderungen zu verkürzen und uns möglichſt über das Ohr zu hauen. Wir mußten alſo in dieſem, wie überhaupt in jedem an⸗ dern Fall, ſchon den echt nordamerikaniſchen Grundſatz: Hilf dir ſelbſt anwenden. Schlauheit aber konnte hier⸗ bei am meiſten nützen.

Der betreffende Lieferant, ſo ein echter hartgeſotte⸗ ner BJankee vom Scheitel bis zur Fußſohle, wohnte in Waſhington, wo er außerdem einen bedentenden Laden hielt. Er hatte eine recht hübſche, etwas kokette Frau, die es ſehr liebte, wenn ihr ſtark gehuldigt wurde, und hierauf gründeten wir nun unſern wohlangelegten Plan. Der Premier⸗Lieutenant meiner Kompagnie war ein ſehr hübſcher Pole, wirklich ein wahrer Adonis, dabei gewandt und unverſchämt den Frauen gegenüber; kurz, gerade eine ſolche Perſönlichkeit, wie ſolche bei der Mehrzahl der nordamerikaniſchen Damen das meiſte Glück zu machen pflegen. Er hatte früher als Kadet in einem öſterreichi⸗ ſchen Infanterie⸗Regiment geſtanden, war 1849 zu den Ungarn deſertirt, dann nach Amerika verſchlagen und hatte ſich hier als Sänger in den Wirthshäuſern, als Schauſpieler und zuletzt als Erklärer an einem Wachs⸗ figuren⸗Kabinet nothdürftig durchgeſchlagen, bis ihn die Ereigniſſe des letzten Jahres plötzlich zum erſten Lieute⸗ nant machten, worauf er es denn auch für gut hielt, ſich einen Grafentitel beizulegen. Unter vier Augen geſtand er mir übrigens, er ſei nichts weniger als ein Graf, ſon⸗ dern ſein Vater lebe als ein ehrlicher penſionirter Feld⸗ webel in L...... ſein Großvater ſei aber noch ein polniſcher Haufirer geweſen. Nun, auf eine derartige kleine Schwindelei kommt es hier weiter nicht an, und wer unterſuchen wollte, weß Stammes und Geſchlechtes die ungariſchen und polniſchen Grafen, deutſchen Barone und franzöſiſchen Marquis, die unter unſern Officieren zu vielen Dutzenden umherlaufen, denn eigentlich in Wirk⸗ ichkeit wären, möchte gar ſeltſame Reſultate erhalten. Mancher frühere Berliner Barbier läuft hier als Graf oder Baron So und So ſehr ungenirt umher und ſucht die Manieren der vornehmen Herren, deuen er daheim den Bart abnehmen mußte, ganz getreulich nachzuahmen.

Mein Premier⸗Lieutenant und Pſeudo⸗Graf mußte nun der Frau unſeres Lieferanten den Hof. zu machen ſuchen, was ihm ſehr bald gelang, während ich mich um die nähere Bekanntſchaft ihres würdigen Gatten bewarb. Nach 14 Tagen waren wir beide gern geſehene Gäſte in dem prächtigen Hauſe dieſes Ehepaares, ſobald wir zum Beſuch nach Waſhington kamen, was damals ziemlich häufig geſchah. An einem ſehr ſchönen, klaren Frühlings⸗ tage als der bis dahin faſt unergründliche Schmutz ſich durch den ſtarken Wind ſo gefeſtigt hatte, daß die Wege vortrefflich waren, luden wir den Mann nebſt Frau zu einem kleinen militäriſchen Feſte in unſerm Lager ein. Wir verſprachen ein gutes Diner, ein hübſches Feuerwerk, eine Geſangsaufführung des Sängerchors in unſern bei⸗ den Kompagnien, der wirklich vortrefflich ſang kurz, wir wußten ſo viele beſondere Ergötzlichkeiten anzugeben, daß dieſe Einladung mit großem Vergnügen angenommen wurde.

Zur beſtimmten Stunde erſchien denn auch der Lie⸗ ferant nebſt Gattin in unſerem ungefähr drei Stunden von Waſhington entfernten Lager. Zwei feurige Braune von virginiſcher Rage zogen den vortrefflich gebauten, aber nach echt amerikaniſchem Geſchmacke mit bunten Far⸗ ben, überflüſſiger Vergoldung und unnöthigem Firlefanz eher verunzierten, als verzierten Wagen. Die hübſche Lieferantengattin mit ihren ſchmachtenden Augen und langen Locken war in vollſter Toilette. Ihre Krinoline hatte einen Umfang, daß ſie kaum aus dem Wagenſchlag herauskommen konnte, das roth und grau geſtreifte Sei⸗

getreten war.

denkleid rauſchte vom ſchwerſten Stoff, die ſchönen vollen Arme waren mit blitzenden Armbändern von großem Werthe faſt überladen, und wo ſich ſonſt nur irgendwie, ſei dies auch mit Verhöhnung jedes wahren guten Ge⸗ ſchmackes, eine goldene Kette oder ſonſt ein blitzender Schmuck anbringen ließ, war dies ſicherlich geſchehen. Die Frau zeigte ſo recht das Modell einer möglichſt reich und dabei äußerſt geſchmacklos aufgeputzten nordamerikaniſchen Modedame, wie man ſolche in den reichen Handelsſtädten der Union zu vielen Hunderten findet.

