Jahrgang 
1864
Seite
21
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Aus dem Leben eines alten Schauſpielers. 19

geweihtes Grab verweigern, weil er auf der Bühne ge⸗ ſtorben, drang aber glücklicherweiſer nicht damit durch.

Hyſel war urſprünglich nicht für das Theater be⸗ ſtimmt, ja er fühlte ſogar eine Abneigung dagegen. Daß er dennoch auf die Bretter gelangte, brachte der Zufall mit ſich. Er war neunzehn Jahre alt und im Beſitz einer recht hübſchen Tenorſtimme, als die berühmte Sängerin Tehler in Gratz gaſtirte und u. A. auch in der OperSargino auftreten ſollte. Plötzlich wurde der damals engagirte Tenoriſt Saal krank und der alte Hyſel zu jener Zeit nicht mehr ſelbſt Theaterdirektor, wohl aber noch Muſikdirektor erbot ſich, ſeinem Sohn die Partie desRitter Montigny einzuſtudiren. Das war ein Donnerſchlag für dieſen, doch durfte er ſich nicht widerſetzen. Jede Note wurde ihm genau eingeprägt, und die väterliche Verſicherung beigefügt, daß, wenn er Abends falſch ſänge, ererſchoſſen würde. Der Zettel verkündigte dem Publikum, daß er, um die Vorſtellung zu ermöglichen, die Partie übernommen hätte und des⸗ halb um Nachſicht bäte. Bei ſeinem Auftreten wurde er gleich mit Applaus empfangen. Wer beſchreibt aber ſeine Angſt, als ihm der Vater vom Direktionspulte aus wirklich eine Piſtole zeigte. Nun galt es zu ſingen oder zu ſterben, und ſiehe da, es gelang. Er ward mit Bei⸗ fall überſchüttet und nach der Vorſtellung nahm ihn der Alte mit in ſeine gewöhnliche Abendgeſellſchaft. Als er bei dieſer Gelegenheit zu einem Freunde des Vaters äußerte, dieſer hätte ihn mit der Piſtole ſo erſchreckt, daß er beinahe vor Angſt nicht hätte ſingen können, lachte Jener und ſagte:Das war ja kein Piſtol, ſondern nur ein Feuerzeug. Man hatte damals ſolche Feuer⸗ zeuge mit Schloß und Lunte, die wie Piſtolen aus⸗ ſahen.

Vom Direktor Chriſtl erhielt Hyſel jetzt Engage⸗ mentsantrag nach Raab und nahm ihn an. Hier begann nun ſeine eigentliche theatraliſche Laufbahn. Binnen kurzer Zeit erwarb er ſich die Zufriedenheit des Publi⸗ kums, und als ſein Benefiz ſtattfand, mußte er, wie jeder Benefiziant, an der Kaſſe ſitzen, da es damals in Ungarn wie überall Sitte war, das gelöſte Billet über den Eintrittspreis zu bezahlen. Ein ihm bekannter Metz⸗ gersſohn zahlte und gab ihm ein Packet mit dem Wunſche, er möge es ſich ſchmecken laſſen: Bei der Oeffnung ent⸗ wickelten ſich ſechs Stück Knoblauchswürſte. Das gibt für die ganze Woche ein gutes Frühſtück, dachte er. Doch als er am andern Morgen eine tranchirte, ſtieß er mit dem Meſſer auf ein weißes Papier, zog es heraus und erblickte darin einen Gulden Einlösſchein. Er unterſuchte die übrigen Würſte nun ebenfalls und aus jeder lächelte ihm ſolch' ein Zettel entgegen.

