Aus eines Franzmanns Reiſebriefen über Deutſchland.
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ſich langſam aus der Kanonenſchußweite zurückzog. Als die Nachricht über den ſtattgehabten Kampf telegraphiſch in Wien anlangte, ließ der Kaiſer als Antwort die wohlverdiente Ernennung des tapfern Kapitäns Te⸗ getthoff zum Gegenadmiral zurückgehen.
Aus eines Franzmanns Reiſebriefen über Deutſchland.
uſere einfacheren Vorfahren waren ſo beſchei⸗ den zu ſagen:„Wenn Einer eine Reiſe thut, ſo kann er was erzählen“; die heutige Gene⸗
ration iſt faſt ausnahmslos der Meinung, daß
an die Stelle des fakultativen„kann“ der ka⸗
tegoriſche Imperativ zu ſetzen ſei, und die Rei⸗ ſenden unſerer Tage würden ſich einer Sünde wider den heiligen Geiſt ſchuldig fühlen, wenn ſie nicht über jeden kleineren oder größeren Ausflug durch Heimat und Fremde, Inland und Ausland, civiliſirte und barba⸗ riſche Staaten und Völker in möglichſt fein zugeſpitzten Bemerkungen ein Langes und Breites ſchreiben und, was das Schlimmere iſt, auch drucken laſſen ſollten. Engländer und Deutſche dürfen ſich bei alledem noch das Zeugniß ausſtellen, daß ſie bei ihren Reiſen doch immer nach einem möglichſt tiefen und unbefangenen Verſtändniß der fremden Verhältniſſe, die ihnen zur An⸗ ſchauung kommen, hinſtreben, daß ſie ſich mit Energie und zugleich mit einem gewiſſen Wohlwollen in das Studium von Land und Leuten verſenken und ſchließ⸗ lich, wenn irgend möglich, ein treues, lebenvolles Bild Deſſen, was ſie erſchaut und erlebt, zuſammenſtellen; der echte Franzoſe dagegen bringt, wo er immer die Grenzen ſeines Heimatlandes überſchreitet, für Alles, was ihm unter die Augen kommt, nur einen Maßſtab mit, welcher kurz mit dem Worte„Paris“ zu bezeich⸗ nen iſt, und bemüht ſich durchaus nicht, über die ihm neuen Verhältniſſe ſelbſtändige Forſchungen anzuſtellen und manche in ſeiner Heimat gang und gäbe, aber falſche und verrottete Vorurtheile zu berichtigen und zu beſeitigen, ſondern er betrachtet Alles mit der ſou⸗ veränen suffisance, die es unter ihrer Würde hält, die
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eingeſogenen Anſichten und Meinungen nachträglich zu
korrigiren, und er findet unter ſolchen Umſtänden na⸗ türlich auch überall neue Belege für die angebliche Rich⸗ tigkeit ſeiner Einbildungen, neuen Stoff zur Anſchwel⸗ lung ſeines hohlen Stolzes, ſeiner eitlen Selbſtgenüg⸗ ſamkeit, welche nur in la belle France den Gipfel alles Schönen und Großen zu erkennen vermag. So ziemlich, wenn auch nicht ganz, zu dieſer Sorte von Touriſten gehört Hr. Viktor Duruh, der im Jahre 1860 eine Reiſe von Paris nach Konſtantinopel machte und über ſeine Erlebniſſe dem Journal Le Tour du Monde ſehr ausführliche Berichte zugehen ließ, welche jetzt in einem größeren Reiſewerk vereinigt werden, deſſen erſter Band unter dem Litel Causeries de voyage de Paris à Bucharest(Paris, L. Hachette und Co.) ſoeben er⸗ ſchienen iſt. Es war ein ſehr richtiges Gefühl, das den
Verfaſſer beſtimmte, ſeinen Niederſchriften die Bezeich⸗ nung causeries zu geben, denn wirklich leiſtet er in ſelbſtgefälligem Sichgehenlaſſen und in jenem etwas breitſpurigen Geplauder über tauſenderlei Dinge, von denen ein gut Theil ohne allen Verluſt für den Leſer hätte wegbleiben können, ſehr Bedeutendes; nichtsdeſto⸗ weniger aber bietet Duruy, namentlich in ſeinen Ur⸗ theilen über deutſche Sitten und Gebräuche, deutſchen Volkscharakter ꝛc. mitunter einen Spiegel, in welchem uns aufmerkſam zu beſchauen weder überflüſſig noch unangenehm dünken ſollte. Es ſei uns daher geſtattet, aus der ganzen Reiſebeſchreibung, die vor der Hand mit der öſterreichiſchen Kaiſerſtadt abſchließt, hauptſächlich ſolche Stellen auszuheben, in welchen deutſche Art und deutſche Zuſtände, durch die Brille des Franzoſen ge⸗ ſehen, geſchildert und bekrittelt werden.
