Jahrgang 
1864
Seite
22
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20 Aus dem Leben eines alten Schauſpielers.

Winkel. Hyſel gab einederb ſteiermärkiſche Antwort und ging.

Ehe Hyſel auf die Zeit, da er ſelbſt in Nürnberg lebte und wirkte, zu ſprechen kommt, gibt er in ſeinem Buche einen vielfach intereſſanten Rückblick auf die frü⸗ here Geſchichte des dortigen Theaters. Eine Art ſtehender Bühne hat die Stadt ſeit der erſten Hälfte des 17. Jahr⸗ hunderts.Es hat ſich endlich wie Profeſſor Will im hiſtoriſch⸗diplomatiſchen Magazin berichtetder Magiſtrat auf der Inſel, die Schütt genannt, ein großes

iereckiges Theater unter dem Namen eines Fechthauſes erbaut und dahin alle Fechtſchulen, Komödien und frem⸗ der Thiere Beſchauung(!) verwieſen. Und obgleich der Wirth zum güldenen Stern und Georg Tratz im Heils⸗ brunner Hof dagegen gebetten und Vorſtellungen gethan haben, ſo iſt die Anſtalt dennoch im Jahre 1628 voll⸗ führet worden. Man hat drei deputirte Herren des Rathes, einen Schreiber und zween Büchſenmeiſter dazu verordnet, welche letztere das Geld von den Zuſchauern einnehmen mußten. Die Komödien fanden am Tage ſtatt. Von Dekorationen und Maſchinerien war natür⸗ lich keine Rede, denn das Fechthaus war nichts als ein umſchloſſener Hofraum mit ſteinernem Erdgeſchoß, worauf ſich die Plätze der Zuſchauer in drei übereinanderſtehen⸗ den Reihen erhoben. Deshalb konnten die Vorſtellungen auch nur in milder Jahreszeit ſtattfinden, da unter freiem Himmel geſpielt werden mußte. Die Inſchrift des Hauſes lautete:Der Tugend ein Sporn, dem Laſter ein Schreck⸗ bild, der Bürgerſchaft ein Ergötzen, doch ſtand der Sinn dieſer Worte und der Gebrauch des Gebäudes häufig in grellem Widerſpruch, denn es wurden nicht blos oft Komödien lasciven und ſchlechten Inhalts darin aufgeführt, ſondern Feuerwerker, engliſche Reiter, Seil⸗ tänzer, Bärenführer u. ſ. w. wählten es zu ihren Pro⸗ duktionen, die wenigſtens mit dem Sporn zur Tugend und mit dem Schreckbild für das Laſter nichts zu ſchaffen hatten. Einen Theaterzettel noch aus dem Eröffnungs⸗ jahre 1628 hat Hyſel als Beilage zu ſeinem Buche getreu nach dem Original kopiren laſſen, auf ganz ähn⸗ liches Papier und mit gleich alterthümlichem Druck. Es heißt da:Zu wiſſen ſey jedermann, daß allhier an⸗ kommen eine gantz newe Compagnie Comoedianten, ſo niemals zuvor hier zu Land geſehen, mit einem ſehr luſtigen Pickelhering, welche täglich agirn werden, ſchöne Comoedien, Tragoedien, Paſtorellen(Schäffereyen) vnd hiſtorien, vermengt mit lieblichen vnd luſtigen interlu⸗ dien, vnd zwar heut Mittwochs den 21. Aprilis werden ſie praeſentirn eine ſehr luſtige Comoedie, genant Die Liebes Süſſigkeit verändert ſich in Todes Bitterkeit. Nach der Comoedie ſoll praeſentirt werden ein ſchön Ballet vnd lächerliches Poſſenſpiel. Die Liebhaber ſolcher Schauſpiele wollen ſich nach Mittags Glock zwei ein⸗ ſtellen vffm Fechthauß, allda vmb die beſtimbte Zeit praecise ſoll angefangen werden.

