Jahrgang 
1864
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Emil Dietze:

Ein Fälſcher.

von einer ſolchen Unterſtützung abzuſehen. Und er that

klug daran, nicht wieder zu kommen; ſeine Täuſchung

war entdeckt worden; er würde nur der ſeiner harren⸗ den Polizei in die Arme gelaufen ſein. Und doch hatte er nur eine Galgenfriſt gewonnen. Die Schilderung ſeiner Perſönlichkeit war zu genau, als daß er lange unermittelt hätte bleiben können; er ſpielte bereits ſeine Rolle in den Regiſtern der Polizei. Sechs Wochen Ge⸗ fängniß war das niedrigſte Strafmaß, welches den kecken Induſtrieritter treffen konnte, und beinahe möchte man glauben, daß eben dieſe gelinde Beſtrafung Eduard weit mehr ermuthigte, den Verſuch zu wie⸗ derholen, als davon abſchreckte. Wir ſehen ihn alſo auch kaum wieder in Freiheit, als er, um ſich Subſiſtenz⸗ mittel zu verſchaffen, ſeine Streiche von Neuem begann.

In einfacher, aber ſauberer Kleidung, die er ent⸗ weder geliehen, oder um die er Jemand betrogen haben mußte, beſuchte er als Graf Spi egel von Deſen⸗ berg berſchiedene angeſehene Geiſtliche, ſtellte ſich als Neffen des Erzbiſchofs von Köln und letzten Sproſſen ſeiner Familie vor. Um den Familiennamen nicht aus⸗ ſterben zu laſſen, war er von der Theologie zur diplo⸗ matiſchen Laufbahn übergegangen und beabſichtigte nach vollendeten Studien ſich der Geſandtſchaft in Bern anzuſchließen. In der Unterhaltung ſchreckte er vor theologiſchen Disputationen nicht zurück, ja er ſelbſt war es zuweilen, der ſie herbeiführte. Ueber den Zweck ſeines Beſuches pflegte er etwas zurückhaltend zu ſein, erſt kurz vor ſeiner Entfernung erzählte er, daß ſein Oheim mehrere junge Griechen in ſeinem Hauſe aufge⸗ nommen habe, die er mit Büchern verſorge und deren Heimreiſe er aus ſeinen Mitteln zu ermöglichen ſuche. Die Anforderungen ſeien indeß immer größer geworden und der Erzbiſchof habe ſich bereits an einige Profeſſo⸗ ren in Bonn gewendet, die das menſchenfreundliche Unternehmen auch nach Kräften unterſtützt hätten; wenn er auch hier im Auftrage ſeines Oheims ein gleiches Geſuch ausſpreche, ſo hoffe er keine Fehlbitte gethan zu haben. Und das war auch in der That nicht der Fall geweſen. Eduards Betrug hatte einen Er⸗ folg, der ſeine Erwartungen übertraf. Er ſah ſich bald im Beſitz einer hübſchen Summe Geld denn wer hätte den Neffen eines Erzbiſchofs mit geringer Gabe abzuſpeiſen gewagt? und einer Unmaſſe werthvoller theologiſcher Werke, welche letztere er ſo bald wie mög⸗ lich im Laden eines Antiquars in Silber umſetzte. Dieſe Unvorſichtigkeit mußte er ſchwer büßen, denn ſie führte zu ſeiner Entdeckung, bevor er noch ſich ſeiner Beute recht hatte erfreuen können, ihn ſelbſt aber auf acht Wochen in das Zuchthaus zu Spandau.

Wenn je aus Eduard ein brauchbares Glied der Geſellſchaft werden ſollte, ſo war es hohe Zeit, daß etwas dafür geſchah. Ob er dies nun ſelbſt einſah, oder ob er nur dem Drängen ſeiner Eltern nachgab, genug er bemühte ſich irgendwo ein Unterkommen zu finden und ſein Vater ſtellte ihm ſogar zu dieſem Zweck einen Lehrbrief aus; aber wer hätte den Muth haben ſollen, einen ſo ſchlauen Verbrecher bei ſich aufzunehmen? So blieb Eduard nach ſeinem Wiedereintritt in die Welt,

wenn er nicht bei ſeinen Eltern verhungern wollte, kaum etwas anderes übrig, als ſich durch ſein Genie weiter zu helfen, und man darf glauben, daß ihm dieſer Vorſatz nicht ſchwer ward.

