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Emil Dietze: Ein Fälſcher. 5
wanderte er in ſeinem dünnen Röckchen weiter und drei Monate ſpäter hatte er wirklich die belgiſche Grenze überſchritten. Wer vermöchte zu ſagen, wie er ſein Fort⸗ kommen ermöglicht und wie und wo er die Mittel her⸗ beigeſchafft, ſeine äußere Erſcheinung ſo umzuwandeln, daß er, wie z. B. in Mainz, mit Officieren als Ihres⸗ gleichen verkehren konnte?
Leider traf Fritze, um Oberſt zu werden, in Brüſſel zu ſpät ein; die Revolution war zu Ende und die Na⸗ tionaltruppen nahmen nur Landeskinder auf. Wollte Eduard ſeinen Plan, ſeine militäriſche Laufbahn als Oberſt zu beſchließen, nicht aufgeben, ſo mußte er wohl oder übel bei einem Frei⸗Korps Dienſte nehmen, deſſen größter Theil aus zuſammengelaufenem Geſindel beſtand. Das hinderte ihn nicht, er wollte als Soldat ſein Glück machen und er trat ein. Mit dem Avancement ging es indeß nicht ſs raſch als er ſich eingebildet, und doch konnte er von Glück ſagen, daß er in Folge ſeiner Ge⸗ wandtheit im Sprechen und Schreiben, wie ſeiner Be⸗ kanntſchaft mit der franzöſiſchen Sprache als Sekretär im Bureau des Quartiermeiſters angeſtellt ward. In dieſer Stellung verkehrte er häufig mit dem Oberſt Capiaumont, bei dem er ſich durch Pünktlichkeit im Dienſt und einſchmeichelndes Benehmen inſinuirte und durch die Erzählung, daß er Ingenieur⸗Geograph und ſein Vater einen Poſten im Staatsſekretariat zu Berlin bekleide, eine noch günſtigere Meinung von ſich zu erwecken wußte, und die Folge war, daß er um einige Stufen aufrückte.
Allein, ſo außergewöhnlich dieſes Avancement war, Fritze genügte es keineswegs, er hatte ſich einge⸗ bildet, in kürzerer Zeit weit höhere Chargen zu gewinnen. Mißmuthig über ſeine vereitelten Hoffnungen, kam er auf den Gedanken den Dienſt zu quittiren, das heißt, um es mit dürren Worten auszuſprechen, zu deſertiren. Eduard hatte ſich jetzt ſchon ſo viel Lebenserfahrung angeeignet, daß er nicht auf's Gerathewohl ins Blaue ging. Er wußte, was nächſt dem Gelde dazu gehörte, unangefochten durch die Welt zu kommen, gute Legiti⸗ mationspapiere! und da er ſelbſt keine oder nur unbe⸗ friedigende beſaß, die ihm auch ſchwerlich zur Empfehlung dienen konnten, ſo mußte er ſich auf einer andern Seite danach umſehen, und es geſchah mit günſtigem Erfolg. Unter den Papieren, die ſich unter ſeiner Obhut befanden, entdeckte er auch die Päſſe von vier Neuangeworbenen, welche bei den Verpflichtungsverhandlungen überſehen worden ſein mochten und jetzt vergeſſen in einem Winkel lagen. Beſſer konnte es ſich für ihn ja gar nicht treffen. Wenn er, wie er um dieſe Zeit an ſeinen Bruder ſchrieb, wirklich die Abſicht gehabt, ſich entweder in Portugal oder in Neapel anwerben zu laſſen, hoffend, daß ſich dort ſeine hochfliegenden Plane raſcher verwirklichten, ſo ſcheint er dieſen Plan⸗doch bald wieder aufgegeben zu haben, wenn dies nicht eben ſo wie Alles, was er ſchrieb und ſagte, nur Rodomontaden waren, denen nicht der geringſte Glaube beigemeſſen werden durfte.
