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Aus dem Leben eines alten Schauſpielers.
So lagen die Sachen, als Hyſel 1826 nach Nürn⸗ berg kam. Ein Freund hatte ihm geſagt, er ſolle nur gleich in die Horn'ſche Gaſtwirthſchaft gehen und Grüße von ihm überbringen, das würde ihm ein freundliches Willkommen bereiten. In der That geſchah es ſo; wir erwähnen das aber hier nur, weil bei der Gelegen⸗ heit Hyſel uns mittheilt, daß jetzt in demſelben Lokal— ihr Beſitzer heißt gegenwärtig Kiskalt— unter Glas und Rahmen ein Leib⸗ und Kernſprüchlein hängt, wel⸗ ches gar zu ſchön iſt, als daß wir es unſeren Leſern vorenthalten ſollten. Das Verschen heißt wörtlich:
„Der Menſch hat nig, als
Das Biſſerl, was er g'nießt;
Sowie er krank wird, kann
Er nix g'nieße, und wann
Er g'ſtorb'n is, is ſo goar. 3' Wian is aa ſo.“ Kiskalt war nämlich viele Jahre in Wien.
Die erſte Auftrittspartie unſeres Freundes war der
Ritter Montigny in„Sargino“, ſie ſchien nicht gerade geeignet, damit Epoche machen zu können; allein es war ja die ihm noch von ſeinem verſtorbenen Vater mit der Piſtole einſtudirte. Mit der Aufnahme, die er beim Publikum fand, konnte er ganz zufrieden ſein. Er mußte in der Folge viel und Mancherlei ſingen, nicht blos Tenor⸗ ſondern auch Baritonpartien, z. B. den Inka im„Opferfeſt“. In dieſer Oper gaſtirte einer der berühmteſten Sänger ſeiner Zeit, der Baſſiſt Sibert mit ſeiner Tochter. Am Schluſſe gerufen, er⸗ ſchienen beide mit einer Guitarre und ſangen einen Ti⸗ roler⸗Jodler— im Indianerkoſtüm! Es war nämlich bekannt, daß ſie trefflich jodeln konnten, und ſo ſollte und wollte denn auch das Nürnberger Publikum ihre Fertigkeit bewundern. Was würde man heute zu ſo etwas ſagen? Sibert war ein bedeutender Künſtler, an mehreren Hofbühnen lebenslänglich engagirt, doch trieb ihn ſein unruhiger, abenteuernder Geiſt ſtets wieder von dannen. Die Penſion, welche er von Wien bezog, verkaufte er; zuletzt ſank er ſo tief, daß er in ordinären Bierlokalen ſich hören laſſen mußte.
Zunächſt ſchien es noch nicht, als ſollte Hyſel ſich in Nürnberg einbürgern und feſtſetzen; trotzdem er ge⸗ fiel, vertrug er ſich doch mit dem Regiſſeur nicht und nahm deshalb bald wieder ſeinen Abſchied. Er ging mit der Schantroch'ſchen Geſellſchaft nach Budweis und Pilſen. Hier war das Theater im alten Stadthauſe und es kam gerade dort, ja an derſelben Stelle Schil⸗ lers„Wallenſtein“ auf die Bühne, wo der berühmte Feldherr einſt ſelbſt geſtanden. Erneuern konnte Hyſel in Pilſen ſeine Bekanntſchaft mit Reitzenberg; noch immer war dieſer der große Künſtler, aber auch noch immer derſelbe Menſch. Eines Abends, als er den Karl Moor ſpielte, ſagte er in der Garderobe:„Heute rufe ich mich ſelbſt heraus!“ Als er nun zu den letzten Worten:„Dem Manne kann geholfen werden!“ ge⸗ kommen war, warf er ſchnell ſeinen bereit gehaltenen Straßenmantel um, ſchlüpfte unbemerkt in's Orcheſter und fing zu rufen an:„Reitzenberg heraus!“ Die Ga⸗ lerie ſtimmte bald mit ein und dann auch das Parterre.
