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Kleroth: Prager Sagen. 17
da erwachte ſie, die in ihrem Schlafgemach befindliche Wanduhr ſchlug zwölf. Da war es, als wenn Je⸗ mand in Strümpfen durch das Zimmer ginge. Sie richtete ſich im ette auf und horchte mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit. Und noch deutlicher als das Erſtemal ſchlürfte es durch das Gemach. Da ſie der Meinung war, es wäre ihr Stubenmädchen, ſo rief ſie ſeinen Namen, jedoch Niemand antwortete. Sie rief noch einmal, allein auch jetzt blieb Alles ſtill. Nun wurde der Witwe ängſtlich zu Muthe, denn ſie fürchtete, daß vielleicht ein Räuber ſich in das Zimmer geſchlichen habe, um ſie zu beſtehlen. Sie entzündete eine auf dem Nachtkäſtchell ſtehende Kerze, allein im ganzen Zimmer war Niemand zu entdecken. Plötzlich drang der Schall einer Glocke an ihr Ohr, deren pfeifend ſchriller Ton ſich ſchnell wiederholend bewies, daß die Glocke mit Heftigkeit gezogen wurde. Sie erinnerte ſich nun der Sage von der unſichtbaren Glocke, und der Gedanke, daß ſich der Spuk wiederhole, hatte ihre Entſchloſſen⸗ heit etwas geſchwächt. Indeß ſie faßte ſich ſchnell, ſprang aus dem Bette und ging in das Zimmer ihres Stuben⸗ mädchens. Es ſchlief feſt und ſchien keine Ahnung von dem zu haben, was ſich ereignete. Sie weckte das Mäd⸗ chen, indeß ertönte die Glocke wiederholt und in einem noch ſtärkeren, durchdringenderen Tone als das Erſtemal. Das Mädchen erſchrak und bekreuzte ſich, die Witwe be⸗ fahl ihr, den Bedienten zu rufen, allein ſie zitterte vor Furcht und wagte es nicht, das Zimmer zu verlaſſen; da entſchloß ſich die Witwe ſelbſt in's zweite Stockwerk hinaufzugehen und ihren Diener zu holen. Sie hüllte ſich in ihren Schlafrock, zündete eine Handlampe an und trat hinaus auf die Flur. Da tönte die Glocke zum drittenmal, und ſo ſtark, daß ſie wähnte, ſie müſſe ſie entdecken, denn ſo nahe und deutlich war der Klang derſelben. Allein ungeachtet ihrer Bemühungen, ſie zu erſpähen, ſah ſie nichts. Sie eilte mit klopfendem Herzen in das zweite Stockwerk und polterte an der Thür der Stube, in welcher der Diener in tiefem Schlaf ruhte. Als er endlich herausgepocht aus ſeinem Zimmer trat, erſchrak er, als er ſeine Gebieterin vor ſich ſtehen ſah. Ihr Geſicht war bleich, ſie ſelbſt zitterte. Er fragte be⸗ klommen, was ſie befehle, und ſie trug ihm auf, hinab zu gehen, den Hausmeiſter zu wecken, da Jemand auf der Straße ſein müſſe, welcher ſo ſtark an der Glocke ziehe und Einlaß begehre. Der Diener, welcher eben⸗ falls von dem Spuk gehört hatte, gewann die Ueber⸗ zeugung, daß kein menſchliches Weſen, ſondern ein Geiſt an der Glocke ziehe, und bat die Gebieterin, ſie möchte ihn mit dieſem Auftrag verſchonen, allein da ſie ſich antrug, mit ihm zu gehen, ſo gehorchte er. Auch der Hausmeiſter lag ſchon in tiefem Schlaf und öffnete erſt nach langem Klopfen die Thür. Er ſchüttelte verwundert den Kopf, als er die Witwe im Nachtkleide, die Lampe in der Hand vor ſich ſtehen ſah. Als ſie ihm mittheilte, was ſie beſtimmte, ihn zu wecken, da verdüſterten ſich ſeine Züge, er nickte bedeutungsvoll das Haupt, ging ſchweigend zur Hausthür, öffnete ſie und ließ die Witwe ſammt ihrem Diener auf die Straße treten, um ſich zu überzeugen, daß Niemand vor dem Hauſe ſtehe. Eine Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
Todtenſtille lag über die ganze Schloßſtiege verbreitet, die benachbarten Häuſer waren dunkel, nur hie und da ſchimmerte das Licht einer Nachtlampe, die Mondes⸗ ſcheibe glänzte hell am wolkenloſen Himmel und Myria⸗ den Sterne funkelten. Da tönte wiederholt der Klang der geheimnißvollen Glocke, und noch ſtärker als das erſtemal, ſo daß die Witwe erbebte und der Diener er⸗ bleichte.