Von Raab ging die Geſellſchaft nach Krems und bereiſte ſpäter das ganze Salzkammergut: Gmunden, Iſchl(damals freilich noch nicht Badeort), Hallſtadt und Auſſee. Hyſel ſpielte Alles durcheinander und ſang alle erſte Tenorpartien. Als endlich der Direktor keine Opern mehr geben wollte, ging unſer Freund nach Linz, wo er ebenfalls recht gefiel. Hier lernte er auch den trefflichen Künſtler Reitzenberg eigentlich von Reitzenſtein ken⸗ nen, ein Original durch und durch. Er ſtand früher bei der

öſterreichiſchen Armee als Oberlieutenant, quittirte jedoch den Dienſt wegen eines Liebesverhältniſſes und ging zum Theater. Er beſaß ein jeder Modulation fähiges Organund das hervorragendſte, vielſeitigſte Darſtellungs⸗ talent. In Linz ſolltendie Räuber gegeben werden; Reitzenberg ſtellte ſich dem Direktor vor, fragte, ob er Engagement erhalten und den Karl Moor ſpielen könne. Dieſe Rolle ſei ſchon beſetzt, hieß es.Dann ſpiele ich den Franz Moor.Ebenfalls beſetzt.So laſſen Sie mir den Schweizer!Auch nicht mehr zu haben nur Spiegelberg iſt noch vakant. Gut, ſo bin ich Spiegelberg, meinte Jener und gab Abends die Partie mit einem Sturm von Beifall. Leider brachte ihn ſein Extemporiren bald mit der Cenſur in Konflikt, er bekam Arreſt und mußte dann Linz verlaſſen. Als er ſpäter in Teplitz engagirt war, wurde einmaldie Schweizerfa⸗ milie gegeben. Reitzenberg ſang den Grafen. Wie Richard Boll und Getrude bei ihm ſind und klagen, daß Emmeline immer trauriger würde, fragte er ganz ernſt⸗ haft:Iſt denn gar nichts im Stande, ſie aufzuheitern? Wie wäre es, wenn wir ihr ein halbes Sommerbenefiz in Teplitz geben würden? Schallendes Gelächter und die Oper war für den Abend verdorben. In Gotters Luſtſpiel:der ſchwarze Mann ſpielte er den Wirth. Als nun der in dieſem Stück vorkommende Dichter, der gerade ein Trauerſpiel ſchreibt, ihn fragt:Auf welche Weiſe ſoll ich meinen Tyrannen ſterben laſſen? Gift, Dolch, Alles war ſchon oft da antwortete Reitzen⸗ berg:Uebergebt ihn der öſterreichiſchen Cenſur, da krepirt der Kerl gewiß. Den andern Tag mußte er auch Teplitz verlaſſen.

Wir übergehen Hyſels Aufenthalt in St. Pölten bei Wien, Agram, ein zweites Mal in Linz ſowie ſchließ⸗ lich in Botzen und Salzburg, um unſern Freund nun gleich nach Nürnberg zu begleiten, wo er, von der da⸗ maligen Direktrice Frau von Trentinaglia engagirt, im Frühjahr 1826 eintraf. Die Reiſe ging über München und Augsburg. In erſterer Stadt beſtand zu jener Zeit nur ein Volkstheater unter Leitung des alten Schweiger am Karlsthore, doch wurden täglich zwei Vorſtellungen gegeben. Wenn die erſte vorüber war, gingen die Schau⸗ ſpieler in ihren Koſtüms mit geſchminkten Geſichtern in das der Bühne gegenüberliegende Bierhaus und labten ſich mitten unter den übrigen Gäſten mit Speiſe und Trank, bis die andere Vorſtellung begann. Niemand nahm an dieſer Sitte Anſtoß. In Augsburg war drei Stunden Aufenthalt und Hyſel begab ſich in eins der noblen Bierlokale, in dem wohlgemerkt außer ihm gerade kein einziger Menſch anweſend war. Doch ſah er, daß die Stühle an vielen Tiſchen umgelehnt waren. Als er ſich an einen dieſer Tiſche ſetzen wollte, ſagte der Wirth: Sie werden entſchuldigen, hier ſitzen die Herren vom Stadtgericht. Er wollte ſich nun an einen zweiten ſetzen, doch hörte er da abermals:Sie werden ent⸗ ſchuldigen, hier ſitzen die Herren Officiere. Da ihn die Geſchichte beluſtigte, ging er auf einen dritten, vierten Tiſch zu, erfuhr aber ſtets etwas Neues:Da ſitzen die Herren Geiſtlichen, die Herren Poſtbeamten u. ſ. w. Für Fremde, hieß es, ſei der Platz im

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