Jahrgang 
1864
Seite
6
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6 Emil Dietze: Ein Fälſcher.

zu ſetzen wünſchte, auf ein Blatt Papier zu ſchreiben und ein paar Namen dazu, die in der Geldariſtokratie guten Klang hatten. Fritze verhehlte ſich nicht, daß die Sache nicht ganz ſo leicht war, als ſie auf den erſten Blick ſchien, doch wer nichts wagt, gewinnt nichts, und war nicht ſein erſter Verſuch in Berlin ihm ganz vor⸗ züglich gelungen? Er übte ſich jetzt fleißig in der Nach⸗ ahmung fremder Handſchriften und brachte es darin auch zu einiger Fertigkeit. Wo er nach dieſer Richtung hin ſein erſtes Probeſtück ablegte, woher er ſich, außer dem des Bankier Schulze, deſſen eigenhändige Unter⸗ ſchrift auf einem der von Lüttich mitgenommenen Le⸗ gitimationspapiere ſich befand, die Namenszüge der ver⸗ ſchiedenen Kaufleute erlangte, iſt unerforſcht geblieben; ſo viel iſt gewiß, daß er in Magdeburg, wo ich mich ſeines Umganges erfreute, zuerſt einen gefälſchten Wechſel in größerem Betrage verausgabte.

Es würde ſchwierig, wo nicht gar unmöglich ſein, Fritze an alle die Orte zu begleiten, an denen er nach ſeinem Entweichen von Magdeburg auftrat, und die Namen zu nennen, deren er ſich dabei bediente; es möge genügen, zu erzählen, daß er bald als Herr von Mül⸗ ler, Müllerſtein, Müller⸗Eſche, bald als Dr. Feilgenhauer und als Handlungsdiener Weißendorf über Dresden nach Chemnitz, Nürn⸗ berg, München, Linz und Wien reiſte, daß er ſich ſogar längere Zeit im Bad Liebenwerda aufhielt und überall ein gern geſehener Mann war, der bald mit Geld um ſich warf, bald als verſchämter Armer die Mildthätigkeit ihm Wohlgeſinnter in Anſpruch nahm.

In letzterer Eigenſchaft trat er indeß nur noch ſehr ſelten auf. Durch den Verkauf ſelbſtgefertigter Wechſel konnte er ſich ja ſo viel Geld verſchaffen, als er für die nächſte Zeit zu haben wünſchte, und je zubverſichtlicher und kecker er ſich beim Verkauf benahm, je geringer war die Gefahr der Entdeckung. Von Liebenwerda, wo er einen Badegaſt um ſechshundert Gulden ärmer gemacht, entwich er nach Prag, in der Abſicht, abermals nach Wien zu gehen, deſſen heiteres Leben ſo vielen Reiz für ihn beſaß, aber er änderte ſeinen Plan und begab ſich über Hof nach Nürnberg, und von da über Stuttgart nach Karlsruhe. Deutſchland mochte ihm jetzt ſchon zu eng werden, denn er ließ ſeinen Paß, der für den Kauf mann Weißendorf ausgeſtellt war, über Rotterdam nach London viſiren. Entweder aber fand er nach ſorg⸗ fältigerer Ueberlegung, daß England kaum der Boden ſein würde, auf welchem ſein Geſchäft mit bedeutendem Erfolg blühen könne, oder er hatte ſeine Gründe, durch ein ſolches Viſum die Spuren ſeiner Reiſe zu verwir⸗ ren, genug er kehrte, nachdem er den Rhein eine Strecke weit befahren, nach Stuttgart zurück und begab ſich von da nach Mannheim, um dort einen ſeiner ge⸗ fälſchten Wechſel zu verſilbern, was ihm auch wider Er⸗ warten ſchnell gelang.