Auch der Lieferant ſelbſt, ein langer hagerer Kerl mit ſchmalem Geſicht, dünnen Lippen und graublauen ſcharfen Augen, ſo eine echte Jankee⸗Phyſiognomie, in der Schlauheit und Kaltblütigkeit aus jedem Zuge blitzte, war äußerſt elegant gekleidet. Als Tuchnadel trug er einen ſehr großen Edelſtein, der mindeſtens ſeine 1000 Dollars werth ſein mußte. Lager gewußt, dieſer elegante, ſchwarzgekleidete Gentle⸗ man ſei der ſchurkiſche Lieferant, der ſie mit halbver⸗ faultem Schweinefleiſch verſorgte und den ſie bisher ſchon ſo unzählige Mal verwünſchten, es wäre ihm ſchlecht er. gangen und ſelbſt wir Officiere hätten ihn nicht vor der Lynchjuſtiz nach echt amerikaniſcher Sitte zu ſchützen ver⸗ mocht. Auch ich ſelbſt konnte kaum meinen Widerwillen gegen dieſen Schurken bezwingen und mußte mich auf das äußerſte zuſammennehmen, um nicht aus der Rolle eines freundlichen Wirthes zu fallen.

Der Anfang unſeres Feſtes verlief vortrefflich. Der Premier⸗Lieutenant Pſeudo⸗Graf ſpielte den galanten Rit⸗ ter gegen die Lieferantengattin und auch wir andern Offi⸗ ciere der beiden Kompagnien waren äußerſt artig gegen den Gemal. Nachdem die Sänger der Kompagnien (lauter Deutſche) einige Lieder recht hübſch vorgetragen hatten, ſetzten wir uns zum Mittagsmahl, was in der möglichſt ausgeſchmückten Holzbaracke, in der wir Offi⸗ ciere gewöhnlich ſpeiſten, aufgetragen wurde. Die erſten Gänge waren von unſerm Koche, einen geborenen Frank⸗ furter, der dort imWeidenbuſch die Kochkunſt gelernt haben wollte, ſehr gut zubereitet, und da wir auch den Wein nicht ſparten, ſo geriethen wir Alle bald in eine heitere Stimmung. Beſonders auch der Lieferant; ſeine ſpitze Naſe begann ſich zu röthen und er verſicherte uns wiederholt, eine ſo angenehme Geſellſchaft von Officieren habe er in ſeinem Leben noch nicht gefunden, und wir möchten ihm doch das Vergnügen machen, den nächſten Dienſtag Alle bei ihm in Wafhington zu ſpeiſen. Und welch' verliebte Blicke tauſchten der Pole und die kokette Frau mit einander aus; wahrhaftig, ich konnte nur mit Mühe das Lachen zurückhalten, wenn ich an das bald herankommende Ende dieſes Freudenmahles dachte.

Der Braten, ein ſehr ſchöner Truthahn, war ſchon abgetragen, die Bedienten ſchenkten bereits den Cham⸗ pagner ein, und der Lieferant lehnte ſich mit der Miene eines gut geſättigten Mannes, der jetzt zu verdauen wünſcht, in den Lehnſtuhl zurück, als der Vorſitzende unſeres Mah⸗ les, der Hauptmann, der die andere Kompagnie befeh⸗ ligte, einem Bedienten einen leiſen Wink gab; dieſer ging ſogleich hinaus und kam bald mit einer verdeckten Schüſſel zurück, die er vor dem Lieferanten auf den Tiſch ſtellte.

Das iſt halt noch ein kleines Extragericht für Euer Gnaden, ſprach lächelnd der Hauptmann, ein geborener Wieuer, der noch 1859 in der öſterreichiſchen Armee ge⸗ dient, ſich dort das Militärverdienſtkreuz erworben hatte, und der lediglich in der Abſicht, ſich zu raufen und ein luſtiges Leben zu führen, jetzt in nordamerikaniſche Dienſte Neugierig hob der Lieferant den Deckel auf, prallte aber entſetzt mit dem Geſicht zurück, denn in

dieſer Schüſſel kag eine Mannsportion von jenem entſetz⸗

lich gepöckelten Schweinefleiſch.

Was ſoll dies was bedeutet dieſer ſchlechte Witz? frug er mich erſtaunt, während ſeine zarte Gattin mit allen Geberden des Abſcheues ſich ihr koſtbares Batiſt⸗ taſchentuch, welches von den feinſten Odeurs duftete, vor ihr Näschen hielt. 3

Hätten übrigens unſere Soldaten im