—
Emil Dietze: Ein Fälſcher.
ſeine Bekanntſchaft mit mehr oder minder bedeutenden Opfern büßten. Eine Menge von Städten wußte da⸗ von zu erzählen, da ſie aber meiſt ſehr weit von ein⸗ ander entfernt lagen, ſo kam man nicht ſo leicht darauf, daß man es nur mit einer und derſelben Perſönlichkeit zu thun hatte, und da zu jener Zeit noch keine Eiſen⸗ bahnen, keine Telegraphen den Austauſch von Nachrich⸗ ten beſchleunigten, ſo verbreitete ſich die Kunde der ver⸗ übten Verbrechen nur verhältnißmäßig langſam und der Betrüger hatte volle Muße zu entkommen und ſeine
Maßregeln für eine neue Rolle und einen neuen Ope⸗
rationsplan zu treffen. Immerhin mußte es unwahr⸗ ſcheinlich ſein, daß der Urheber dieſer mannigfachen Fälſchungen, die von außergewöhnlichem Geſchick zeig⸗ ten, nur Eine Perſon ſein ſollte, denn kaum war hier eine Fälſchung ruchbar geworden, ſo kam von ganz entgegengeſetzter Seite her die Kunde einer neuen, und ſtets warn die Wechſel— und um dieſe handelte es ſich faſt ausſchließlich— ſo täuſchend nachgebildet, daß das Verbrechen oft erſt entdeckt ward, wenn der Wech⸗ ſel zur Verfallzeit zur Präſentation an das betreffende Haus eingeſandt wurde und jede Spur des Verkäufers
bereits verwiſcht war.
Ich würde mehr als blaſirt geweſen ſein, hätte ich mein Ohr dieſen Tagesneuigkeiten, die ganz Mainz in Aufregung verſetzten, verſchließen wollen. Der Gedanke an den Baron Müller kam mir lebhafter als je und ich nahm Veranlaſſung an einen Freund in Magde⸗ burg zu ſchreiben und ihn um Auskunft zu bitten, ob unſer früherer Tiſchgenoſſe die ſchöne Konſtanze geehe⸗ licht und wohin er ſich gewendet habe. Von dem Baron Minnigerode erwähnte ich nichts.
Vergebens wartete ich indeß auf eine Antwort, eine Erklärung für dieſes Schweigen fand ich nicht, es müßte die geweſen ſein, daß mein Freund Magdeburg verlaſſen.
Seit den oben erzählten Ereigniſſen mochte noch kein halbes Jahr vergangen ſein, als ein Korreſpondenz⸗ artikel aus Gotha meine und gewiß auch vieler Anderer Aufmerkſamkeit erregte.„Endlich,“ hieß es darin, „iſt es gelungen, einen der Wechſelfälſcher, von denen unſer Deutſchland überfluthet zu werden ſcheint, hab⸗ haft zu werden. Unſer wachſamer Polizeiagent hat ſich das Verdienſt erworben, denjenigen von ihnen, der als Freiherr von Minnigerode, Oberſt in preu⸗ ßiſchen Dienſten, Ritter und Inhaber verſchiedener Or⸗ den, in Mainz in ſo unverſchämter Weiſe ſein Weſen trieb, für einige Zeit unſchädlich gemacht zu haben.
Es währte jedoch noch eine ſehr geraume Zeit, ehe weitere Aufklärungen bekannt wurden. Der Pſeudo⸗ Baron war ein zu kühner und gewandter Inquiſit, um
— ſich ſo leichten Kaufes gefangen zu geben und ſeine
Maske fallen zu laſſen.
Was die zahlloſen Verhöre zu Tage förderten, be⸗ ſtand etwa in Folgendem:
Mit durch verkaufte Wechſel hinreichend gefüllter Börſe hatte ſich der Oberſt nach Kaſſel begeben. Nicht als Oberſt und Baron Minnigerode, ſondern mit einem guten Paſſe als Freiherr von Eichsfeld.
