Emil Dietze: Ein Fälſcher. 3
welchem ihm ſo ſehr verlangte, er legte ſich auch, um
ſeinem Auftreten mehr Gewicht zu geben, den beſſer.
klingenden Namen eines Herrn von Martens bei, und fand als ſolcher ein Vergnügen daran, vor bürger⸗ lichen Lehrlingen den vornehmen und generöſen Herrn zu ſpielen. Die Verwunderung ſeiner Eltern über das veränderte Aeußere und das viele Geld, mit welchem er gern in ſeiner Taſche klimperte, beſchwichtigte er durch die Verſicherung, daß er durch Agenturgeſchäfte dieſes Geld verdiene. Die Mutter glaubte ihm leicht und der Vater war viel zu ſehr von ſeinen eigenen verwickelten Angelegenheiten in Anſpruch genommen, um ſich allzu⸗ ſehr um den ungerathenen Sohn zu bekümmern.
Bei dem Aufwande Ed uards konnte indeß die erbeutete Summe nicht eben lange vorhalten und er mußte darauf bedacht ſein, ſich eine neue Quelle zu er⸗ öffnen, um damit den eintretenden Mangel zu ergänzen. Behrend war ſo leicht in die ihm geſtellte Falle ge⸗ gangen, daß Eduard zu hoffen wagte, der Argloſe werde ſich noch einmal zum Opfer gebrauchen laſſen; er begab ſich alſo mit einer Keckheit ſonder Gleichen zu ihm und bot ihm Tabak an, den ſein Vater zum Ver⸗ kauf von Stettin erhalten haben ſollte. Behrend hatte inzwiſchen von Tag zu Tag dem Eintreffen der bereits bezahlten Waaren entgegengeſehen; Eduard kam ihm daher gerade recht gelegen um ihn mit Vor⸗ würfen zu überſchütten, obwohl er den ihm geſpielten Betrug noch keineswegs ahnte. Fritze wußte ſeine Un⸗ geduld zu beſchwichten und entfernte ſich in dem guten Glauben, daß am nächſten Tage ſchon der Tabakverkauf ſeine ſich leerende Börſe wieder füllen werde.
Er ſollte ſich bitter getäuſcht ſehen. Behrend forſchte nicht blos dem Tabak nach, er zog auch, als er erfahren, daß er nirgends lagere, mißtrauiſch gewor⸗ den, bei der Gas⸗Geſellſchaft Erkundigung wegen der beſtellten Waaren ein, und hier endlich wurden ihm die Augen geöffnet, denn man wußte dort von dieſem ſo wenig, als von einem Eduard Fritze. Jetzt war dieſem das Brod gebacken und während er ſich ſchmun⸗ zelnd einſtellte, um ein neues Sümmchen einzuſtreichen, ſah er ſich plötzlich einem Polizeibeamten gegenüber, der ihm nach kurzem Verhör an einen Ort begleitete, nach deſſen Bekanntſchaft ihm keineswegs verlangte. Bei dieſem erſten gerichtlichen Verfahren gegen ihn war es bemerkenswerth, nicht blos, daß er ſich, wo Alles ſo offen gegen ihn ſprach und jedes Läugnen nur ſeine Strafe verſchärfen mußte, vertheidigte, ſondern auch, daß er es mit nicht geringem Geſchick that. Er hatte ſich umſonſt angeſtrengt; von der achtzehnmonatlichen Gefängnißſtrafe, welche der Richter über ihn verhängte, wurde ihm nicht ein Tag erlaſſen.
Wie Alles ſein Ende erreicht, ſo gingen auch die ſchweren achtzehn Monate vorüber. Eduard ſchien bei ſeiner Rückkehr ſo zerknirſcht, daß ſeine bedauerns⸗ werthen Eltern ſich dem Glauben hingaben, die Strafe habe nachhaltige gute Vorſätze in ihm geweckt, und ſie wurden darin noch mehr beſtärkt, als er ſeinen Ent⸗ ſchluß, nach Braſilien auszuwandern, ausſprach. Der Vater machte keine Einwände, allein woher ſollte das
Geld kommen? Eduard half ſich ſchnell aus dieſer Verlegenheit: er faßte ein Bittgeſuch an alle hohen und höchſten Herrſchaften ab. Was er darin über die Ur⸗ ſachen ſeiner Auswanderung, wie über ſeine Familien⸗ angelegenheiten erzählte, war eben ſo erlogen, wie der Name— Hugo von Eben— mit welchem das Schriftſtück unterzeichnet war.