ſchon wieder auf der Bühne und, heraustretend, ſprach er folgende Dankesworte an das Publikum:„Der hoffnungsvollen Jugend von Pilſen meinen innigſten Dank!“ Da erhoben ſich Stimmen im Parterre, welche riefen:„Auch Männer haben gerufen!“„Ah!“ er⸗ wiederte Reitzenberg,„gehorſamer Diener, auch dieſen meinen Dank!“ Endloſer Jubel folgte dem Nachſpiel. Reitzenberg war es auch, der mit dem Schauſpieler Glasbrenner längere Zeit auf Dörfern herumwanderte und den Bauern Komödie vorſpielte. Einſt kamen ſie in ein großes Dorf und kündigten mit rieſigen Buchſta⸗ ben an:„Heute wird in der und der Scheune eine ſchöne Vorſtellung gegeben, betitelt: Chriſtus und Pe⸗ trus auf der Flucht! Die Scheune wurde hergerichtet, mit einer Gardine von Betttüchern verſehen, die weni⸗ gen Dorfmufikanten acquirirt und das Schauſpiel nahm unter großem Zulauf ſeinen Anfang. Nachdem die ohrenzerreißende Ouverture zu Ende war, ging der Vorhang auseinander und bald erfüllte die Bühne und die ganze Scheune eine Weihrauchwolke, während die Muſik immer fort ſpielte. Da erſchien auf einmal Reitzenberg als Chriſtus, in ein weißes Tuch gehüllt und ſchritt mit majeſtätiſchem Anſtand über die Bret⸗ ter. Als er beinahe die andere Seite erreicht hatte, drehte er ſich um, winkte einige Male und ſprach mit feierlicher Stimme:„Petrus, folge mir!“ und ging ab. Hinter ihm erſchien nun Glasbrenner, gleichfalls mit einem Leinwandtuche bekleidet, die Geldkaſſe unter dem
Arm, und folgte Chriſtus eiligen Schrittes nach. Die Scheune führte auf offenes Feld hinaus, welche günſtige Gelegenheit ſie zum Verſchwinden benutzten. Die Muſiker ſpielten noch immer drauf los und die Bauern warte⸗ ten vergebens der Dinge, die da kommen ſollten. Es
kam aber nichts mehr.— Nach Jahren traf Hyſel
Reitzenberg noch einmal in Nürnberg, in demſelben
blauen Zeugrock mit gelben Schnüren beſetzt, mit über⸗
ſchlagenem Hemdkragen, mit ſchwarzem Sammetbarett,
wie er ihn ſeit Jahren nicht anders kannte. In Prag
wurde er in einer Nacht todt auf der Straße gefunden. So ging ein großartiges Genie unter.
Von Pilſen zog die Geſellſchaft nach Karlsbad, dann begab ſich Hyſel in ein Engagement nach Prag, hier aber traf ihn eine Einladung, nach Nürnberg zu⸗ rückzukommen. Das Aurnheimer'ſche Theater war näm⸗ lich, trotzdem es erſt einige zwanzig Jahre ſtand, baufäl⸗ lig befunden worden und man hatte auf der Inſel Schütt eine Interimsbühne aufgeführt, die jedoch nicht Frau v. Trentinaglia ſondern zwei frühere Kollegen Hyſels leiteten. Dieſe ſchrieben an ihn und er leiſtete dem Ruf gern und augenblicklich Folge, da Nürnberg ihm eine liebe und angenehme Stadt war. Seitdem iſt er dort auch ununterbrochen, bei allen oft wechſeln⸗ den Direktoren engagirt geblieben, ſein zweites oder drittes Fach mit Geſchick, Anſtand und großer Berufs⸗ treue ausfüllend. Größere Rollen, die er, als es mit ſeiner Stimme nicht mehr recht gehen wollte, ſpielte und noch ſpielt, ſind die des ſüddeutſchen Komikers, z. B. Valentin im„Verſchwender“, vielleicht ſeine beſte
Kaum erfolgte die Acclamation, ſo ſtand Reitzenberg
und populärſte Partie.
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