Bis hierher war Fritze mit den aus Lüttich ent⸗ wendeten Legitimationspapieren gekommen. Nach dem in Mannheim verübten Betruge mußte indeß ein aber⸗ maliger Namenswechſel ſtattfinden und dazu bedurfte er eines Paſſes. Unſer Held war ein viel zu vorſichtiger

Geſchäftsmann, um nicht bei Zeiten ſchon auf einen ſolchen Fall bedacht geweſen zu ſein. In der vorgege⸗ benen Eigenſchaft eines Attaché der ſächſiſchen Geſandt⸗ ſchaft in Berlin veranlaßte er einen Lithographen, ihm eine Anzahl Paßblankets nebſt dem dazu gehörigen Petſchaft anzufertigen. Auf einer ſolchen Unterlage konnte er ſich leicht jeden beliebigen Namen und Char⸗ akter beilegen und der zuerſt ausgeſtellte Paß verſchaffte ihm den Namen eines Freiherrn von Minnigerode, Oberſt in irgend welches Herrn Dienſten, in welcher Eigenſchaft er auch nach Mainz reiſte. Die Aufnahme, welche er hier fand, übertraf ſelbſt ſeine Erwartungen. Er hatte bei Tafel Bekanntſchaft mit einigen Officieren angeknüpft, und dieſen gefiel der liebenswürdige Oberſt ſo, daß ſie ihn in allen den Cirkeln und Familien ein⸗ führten, die ſie ſelbſt beſuchten. Welche Aufnahme er auch da fand, haben wir bereits mitgetheilt, und ſicher würde der falſche Oberſt noch länger verweilt haben, wenn nicht eben ſein Geld zur Neige gegangen, und das Heer ſeiner Gläubiger immer größer geworden wäre, wennſchon ſein Kredit noch ein beinahe unbe⸗ ſchränkter war. Dieſe Gelegenheit durfte er nicht unbe⸗ nützt vorübergehen laſſen. Mit Hilfe ſeiner zahlreichen Bekanntſchaften mußte es ihm ſehr leicht werden, nicht blos einen, ſondern mehrere Wechſel ſeines eigenen Fabrikates an den Mann zu bringen, und Fritze war wahrlich nicht der Mann, dem in dieſer Weiſe Zurück⸗ haltung zum Vorwurf gemacht werden konnte.

Wie ſich ſpäter herausſtellte, betrug allein die Summe der verkauften Wechſel über zwölfhundert Thaler.

Ganz von ſelbſt kam mir, als die erſten Gerüchte über die Entweichung des Baron Minnigerode auftauchten, die Aehnlichkeit desſelben mit meiner Magdeburger Bekanntſchaft wieder lebhafter in das Gedächtniß; allein ein Verbindungsglied zwiſchen den beiden Perſönlichkeiten konnte ich auf den erſten Augen⸗ blick um ſo weniger finden, als ich nicht den mindeſten Anlaß beſaß, auch den Baron Müller für einen Abenteurer zu halten. Und gleichwohl, je länger ich nachdachte, je weniger wahrſcheinlich ward mir die Identität der beiden vermeintlichen Edelleute. Nicht blos das Aeußere beſtimmte mich zu dieſer Annahme, auch die Stimme, das Geberdenſpiel, dieſes eigenthüm⸗ liche, bald hochmüthige, bald herablaſſende Weſen waren ganz das meines früheren Reiſegefährten.

Die Steckbriefe, welche den Oberſten Minnige⸗ rode als einen Wechſelfälſcher bezeichneten, und dem⸗ nach dieſen Theil des Gerüchtes beſtätigten, blieben ohne Erfolg, die Sache ward endlich vergeſſen und über die leidige Angelegenheit begann Gras zu wachſen.

Indeſſen trug dieſer Fall doch ſehr dazu bei, die allgemeine Aufmerkſamkeit immer mehr auf einen Wech⸗ ſelfälſcher zu lenken, der bald hier, bald da auftauchte, mit Oſtentation auftrat, ſich in die vornehme Geſellſchaft unter wohlklingenden Namen eindrängte und plötzlich

verſchwand, freilich nicht ohne Leute zu hinterlaſſen, die