Eduard hatte durchaus nicht falſch ſpekulirt, er fand Leichtgläubige genug und ſah ſich in unglaublich kurzer Zeit im Beſitz von nahezu hundert Thalern, nur ſchade, daß ſie ſtatt zur Auswanderung zu dienen, dazu verwendet wurden, ſein ſchwelgeriſches Leben von Neuem zu beginnen, und in der Friedrichſtadt fand er genug junge Leute, die um kein Haar beſſer waren als er ſelbſt.
Der letzte Erwerb war ſo leicht und gefahrlos ge⸗ weſen, daß Eduard ſich vornahm, auf dem betretenen Pfade weiter zu gehen; er kollektirte mit trübſeliger Miene am Tage und durchſchwelgte die Nacht. Dies⸗ mal ward ihm aber raſch ein Ziel geſetzt; er kam mit ſeinem Bittgeſuch an einen Unrechten, der ihn ohne Umſtände verhaften ließ. Fritz büßte ſeinen Hochmuth, als Edelmann gelten zu wollen, mit ſechs Wochen Ge⸗ fängniß; wegen des betrügeriſchen Bettelns mußte man ihn ſtraflos laſſen, da dieſer Fall im Strafgeſetz nicht vorgeſehen war.—
Für Eduards Eltern war dieſer Rückfall um ſo niederſchlagender, als ſich ihnen gerade jetzt erfreulichere Zukunftsausſichten für ihren Sohn eröffnet hatten, in⸗ dem ihm ein Schreiberpoſten in Poſen zugeſichert wor⸗ den war. Eduard fügte ſich ſeinem Loſe mit der Leichtfertigkeit der Jugend; nicht die Strafe war es, die ihn bedrückte, die Entziehung der Freiheit, das Ent⸗ behren von Genüſſen, an die er ſich gewöhnt, ſchmerzte ihn weit mehr; dieſe ſich wieder zu verſchaffen war nach ſeiner Entlaſſung ſein erſter Gedanke, und da ein recht⸗ licher Erwerb und ein regelmäßiges Leben ſeiner Nei⸗ gung ſchlechterdings nicht zuſagen wollte, der Hang, Andere zu täuſchen, ihm überhaupt angeboren ſchien, ſo beſchäftigte er ſich, in das Haus der Eltern zurückge⸗ kehrt, auch nur mit Plänen, ſich auf Koſten Anderer die Mittel zum Lebensunterhalt zu verſchaffen.
Um dieſe Zeit— es war im Jahre 1829— hatte eine Ueberſchwemgung die Niederungen des Dan⸗ ziger Kreiſes ſo gewaltig verheert, daß zur Unterſtützung der beklagenswerthen Kalamitoſen im ganzen Lande Beiträge geſammelt wurden. Eduard faßte augen⸗ blicklich den Vorſatz, aus dieſem Umſtande für ſich Vor⸗ theil zu ziehen. Mit einem ſelbſtgeſchriebenen Zeugniß, in welchem ein hoher Officier den Ueberbringer als den Sohn des Herrn von Sydow auf Wieſenau bei Danzig bezeichnete und worin beſtätigt wurde, daß deſſen Vater durch die Ueberſchwemmung den größten Theil ſeines Vermögens eingebüßt, begab er ſich in das Bureau des Armendirektoriums, um von demſelben, wenn auch nur darlehensweiſe, eine Unterſtützung zu erlangen. Die Umſtändlichkeiten indeß, mit welchen alle ſeine Ausſagen zu weiterer Erörterungehn Protokoll ge⸗ nommen wurden, ließen ihm jedoch rathſam erſcheinen,