Zu Anfang des Jahres 1833 ſtand ſein Korps in Lüttich und dies ſchien ihm der geeignetſte Zeitpunkt, ſich zu entfernen. Er that es und nahm außer den vier
Päſſen für vorkommende Fälle die ziemlich neue Uniform eines preußiſchen Officiers mit. Vorſichtigerweiſe legte er ſie nicht ſogleich an, denn er durfte wohl annehmen, daß man nach der Entdeckung ſeiner Deſertion darauf zunächſt das Augenmerk richten werde.
Was indeß ſehr unangenehm war, war der Um⸗ ſtand, daß ihn das lockere Soldatenleben nicht zum Sparen hatte kommen laſſen und daß er bei ſeiner Ent⸗ weichung ſo gut wie gar kein Geld beſaß. Das bewog ihn auch in Aachen die Officiersuniform in Silber um⸗ zuſetzen; der Erlös war jedoch ſo unbedeutend, daß er ſich andere Kleidung dafür nicht anſchaffen konnte, und er betrat Düſſeldorf in einem Gewande, das in ihm nichts weniger als einen Baron D. Autrelepont vermuthen ließ. Nur ſeiner Keckheit und ſeinem zuver⸗ ſichtlichen Auftreten, geſpickt mit für ihn ſo wohlfeilen Lügen, hatte er es zu verdanken, daß ihn der Wirth im Kölniſchen Hofe aufnahm und acht Tage lang behielt. Während dieſer Zeit gelang es ihm zwar, durch allerhand Vorſpiegelungen von erduldeten Leiden als kurfürſtlich heſſiſcher Officier, hier und da Unterſtützung zu erhalten, doch war das lange nicht genug, ſeinen Aufwand zu beſtreiten. Plötzlich verſchwand er mit Hinterlaſſung ſeines Paſſes, einiger werthloſen Effekten und einer un⸗ bezahlten Gaſthausrechnung.
Von nun an begann Fritze ein Wanderleben durch Deutſchland, wie es ſeines gleichen ſuchen dürfte. Bald war er hier, bald dort, bald unter dieſem, bald unter jenem, doch nie unter ſeinem Namen. War ſein Paß nicht wohl geeignet die Blicke eines ſtrengen Poli⸗ zeibeamten auszuhalten, ſo war er um das Viſum nicht verlegen; er ſchrieb es ſelbſt und ein kaum erkennbarer Stempel mußte ihm Glaubwürdigkeit verſchaffen, und meiſt waren ſeine Nachahmungen ſo geſchickt, daß er damit ſelbſt geübte Beamte täuſchte. Wer ihn aus ſeinem Leben erzählen hörte, der mußte für den jungen, feinen, aber vom Schickſal grauſam verfolgten Mann Theilnahme fühlen und ſelten nur konnte ſich Einer dem Drange ent⸗ ziehen, die rauhe Bahn des Jünglings durch ein Geſchenk in Form eines Darlehens zu ebnen; allein nur gegen Vornehme und Edelleute war er der demüthige Bittſteller; er wechſelte gar oft die Rollen, wenn eben ſeine Taſchen gefüllt waren, und zeigte ſich dann als Edelmann von ſo und ſo viel Ahnen und Gütern. In Dresden wagte er ſich ſogar an den Hof; der König ſelbſt und die Prinzen beſchenkten ihn reichlich; nur Prinz Max traute dem Patron nicht recht und forderte ihn auf, wieder zu kommen. Fritze ahnte nichts Gutes und, ſich mit dem begnügend, was ihm fürſtliche Huld gereicht, machte ſich eilends aus dem Staube.
Das Leben und die Genüſſe der feinen Welt, in welcher er ſich leicht und ſicher bewegen gelernt hatte, wurden ihm immer mehr Bedürfniß, aber der Verdienſt als vornehmer Bettler war doch zuweilen ein zu kärg⸗ licher nach ſeinen Begriffen. Konnte er denn nicht dieſe beſchwerliche Rolle ganz von ſich werfen und ſelbſt als Edelmann, Officier und reich, in den Kreiſen der vor⸗ nehmen Welt ſich Zutritt verſchaffen? Was bedurfte es dazu denn mehr, als die Summe, in deren Beſitz er ſich


