Jahrgang 
1864
Seite
17
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Aus eines Franzmanns Reiſebriefen über Deutſchland. 15

einen kleinen Spitz angetrunken und glichen ganz dem Deutſchen Scribe's: ſtets voll Bier und Gemüthlichkeit. Einer derſelben laissant la Mangeur de Fran- gais(Arndt der Franzoſenfreſſer)! ſang ein Lied, von dem ich nur die Worte Stoßt an! und Hurrah! und Frei iſt der Burſch! verſtand.(Es war natürlich das allbekannte:Stoßt an, N. N. ſoll leben! ꝛc.) Nun haben die Studenten in Deutſchland zwar große Freiheiten, indeſſen begannen die Philiſter im Wagen doch zu finden, daß hier gerade ſo viel Skandal gemacht werde, wie es nur in den Straßen einer Univerſitäts⸗ ſtadt vorkommen konnte. Nur noch Eins! rief deshalb einer der Studenten, der noch nicht geſungen hatte, und nun ertönte, diesmal ohne Hurrah, das Lied: Grad aus dem Wirthshaus komm ich heraus ꝛc.(Droit hors du cabaret je m' avance en ce moment). Na⸗ türlich verfehlt Duruy nicht, an dieſe Studentenlieder einen kleinen Exkurs darüber zu knüpfen, daß Württem⸗ bergvielleicht dasjenige deutſche Land ſei, wo am meiſten geſungen werde, daß Uhland, Kerner und Schwab die Ueberlieferungen der Minneſänger übernommen und vererbt haben, und durch dieſe Betrachtungen wird es ihm klar, daß die Franzoſennicht zu träumen (ſchwärmen) verſtehen, nicht einmal im Alter von zwan⸗ zig Jahren. Nur gewaltige Anſtöße vermöchten den Franzoſen in Enthuſiasmus zu verſetzen.Wir kom⸗ men gleich als Männer auf die Welt, in Deutſchland werden Männer freiwillig wieder zu Kindern, um dem Säuſeln des Windes, dem Rauſchen des Waldes und fernem Glockengeläute zu lauſchen. Wir leſen keine Verſe mehr, die Deutſchen thun dies ſtets. Dieſe köſt⸗ liche Gabe, ſich durch Phantaſie und Gemüth zu ver⸗ jüngen, iſt eine der hervorragendſten Eigenſchafteu des deutſchen Volks, welche ſich in allen Schichten desſelben vorfindet und deshalb Dauer verſpricht.

Der Umſtand, daß das reizend gelegene Stutt⸗ gart zahlreiche Brauereien hat und mehr Bier ver⸗ braucht, als es eigentlich in Anbetracht des wohlfeilen Weins ſollte und müßte, veranlaßt unſern Autor zu einem Exkurs über die geſellſchaftlichen Unterſchiede, welche durch die verſchiedenen Nationalgetränke und die denſelben eigenthümlichen Räuſche hervorgerufen wer⸗ den.Der Wein macht geſprächig, mittheilſam, lu⸗ ſtig ſo ſind wir Franzoſen. Der Engländer trinkt ſeinen Wein allein in einem Winkel ſitzend; ſein Geſicht röthet ſich, ſeine Augen werden verſchwommen, ſeine Zunge wird ſchwer, endlich fällt er ab, ohne ein Wort geſprochen zu haben. Der Deutſche füllt ſeinen Magen mit Bier an und ſchläfert ſeinen Geiſt mit Tabaksqualm ein. Vierſchrötig ſitzt er da und vertilgt große Maſſen Gerſtenſaftes, ſeine gewichtige lange Pfeife iſt ein Theil ſeines Ich, er hält ſie mit den Zähnen, Lippen und Händen feſt, und eben deshalb kann er nicht viel ſpre⸗ chen, träumt dagegen deſto mehr und amüſirt ſich ernſt⸗ haft und ſchwerfällig, bis er nicht mehr denken und

sonne et élève ses chants à Dieu dans le ciel, aussi loin va la patrie allemande. Brave Teu- ton, tout cela est à toi.

begreifen kann es i*ſt das reine Vorſpiel zum Orient, zu Haſchiſch und Opium. Es liegt viel Wahres in der Definition, welche Dumas vom Deutſchen gibt: es iſt ein Menſch, der Bier zu ſich nimmt und Rauch von ſich gibt(un homme qui prend de la bière et qui rend de la fumée).