Es würde indeß zu weit führen, wollten wir jeden Streich, wegen deſſen er in der nächſten Zeit zur Haft und Strafe kam, berichten; nur ſo viel können wir nicht unterlaſſen, mitzutheilen, daß er, nachdem er innerhalb vier Jahren ſiebenmal beſtraft und von ſeinen Vater völlig verſtoßen worden war, ſein Glück außerhalb Berlin zu verſuchen beſchloß.

So wanderte er denn an einem rauhen Wintertage zu Anfang December 1831 mit dem Auswanderungs⸗ Konſens in der Taſche, aber nur mit einem Thaler im Beutel durch das Potsdauer Thor gerade auf Belgien los, mit dem feſten Vorſatze, nicht früher denn als Oberſt zurückzukehren. Mit einer Welt voll Plänen im Kopfe kam er bis Magdeburg. Sein leichtes Röckchen und das beſcheidene Reiſebündel geſtatteten ihm nicht, in einem Hötel ſeinen Abſteig zu nehmen; zudem war der Thaler auch zu Ende, er beſaß nicht mehr ſo viel, einen Trunk Bier, viel weniger ein Nachtquartier zu bezahlen. Deſſen⸗ ungeachtet ließ er den Muth nicht ſinken, begab ſich mit der Sicherheit eines Mannes, der ſich ſeines Werthes bewußt iſt, wenn ihn auch das Aeußere nicht empfiehlt, in ein Gaſthaus und forderte Speiſe und Trank. Während er auf beides wartete, nahm er ein Zeitungsblatt in die Hand und wenige Minuten ſpäter wußte er bereits, wie er ſeine Zeche bezahlen ſollte. Sein Blick war auf die Anzeige eines Notars gefallen, die demjenigen eine an⸗ ſtändige Belohnung verhieß, der ihm einen abhanden gekommenen Staatsſchuldſchein über fünfhundert Thaler nebſt Coupons wieder verſchaffen würde. Sich dieſe Be⸗ lohnung zu erobern faßte der erfindungsreiche Kopf ſchnell ſeinen Plan. Der Notar war nicht der Betrogene, ſondern eine bejahrte Witwe, zu welcher ihn dieſer wies und der er ſich als der Handlungsdiener Friedemann aus Seehauſen vorſtellte. Ein ihm unbekannter Menſchhatte, wie er mit der größten Treuherzigkeit erzählte, den Schuld⸗ ſchein für fünfzehn Thaler verpfändet. Er war zur Rück⸗ gabe bereit, ſofern ihm ſeine Auslagen zurückerſtattet würden. Voller Freuden willigte die Matrone ein und Friedemann ſetzte ſich nieder und ſetzte eine Eingabe an das Stadtgericht zu Calbe auf, woſelbſt er den Schein deponirt haben wollte, Schon liegen fünf Thaler als Abſchlagszahlung auf dem Tiſche und Eduard iſt im

Begriffe ſie einzuſtreichen und ſich zu entfernen, als der Notar erſcheint und den vermeintlichen Inhaber des Schuldſcheines einem ſcharfen Verhör unterwirft. Fritzes Ausſagen ſind für dieſen unbefriedigend, er ſchöpft Ver⸗ dacht und Eduard wird der Polizei überliefert. Das war ſein erſter Verſuch in der Welt, der ihm leider, un⸗ gerechnet die Unterſuchungshaft, fünf Wochen Zeitaufent⸗ halt verurſachte, während der er aber wenigſtens nicht verhungerte.

So unglücklich der Anfang der Heldenlaufbahn Fritzes war, ſo war er doch durchaus nicht der Mann, der ſich durch ſolche kleine Unannehmlichkeiten ſehr an⸗

fechten ließ. Kaum war ſeine Strafzeit abgelaufen, ſo