Nur der Hausmeiſter, den der nächtliche Spuk nicht mehr beunruhigte, ſagte:„Euer Gnaden haben ſich nun ſelbſt überzeugt, daß ich wahr geredet. Legen Sie ſich nun zu Bette, beten Sie andächtig zu Gott, daß er Ihnen Muth verleihe, den Spuk zu ertragen, denn menſchliche Einſicht vermag hier nichts zu thun!“ Nach dieſen Worten ſchloß er die Hausthür. Die Witwe ging in ihr Zimmer zurück. Sie wagte es nicht, ſich in's Bett zu legen, und ſowohl der Diener als auch das Stubenmädchen mußten bei ihr bleiben, denn die ſonſt ſo energiſche und muthige Frau ängſtigte die Vorſtel⸗ lung des Alleinſeins. Sie wachte die ganze Nacht, ge⸗ dachte der unglücklichen Ermordeten im Gebete, bis endlich Ruhe in ihre geängſtigte Seele einzog. Obgleich ihr die Dienerſchaft zuredete, ſie möchte die Wohnung ſo bald als möglich verlaſſen, ſo entſchloß ſie ſich doch zu bleiben, denn ihr Muth erwachte und überwand die Furcht, welche ſie unwillkürlich erfaßt hatte. Die nächſte Nacht bereitete ſie ſich ebenfalls durch Gebet vor, und befahl ihrem Diener, allnächtlich dasſelbe zu thun und für das Seelenheil der Ermordeten zu beten und ſchien endlich durch Gebet den Spuk gebannt zu haben, denn die Glocke wurde ſeit jener erſten Nacht nicht mehr ge⸗ hört! Die Witwe blieb noch einige Jahre in dem Hauſe, bis ſie ſich wieder vermälte und Prag für immer ver⸗ ließ. Die Sage von dem nächtlichen Läuten hat ſich jedoch bis auf den heutigen Tag erhalten. 2
Die vier Aichter.
Als Kaiſer Rudolph in Prag reſidirte, zogen ſich viele Fremde in die Stadt. Vorzüglich war der Teinhof von Reiſenden häufig beſucht und wegen Mangel an Wohnungen mußten die Fremden bei den Inwohnern der Nachbarhäuſer ſich einquartiren. Das Haus zu den vier Lichtern gehörte zu jener Zeit einem Bürger, wel⸗ cher ſeines Gewerbes ein Wachszieher war. Da geſchah es eines Tages, daß ein vornehmer Venetianer im Gaſthofe keinen Platz mehr finden konnte. Er quartirte ſich alſo bei dem Wachszieher ein. Der Venetianer hatte in Padua das Doktordiplom erhalten und war ein Meiſter in den geheimen Viſſenſchaften.
Der Wachszieher hatte Söhne, hoffnungsvolle Jun⸗ gen, welche des Vaters Lieblinge waren und die Theil⸗ nahme des Venetianers in hohem Grade erregten. Da er aber nach einigen Tagen des Aufenthaltes im Hauſe des Wachsziehers eine Wohnung auf dem Hradſchin erhielt, ſo wollte er demſelben die Miethe bezahlen und Abſchied nehmen. Der Bürger aber weigerte ſich, für dieſe kurze Zeit ein Entgelt zu nehmen, und da er un⸗
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