Von Stuttgart aus ſetzte Hr. Duruy ſeine Reiſe über Ulm und Augsburg nach München fort. Was er unterwegs und in der bairiſchen Reſidenzſtadt beob⸗ achtet hat, iſt uns in keiner Weiſe neu, und was er darüber urtheilt, iſt ziemlich das landläufige Raiſon⸗ nement, das ſich nur mitunter, namentlich bezüglich der peintures bavaroises, zu einer Gereiztheit empor⸗ ſchraubt, welche geradezu unangenehm wird. Als Ku⸗ rioſum ſei jedoch hier noch eine Stelle mitgetheilt, in welcher der Franzoſe uns Deutſche ſammt und ſonders tüchtig abkanzelt:

Seit vierzig Jahren leiden die Deutſchen an einer Krankheit, welche ich la maladie du cosmos uennen möchte. Sie wollen Alles erklären, ſelbſt das Uner⸗ klärliche, Alles begreifen, ſelbſt das Unbegreifliche, Alles erfaſſen und feſthalten, ſelbſt das Unendliche. Jahr für Jahr erſcheint in Leipzig ein Dutzend von Univer⸗ ſalgeſchichten, während in Frankreich noch nicht eine das Licht der Welt erblickt, und zwanzig ontologiſche Abhandlungen, wo wir Franzoſen nicht eine ſchreiben. Sie berichten von Gott, der Schöpfung, der Seele, vom Abſoluten, vom Sein und Werden, ohne nur im Ge⸗ ringſten unſicher zu ſein, gerade als ob ſie das Alles geſehen und befühlt, gewogen, zergliedert und unter dem Mikroſkop betrachtet hätten. Es iſt das ein ſehr edles Streben, aber auch ein ſehr verwegenes und fol⸗ genſchweres Beginnen. Was hat Deutſchland davon gewonnen? Ein furchtbares Gemengſel von Syſtemen, welche gleich den Krügen des Gideon und ſeiner 300 Tapfern gegen einander ſtießen und eines das andere zertrümmerten, nur mit dem Unterſchiede, daß in ihrem Innern nicht, wie bei den Gefäßen des Rich⸗ ters in Iſrael, Licht iſt und daß ſie Nichts beitragen zur Aufklärung der Welt. Von Kant abgeſehen was iſt von Fichte und ſeinem ſtreng ſubjektiven Idealismus geblieben? Oder von Schelling und ſeinem Syſteme der Idealität, das er ſelbſt in den letzten Jahren ſeines Lebens für nichts weiter als einen poetiſchen Traum erklärte? Oder von Jakobi, der ein Dichter war und ſich für einen Philoſophen hielt; von Krauſe, der ebenſo wie Swedenborg in den Sternen las; von Hegel end⸗ lich und ſeiner abſoluten Identität des Endlichen und des Unendlichen? Wollt ihr wiſſen, was von dem Allen geblieben iſt, ſo fragt Strauß, Bruno Bauer, Feuerbach, Ruge. Nach ſo vielen ſtolzen Behauptungen und Ver⸗ heißungen, welche troſtloſe Negation! Erſt mußte Alles im Idealismus aufgehen, um ſchließlich ſich aufzulöſen in Pantheismus!

Wir dürfen wohl ohne Kommentar mit dieſer Philippika des Hrn. Duruy ſchließen. Er hat unver⸗ kennbar ſich tüchtig auf ſeine Reiſe durch Deutſchland vorbereitet, er hat viel mehr als die meiſten ſeiner Lands⸗ leute ſich in die Geſchichte und das Weſen unſeres Lan⸗