14 Aus eines Franzmanns Reiſebriefen über Deutſchland.
deren Deutſchland ein paar Dutzend zählt, in's Ge⸗ dächtniß und begeiſtert ihn zu einer ſchwachen Anſpie⸗ lung auf die Zerriſſenheit Deutſchlands und die Ein⸗ heitsbeſtrebungen unſeres Volkes.
Endlich geht der Zug ab, der den Reiſenden nach Karlsruhe bringt. Die Jugend und die künſtliche Ent⸗ ſtehung, ſowie der eigenthümliche Charakter der nur von Beamten und Soldaten bewohnten Stadt ſind zu bekannt, als daß nicht auch Duruy einige Bemerkungen über ihr wenig bezauberndes Stillleben, über die ge⸗ rade hier beſonders erkennbare Herrſchaft der franzö⸗ ſiſchen Moden über Deutſchland, über das bis zum Exceß gepflegte Salutiren und Grüßen u. dgl. m. machen ſollte. Im Park traf er einen Heidelberger Stu⸗ denten, der natürlich ſofort in dem Touriſten den Fran⸗ zoſen erkannte und den es ebenſo natürlich gelüſtete, „unter dem Deckmantel der Unterhaltung eine franzö⸗ ſiſche Lektion zu nehmen“, wie Herr Duruy außeror⸗ dentlich beſcheiden bemerkt. Im Kopfe des Studenten war„Hinneigung zu und Haß gegen Frankreich wun⸗ derbar gemiſcht“, ſo daß der Gallier nicht recht klug daraus werden konnte; doch tröſtete er ſich mit der Be⸗ trachtung, daß dieſe braven Menſchen, denen es ebenſo oft paſſirt, kein klares Gefühl wie keinen beſtimmten Gedanken zu haben“, die Franzoſen doch nicht ernſtlich haſſen. Sie lieben den franzöſiſchen Geiſt und ver⸗ ſuchen ihn, ſo oder ſo, in ſich aufzunehmen, gleich ihrem Heine, dem es vielfach gelang. Die erſte fremde Sprache, welche ſie erlernen, iſt die franzöſiſche, und ein Fran⸗ zoſe kann getroſt von einem Ende des deutſchen Bun⸗ desgebietes bis zum andern reiſen, ohne auch nur ein Wort von der Sprache des Landes zu verſtehen, denn er wird überall Leute finden, die ſeine Sprache ſpre⸗ chen. Sie leſen unſere Bücher, unſere Zeitungen, und das wirkt auf ſie zurück; ſeit dreißig Jahren haben wir ihren Satzbau ſo verbeſſert, daß man jetzt nicht mehr auf ſeitenlange Perioden ſtößt. Auf der andern Seite gefällt ihnen unſere ganze Art nicht und ſie machen uns den Vorwurf, daß wir uns allenthalben eindrän⸗ gen. Dieſe unſere Gewohnheit, den Dingen auf den Grund und ſtets gerade auf das Ziel los zu gehen, macht ſie irre und verlegen. Wir ſind viel zu ſchnell für ihr ſtilles Weſen, wir laſſen ihnen nicht Muße, ihre fünf täglichen Mahlzeiten, ihr Bier und ihre Theorien gehörig zu verdauen; ſie begegnen uns überall: in der Politik, wo ſie Nichts vor ſich bringen, in den Künſten, wo ſie viel zu leiſten glauben, in den Viſſenſchaften, wo ſie bedeutender ſind, aber ohne die Leitung der Bewegung, die dem Inſtitut zugefallen iſt, an ſich reißen zu können. Was Gelehrſamkeit und namentlich Meta⸗ phyſik betrifft, ſo macht ihnen Niemand den Vorzug ſtreitig; ſie füttern Europa mit Logik und mit Trug⸗ ſchlüſſen, wie England es mit Baumwollwaaren über⸗ ſchwemmt. Deutſchland iſt die große Fabrik der Syſteme, die in keinem andern Lande beſſer zu haben ſind.“
Von Karlsruhe begab ſich Duruy nach Stuttgart. Unterwegs fand er ſich im Einſenbahnwagen mit einer etwas robuſten Schwäbin und deren hübſchen jungen Jochter zuſammen. Schon wollte der galante Franzoſe
ſich mit dem zarten Fräulein in ein geiſtvolles Geſpräch einlaſſen(das gewiß ein paar Seiten des Buches prächtig ausgefüllt hätte!), da entdeckte er noch recht⸗ zeitig am Arme der Mutter ein Bracelet, das von der Handwurzel bis nahe an den Elbogen reichte(1!) und das mächtige Porträt eines ganz ſchwarz gekleideten Mannes mit goldener Brille und weißem Halstuch enthielt.„C'est la première exhibition que j'aie eue de la sentimentalité allemande“— witzelt Duruy ärmlich genug, und ſchon war er im Begriff, ſeinem Nachbar eine auf die Dame bezügliche Sottiſe zuzurufen, als er noch früh genug ſich überzeugte, daß die Deutſche franzöſiſch verſtand und ſo der Gefahr glücklich entrann.
