8 Emil Dietze:
Ein Fälſſcher.
genheit genommen, insgeheim das Signalement des
ſteckbrieflich verfolgten Oberſt Minnigerode mit.
der Perſönlichkeit des Fremden zu vergleichen und die Aehnlichkeit dünkte ihm zu groß, um ihn bezweifeln zu laſſen, daß er es hier mit dem berüchtigten Gauner zu thun habe. Ohne datz es der Freiherr ahnte, wurde er auf Schritt und Tritt verfolgt, und als dieſer in ſeiner Sorgloſigkeit den Paß zum Viſiren über Koburg nach
Salzburg präſentiren ließ, gab dies dem Direktor den
erwünſchten Anlaß, den Verdächtigen um einen Beſuch zu bitten.
Ob dem Kammerherrn dabei etwas von ſeinem möglichen Schickſal ahnte?— Nichtsdeſtoweniger ſtellte er ſich keck und ſtolz ein; er führte bittere Klage über die geringe Rückſicht, welche er für ſeinen Stand bean⸗ ſpruchen zu können glaubte. Aber der welterfahrene Polizeimann ließ ſich durch dieſe übermüthige Sprache nicht verblüffen, er eröffnete ihm ohne Umſchweife, daß man Urſache habe, den Paß für gefälſcht zu halten, und daß er ſich gefallen laſſen müſſe, ſo lange in Gewahr⸗ ſam zu bleiben, bis deſſen Richtigkeit außer Zweifel ge⸗ ſtellt ſei.
Da entfärbte ſich das Geſicht des Freiherrn, ſeine kecke Rede wurde kleinlaut und verlegen und ſie ver⸗ ſtummte ganz, als man ihm ohne Rückſicht auf ſeinen angeblichen Rang vorhielt, daß man argwöhne, ihn für den von Mainz aus ſteckbrieflich verfolgten Oberſten Minnigerode zu halten. Seine Zuperſicht war durch den geſchickten, wenn auch ſehr gewagten Angriff des Inquirenten mit einemmale erſchüttert.
Inzwiſchen hatte eine Hausſuchung und insbe⸗ ſondere eine Nachforſchung unter den Habſeligkeiten des Kammerherrn von Eichsfeld faſt bis zur Zwei⸗ felloſigkeit herausgeſtellt, daß man es mit einem Betrü⸗ ger zu thun habe, denn es fanden ſich außer einer Menge von Kleinigkeiten, wie ſie ein Mann von Stande wohl bei ſich zu führen pflegt, eine ziemliche Anzahl Wechſel⸗ blankets, mehrere Petſchafte mit adeligen Wappen und ein größeres mit dem ſächſiſchen Wappen und der Um⸗ ſchrift:„Königlich ſächſiſche Geſandtſchaft zu Berlin“,— Gegenſtände, die wohl dazu dienen konnten, nicht allein den Glauben an ſeinen angeblichen Adel zu beſtärken, ſondern auch ſein Fortkommen und ſeine Täuſchungen
zu fördern, die aber eben jetzt dazu dienten, ihn des Betrugs zu überführen.
Allein der Verhaftete hätte weniger gewandt und kühn ſein müſſen, um ſeine Rolle ohne Kampf aufzu⸗ geben. Er beharrte, obgleich ihm die Lüge auf dem Geſicht geſchrieben ſtand, auf ſeiner Behauptung, daß er der ſei, den er ſich nannte. Seine Verwirrung, ſeine Beſtürzung beim erſten Verhör wußte er plauſibel ge⸗ nug zu entſchuldigen.
