Jahrgang 
1864
Seite
20
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18 Aus dem Leben eines alten Schauſbielers.

geachtet aller Bemühungen ihn nicht zur Annahme des⸗ ſelben bewegen konnte, ſo verehrte er der Hausfrau vier Stück Wachskerzen und ſagte:Sobald einer Eurer Söhne aus dem Hauſe in die Fremde zieht, zündet eine Kerze an. So lange ſie brennt, geht es Euerem Sohne wohl, je heller die Flamme erſcheint, deſto beſſer iſt es. Setzt aber die Kerze Kohle an und brennt ſie rußig, ſo iſt Euerem Sohne ein Unglück widerfahren, verlöſcht ſie jedoch, ſo iſt auch Euer Sohn in demſelben Augen⸗ blick geſtorben. Ich wünſche, daß Ihr Freude an Eueren Kindern erlebet und die Kerzen recht lange brennen! Nach dieſen Worten ſchied er.

Die Mutter verwahrte die Kerzen wohl, ſie nannte ſie nach den Taufnamen ihrer Söhne und ließ ſie jähr⸗ lich zu Lichtmeß weihen.

Die Söhne wuchſen heran. Der Aelteſte wurde Soldat, der zweite übernahm das Geſchäft ſeines Va⸗ ters, der dritte heiratete eine reiche Grundbeſitzerstochter, wurde Landmann, und der jüngſte Maler.

Wenn ein Sohn das Elternhaus verließ, zündete die beſorgte Mutter die entſprechende Kerze vor einem Heiligenbilde an und beobachtete die Flamme mit gro⸗ ßer Aufmerkſamkeit. Die Kerzen braunten und doch be⸗ merkte man keine Abnahme derſelben, natürlich, es waren bezauberte Kerzen.

Da fing eines Tages die des Kriegsmannes an zu flackern, ſetzte Kohle an und brannte immer trüber. Dies ängſtigte die beſorgte Mutter gar ſehr. Eines Tages flackerte das Licht hoch auf und verloſch. Die Mutter faltete entſetzt die Hände und betete mit zittern⸗ der Stimme fünf Vaterunſer für das Seelenheil ihres Sohnes. Einen Monat ſpäter erhielt ſie die Nachricht, daß derſelbe in einer Schlacht gegen die Türken ge⸗ fallen ſei. Der jüngſte Sohn, welcher Maler geworden war, reiſte zu ſeiner ferneren Ausbildung nach Italien. Faſt jeder italieniſche Kaufmann, der im Teinhof ein⸗ kehrte, brachte den Eltern tauſend Grüße von dem talentirten Künſtler, wurde in das Haus des Wachs⸗ ziehers geladen und frei gehalten.

Da hörten die Grüße plötzlich auf, die Kerze brannte immer trüber und trüber und verloſch plötzlich. Da bekamen die Eltern einen ſchwarz verſiegelten Brief, in welchem ihnen angekündigt wurde, daß der Sohn ſich in die Tochter eines italieniſchen Grafen verliebt und, von ihr begünſtigt, von den andern Nebenbuhlern ermordet wurde. Mit dieſem Schreiben langte auch ein Brief von ſeinem Meiſter an, der den Verſtorbenen nicht genug loben konnte. Während die Eltern über dieſe Verluſte in tiefe Trauer verſenkt waren, brannten die Lichter des Wachsziehers und Landmannes immer helle fort. Die Eltern waren endlich ſo alt geworden, daß ſie nur in ihren Stühlen ſitzen und die Kerzen beobachten konnten, die überlebenden Söhne hatten ſich indeß verheiratet und Kinder bekommen, dieſe waren wieder herangewachſen und die Kerzen brannten noch immer hell und munter fort. Da verloſch plötzlich die Kerze des zweitgeborenen Sohnes gerade in dem Augen⸗ blick, als er Großvater wurde. Die Urgroßeltern beob⸗ achteten nun mit ängſtlicher Sorge die letzte übrig ge⸗

bliebene Kerze. Eines Tages kam vom Lande ein Bote, um den Tod des Landmanns zu melden. Man wollte dieſe Trauerbotſchaft den Eltern ſo ſchonend als mög. lich mittheilen, allein als man in ihr Zimmer trat, war die letzte Kerze erloſchen und die Eltern in ihren Stüh⸗ len todt.

Die Sage von den vier Lichtern hat ſich jedoch bis auf den heutigen Tag erhalten.

Aus dem Leben eines alten Schauſpielers.

ie Laufbahn eines dramatiſchen Künſtlers iſt für gewöhnlich zwar auch heute noch eine unſtäte, Ausnahmen von der Regel aber bilden jene Ve⸗ teranen, deren wohl ſo ziemlich jedes Theater einen oder mehrere beſitzt. Dieſe langjährigen Mitglieder einer Bühne ſind anfangs vielleicht nur aus Zufall über die Zeit wo haften geblieben, dann jedoch wurden unverſehens, aus Gewohnheit, ihnen die Verhältniſſe lieb und theuer, das Streben, der Ehrgeiz nach außen ließ nach, ſie verwebten ſich und verwuchſen immer mehr mit dem Leben der betreffenden Stadt, bis endlich von einem Fortgehen nicht weiter die Rede iſt. Und haben ſie es ſo vielleicht auch nicht erreicht, wonach in der Jugend ihr Sinn ſtand, daß ihr Name hier und dort, an verſchiedenen Orten ein ehrenvoll bekannter wurde, ſo kann den wackeren Alten doch das eine Entſchädigung ſein, daß ſie in der einen Stadt wahrhaft populär und nicht blos auf dem Theater, ſon⸗ dern auch im geſellſchaftlichen Leben allbeliebt und ge⸗ ſchätzt ſind. Ein ſolcher Veteran des Nürnberger Theaters iſt Franz Eduard Hyſel, der jetzt ſeinen Mitbürgern das Vergnügen gemacht hat, eine ausführliche Geſchichte der Bühne*) zu ſchreiben, der er ſeit dem Jahre 1826 ſchon angehört und deren Schickſale er wie kein Anderer kennt. Doch nicht blos die durch lokale Beziehungen dabei Intereſſirten, ſondern wir Alle werden in dem Buche nicht ohne Unterhaltung blättern können. Zunächſt Einiges über die Herkunft und frühere Laufbahn des alten Hyſel. Er ward 1801 in Gratz geboren, als Sohn des dortigen Theaterdirektors. Seine Mutter, Tochter des Schauſpielers Kaffka, zeichnete ſich als Sängerin aus. Von ihrem Vater erzählt der Enkel, daß er in Riga auf der Bühne ſtarb, und zwar in dem Augenblicke, als er in der Rolle des Herrn von Borthal inRochus Pumpernickel das Lied zu ſingen hatte: Jetzt mach' ich gleich mein Teſtament, der Tod packt mich ſchon an, juchhe, der Tod packt mich ſchon an! Er hatte dieſe Worte kaum geendigt, ſo ſtürzte er, vom Schlage getroffen, todt zur Erde. Man wollte ihm ein

*)Das Theater in Nürnberg von 16121863 nebſt einem Anhang über das Theater in Fürth. Ein weſentlicher Beitrag zur Geſchichte des deutſchen Theaters, herausgegeben von Franz Eduard Hyſel, Mitglied und Veteran des Nürnberger Theaters. Nürnberg, Selbſtverlag des Verfaſſers. 1863.

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