Die intereſſanteſten Gegenſtände ſeines ethnolo⸗ giſchen Studiums waren aber dem Touriſten vier eben⸗ falls mitreiſende Studenten, die, wie er feſt glaubt, einſt zu Faſtnachten das Licht der Welt erblickt haben mußten. Drei von den vier Muſenſöhnen trugen Gläſer vor den Augen, denn„die Kurzſichtigkeit iſt in Deutſch⸗ land allgemein und tritt ſo frühzeitig ein, daß man glauben könnte, die Kinder Germaniens bekämen mit dem erſten Buch auch ſchon die erſte Brille“.„Sie trugen winzige Käppchen und rauchten rieſige Cigarren. Das Käppchen war weiß⸗roth⸗blau oder grün, je nach der Verbindung, welcher ſein Beſitzer angehörte; um aber den möglichſten Reichthum von Farben zu erzielen, trugen ſie noch trikolore Bänder zum Zeichen, daß ſie für deutſche Freiheit begeiſtert ſeien und zu Ehren der⸗ ſelben ſingen, rauchen und trinken. Sie ermangelten auch nicht, dieſes Alles gleich im Wagen zu thun, den ſie mit Rauchwolken und mit Singen und Lachen er⸗ füllten, ohne daß Jemand daran Anſtoß genommen hätte. Auf jeder Station ſtiegen ſie aus und brachten eine gefüllte Flaſche wieder mit. Auf dieſe Weiſe ver⸗ tilgten ſie in Zeit von drei Stunden zwölf Flaſchen Bier, eine Flaſche Kirſchwaſſer und zwanzig Cigarren. O die herrlichen Studien, welche dieſe Herren auf der Hochſchule gemacht haben müſſen! Und gleichwohl mag in einem oder dem andern dieſer fidelen Geſellen ein künftiger Privatdocent oder ein auf Erklärung eines verloren gegangenen Werkes erpichter Kommentator geſteckt haben.“
„Allmälig,“ ſo erzählt der Verfaſſer weiter, „wirkte das Kirſchwaſſer auf die Studenten, es über⸗ kam ſie der Patriotismus, und einer von ihnen, wahr⸗ ſcheinlich ein Gothaer(sans doute un unitaire de Gotha!), der auch zur deutſchen Flotte(Duruy ſchließt malitiöſer Weiſe dieſe letzteren Worte in Gänſefüßchen ein) mitgeſteuert hatte, ein bemooſter Burſch(Etudiant, moussu), der im Pauken Großes geleiſtet, ſtimmte Arndt's Vaterlandslied an*). Die Anderen hatten ſich
*) Hr. Duruy gibt davon folgende Ueberſetzung: „Quelle est la patrie de l'Allemand? Est-ce la Prusse? est-ce la Souabe? sont-ce les rives du Rhin ou la vigne fleurit? sont-ce les riva- ges du Belt on la mouette décrit les courbes de son vol? Non, non! Sa patrie est plus grande... Aussi loin que l'idiome teuton ré-
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