Der dreißigjährige Krieg unterbrach endlich auch in Nürnberg die Volksbeluſtigungen. Als man ſpäter aber wieder danach verlangte, erſchien der Raum im Fechthauſe zu ungenügend. Die jungen Patricier kamen theils von Univerſitäten in Italien, die Kaufleute von

Geſchäftsreiſen zurück, und ſo entſtand die Sehnſucht nach dem Beſitze deſſen in der Vaterſtadt, was man anderwärts geſehen hatte. Solchem Verlangen zu ge⸗ nügen, erhielt Nürnberg 1668 ein eigenes Theaterge⸗ bäude. EinKalkſtadel an dem Platze, wo das heutige Theater ſteht, wurde dazu umgewandelt. Die Einrich⸗ tungen dieſes Muſentempels mögen für unſere An⸗ ſchauungen im höchſten Grade dürftig geweſen ſein; damals befriedigten ſie vollkommen. Waren ja doch ſtatt des bloßen Raumes nun ſchon DOekorationen vor⸗ handen und eine Hauptſache für die Illuſion fanden ja doch die Vorſtellungen des Abends bei Lam⸗ penbeleuchtung ſtatt! Deshalb nannte man auch das neue GebäudeNachtkomödienhaus, ſowie ſpäter, weil ſich unter der erſten Reihe von Vorſtellungen eine OperArminius befand, Opernhaus. Aber war auch das Opernhaus die beſſere Stätte zu theatraliſchen Produktionen, ſo blieb das Fechthaus darum noch nicht verlaſſen ſtehen. Die Abgaben ſchreckten manche Truppe ab, in jenem zu ſpielen. Auch ließ ſich die Maſſe des Volkes immer noch gern die Tageskomödien im Fecht⸗ hauſe gefallen. Die Veltheim ſche Geſellſchaft ſpielte den ganzen Sommer 1679 hier; ja die Anhänglichkeit des Publikums an den altgewohnten Raum machte es möglich, daß noch 1766 Vorſtellungen von der Kurz' ſchen Truppe darin gegeben wurden. Dieſe mag indeß die letzte geweſen ſein. Erſt 1811 verſchwand das Fechthaus gänzlich.

Mit der Entwicklung des deutſchen Schauſpiel⸗ weſens im Allgemeinen ſchritt auch das Nürnberger Theater im Beſonderen vorwärts. Es kamen allmälig immer beſſere und vollſtändigere Geſellſchaften. Bei den einzelnen uns aufzuhalten, fehlt uns freilich hier der Raum, wir wollen ſtatt deſſen mehrere Auszüge aus den ſehr charakteriſtiſchen Komödienzetteln jener Zeit geben. Z3. B.Mit gnädiger Verwilligung Einer Hohen Obrigkeit werden heut 1752, die prioilegirte Chur⸗Bayeriſche Comödianten, vorſtellen: Ein Neues, mit reinen Verſen ausgearbeitetes Trauer⸗Spiel: Die triumphirende Freyheit und die verzweifflende Liebe in der Sclavin der Höllen. Oder: Der geſtrafte Unge⸗ horſam einer ruchloſen Tochter in der verkehrten Hol⸗ länderinn Roſina Joannetta Andersken zu Rotterdam. Anno 1642, den 17. April, unter dem Nahmen Des⸗ perandia, mit Hans Wurſt, ſeiner ſeltſamen Hochzeit auf Galgen und Rad. Den Anfang dieſes unvergleich⸗ lichen Werkes machet ein wohlausgeſonnener und mit vielen Auszierungen verſehener Prologus. Den In⸗ halt hat man wegen Enge des Platzes, als auch die ſonſt beliebte Attention nicht zu benehmen, vor unnö⸗ thig befunden beizuſetzen. Doch trotzdem ſind auf dem Zettel wenigſtens eine Reihe zu erwartenderbe⸗ ſonderer Vorſtellungen angegeben. u. A.:Ein Tiſch, auf welchem Cron und Scepter erſcheint, verwandelt ſich in einen Todten⸗KopfEin Felſen verwandelt ſich in eine Wolkenmaſchine, in welcher Deſperandia als Venus ſitzetEin Blumenſtock verwandelt ſich in ein Todtengerippe u. ſ. w. Zum Schluß heißt es: NB. Es brauchet keine Ombrage von den Ausarbei⸗