Eine Anfrage in Dresden brachte die Beſtätigung des Argwohns der Gothaer Polizei und nun durfte auch er nicht länger auf ſeiner Lüge beharren. Er gab zu, der Oberſt Minnigerode zu ſein. Doch auch dieſen Namen für echt zu halten erſchien zu unglaub⸗ lich, und weniger das Drängen ſeines Inquirenten als
den, wo er nach dem Code Napoleon abgeurtheilt wer⸗ den würde und einer mehrjährigen Zuchthausſtrafe mit vorausgehender Ausſtellung am Halseiſen nicht wohl zu entgehen fürchtete, gebot ihm, auch dieſe Maske als zu gefährlich bei Seite zu werfen. Die Erzählung, welche er jetzt zu den Akten gab,
war weſentlich von denen verſchieden, mit welchen er die Welt bis dahin getäuſcht. Er gab an, Weißen⸗ dorf zu heißen und in Berlin, ſeiner Geburtsſtadt, die Handlung erlernt zu haben. Nach Ablauf ſeiner Lehrjahre hatte er in Oeſterreich, in Baden und am Rhein konditionirt, war ſpäter nach Frankreich gegan⸗ gen und hatte dort— 1830— verſchiedene bei der da⸗ maligen Bewegung ſtark betheiligte Leute kennen gelernt, in deren Aufträgen er nach der Vendée, nach Lothrin⸗ gen und dem Elſaß gereiſt ſei. Namen mochte er nicht nennen, um, wie er ſagte, Niemand zu kompromittiren, aber die geheimnißvolle Art, mit welcher er dieſe Ent⸗ hüllungen machte, ließ ahnen, daß er ein Werkzeug der Revolution geweſen war. Wenngleich er ſich nicht dazu verſtand, Aufklärungen, wie ſie der Inquirent
wünſchen mußte, zu geben, ſo ſprach er doch unverhoh⸗
len aus, wie er zuverſichtlich hoffe, daß ſich ſeine Um⸗
ſtände bald ändern würden, denn er kenne den Lafayet⸗
tismus und werde ihn entlarben. Der Anwalt des
Herzog Karl, des vertriebenen Braunſchweiger's Moli⸗
ne au, ſein Freund, habe ihn in die Pläne desſelben
eingeweiht, und Lionel, der Redakteur der Tribüne, habe ihn ebenfalls ſeines Vertrauens gewürdigt.
Alles, was der Inkulpat ausſagte, geſchah mit einer Geläufigkeit und ohne einen Augenblick zu ſtocken oder durch die Kreuzfragen ſeines Inquirenten verwirrt oder zu widerſprechenden Angaben verleitet zu werden, daß das Gericht ſeine Erzählung für wahr anzunehmen geneigt geweſen wäre, wenn Weißendorf nicht einige Tage ſpäter ſich auf's angelegentlichſte danach er⸗ kundigt, ob er nach Mainz ausgeliefert werden würde. Die Beſtätigung ſeiner Beſorgniß ſchlug ihn gewaltig nieder; er ahnte, oder vielmehr er wußte, daß die Aſſi⸗ ſen ſein Vergehen nach dem Code penal härter verurtheil⸗ ten, als irgend ein anderer Gerichtshof in Deutſchland. Um dieſem Schickſal zu entgehen, war er ſchnell mit einem Entſchluſſe fertig: er forderte Auslieferung an das Central⸗Unterſuchungs⸗Komité in Frankfurt am Main denn dieſem und dieſem allein gedenke er Mit⸗ theilungen über die damals im Schwange gehenden Umtriebe der Religionsparteien in Frankreich und Deutſchland zu machen, Enthüllungen, welche die Welt mit Staunen erfüllen ſollten. 4 Allein zum Glück für die Ruhe Vieler legte die Gothaer Behörde auf die zugeſagten Eröffnungen nur geringen Werth; ſie hielt ſie für das, was ſie in Wahrheit waren— für leere Ausflüchte, um ſich eine gelindere Strafe zu vergewiſſern. Damit aber die Perſönlichkeit des Verhafteten feſtgeſtellt werde, forſchte die Polizeibehörde in Berlin dem Handlungsdiener Weißendorf nach. In der That exiſtirte ein Hand⸗ lungsdiener dieſes Namens, deſſen Aufenthalt nicht be⸗
vielmehr die Furcht, nach Mainz ausgeliefert zu wer⸗
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kannt war; ſein Signalement wurde eingeſendet und