Sein Verweilen war hier von kürzerer Dauer, ſein Auf⸗ enthalt ohne jede Oſtentation. Niemand hatte Urſache, ſeinen Namen und Charakter in Zweifel zu ziehen, Steckbriefe veröffentlichten noch nicht ſein Signalement. So zog er ungehindert nach Süden, beſuchte Oeſterreich und Tirol und verweilte erſt in Salzburg für längere Zeit. Aber Oeſterreich mochte ihm entweder nicht als ein Schauplatz zu erfolgreicher Thätigkeit erſcheinen oder er ſehnte ſich wieder nach dem Norden, genug er ver⸗ ließ es, ohne von den Gaben ſeines Geiſtes und ſeiner Fingerfertigkeit Gebrauch gemacht zu haben. So ſaß er denn wieder im Poſtwagen, der ihn dem„Auslande“ zuführen ſollte. Hier im Poſtwagen war es, wo er die Bekanntſchaft eines wohlhabenden Bürgers machte, der eine Luſtreiſe durch Tirol und das Salzkammer⸗ gut unternommen und nun in ſeine Heimat Gotha zurückkehrte. Bei den geſellſchaftlichen Talenten des Pſeudo⸗Freiherrn war es kein Wunder, daß er ſeinen Reiſegefährten während ihres Beiſammenſeins eben ſo für ſich einnahm, als es vordem mit mir der Fall geweſen war. Unſer Held wußte, wo es für ihn von Vortheil war, eben ſo gut zu imponiren als durch Her⸗ ablaſſung und anſcheinend vertrauliches Weſen Ver⸗ trauen und Zuneigung einzuflößen. So bildete ſich zwiſchen den Beiden ganz dieſelbe Art von flüchtiger Freundſchaft, die mich eine Zeitlang mit dem Baron Müller verbunden gehabt. In Eiſenach trennten ſie ſich, doch mit der Zuſage des Barons, in wenigen Wochen nach Gotha zu kommen und einige Zeit im Hauſe des Freundes zu verweilen, wobei dieſer ihm verſprach, ihn mit Allem, was es dort Sehenswerthes gab, bekannt zu machen.—
Noch ganz berauſcht von der Liebenswürdigkeit und dem hohen Range, wie der mächtigen Verwandt⸗ ſchaft ſeines Gefährten, der nichts Geringeres als Kam⸗ merherr in königlich ſächſiſchen Dienſten und ein Neffe des bekannten Diplomaten Fürſten Metternich in Wien war, traf der gute glückliche Gothaer alle Vor⸗ bereitungen, den zu erwartenden Gaſt ſtandesgemäß zu empfangen.
Seine Erwartungen ſollten nicht getäuſcht wer⸗ den; der Baron Eichsfeld traf innerhalb der ver⸗ ſprochenen Friſt ein und der gute Alte that Alles, was ſeinem vornehmen Gaſte nur irgend eine Zerſtreuung und Vergnügen gewähren konnte. Keine Opfer waren ihm zu gering, hielt er ſich doch überzeugt, daß ſie ihm durch die Freundſchaft eines ſo hochgeſtellten Mannes reich vergolten waren.
Nicht ganz ſo dachte die Polizeibehörde. War es auch bei Standesperſonen nichts ungewöhnliches, daß in ihren Päſſen die Perſonalbeſchreibung mangelte, wie dies auch in dem des Kammerherrn von Eichs⸗ feld der Fall war, ſo nahm doch die Gothaer Polizei Anſtoß daran. Sie verweigerte ihm das Viſum ſeiner Legitimation. Das Auftreten des vermeintlichen Kam⸗ merherrn hatte nicht verfehlen können, bei den guten Bürgern der Stadt einiges Aufſehen zu machen und der Polizeidirektor war nicht der letzte, der ihm ſeine Aufmerkſamkeit zuwendete. Er hatte bereits Gele⸗