Gleich der erſte Tritt auf deutſchen Boden gibt unſerem Reiſenden Anlaß zu einigen echt franzöſiſchen Bemerkungen. Er hatte zwar nicht das Vergnügen, das⸗ ſelbe Schauſpiel zu genießen, das einem andern Fa⸗ bulanten der großen Nation früher zu Theil geworden ſein ſoll, das Schauſpiel nämlich, auf der Mitte der Rheinbrücke zu Kehl die zwei Schildwachen, die ba⸗ diſche und die franzöſiſche, alle zwei Minuten auf einander losgehen und ſich gegenſeitig eine Wolke von Tabaksrauch in die reſpektiven Phyſiognomien blaſen zu ſehen; ſonſt aber erſchien ihm cette première apparition de l'Allemage militaire nicht eben vor⸗ theilhaft, denn der badiſche Soldat der da unter Waffen ſtand, war ein zu kleiner, ſchmächtiger Kerl, der ſein Gewehr nicht martialiſch genug trug, und hatte auf dem Kopfe einen furchtbaren Helm, der angeblich die Benennung Sturmhaube trägt und deſſen allzu häufige Anwendung, bis auf die Bahnwärter dc. herab, der Regierung von Baden einen bittern Verweis zuzieht.
Die Gepäckdurchſuchung von Seiten des Zollbe⸗ amten war glücklich beendet; aber nun hätte auch ſofort der Eilzug, auf den unſer Franzoſe wartete, zur Stelle ſein ſollen. Da Letzteres nicht der Fall, ſo hat Hr. Duruy die ſchönſte Gelegenheit, ein paar Seiten lang allerhand überflüſſige Meditationen anzuſtellen.„Die Deutſchen,“ meint er,„haben noch keinen rechten Be⸗ griff von dem Werthe der Zeit, die ſie mit wahrhaft orientaliſcher Sorgloſigkeit verfließen laſſen. Das wäre recht gut, ihr allzu wenig preſſirten Leute, wenn ihr euch blos, wie der Ritter eures Albrecht Dürer, in dem Zauberhain der Poeſie und Kunſt oder auf den öden Pfaden der Viſſenſchaften herumtreiben wolltet; aber wie oft habe ich euch brüten oder mit geſchloſſenen Augen herumtaſten ſehen in den Nebeln einer trans⸗ cendentalen Metaphyſik und einer traditionellen Politik!“ Unter ſo überaus tiefſinnigen Betrachtungen begibt ſich Hr. Duruy nach dem Warteſaal, deſſen Eingang ein würdiger Portier mit großem Dreimaſter und Quaſten⸗ ſtock hütet; ſofort entdeckt der Franzoſe, daß Deutſch⸗ land Alles mit beſonderer Feierlichkeit auszuſtatten pflege, ſelbſt die Wagen der Eiſenbahnen, auf welchen
das großherzoglich badiſche Wappen angebracht iſt, und
ieſes letztere ruft ihm natürlich die anderen Kronen


