Jahrgang 
1864
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Emil Dietze: Ein Fälſcher.

ſcheidene Familie, aber das Erträgniß reichte kei neswegs aus, einen großen Haushalt zu beſtreiten, wie er ihn in Stettin zu führen gewohnt geweſen war. Es war nur eine naturgemäße Folge, daß der Wohlſtand der Familie Fritze immer mehr ſchwand, und wenn ſie jetzt auch gern wieder nach Stettin zurückgekehrt wären, ſo hin⸗ derte ſie daran nicht ſowohl die falſche Scham als auch die nicht unbeträchtlichen Koſten einer nochmaligen Um⸗ ſiedelung.

Während alſo die früher günſtigen äußeren Ver⸗ hältniſſe von Schritt zu Schritt abwärts gingen, gab es auch im Innern der Familie gar Manches, was den Blick in die Zukunft ſorgenvoll machen mußte. So wenig der Vater verſäumt hatte, ſeinen Kindern eine gute Schulbildung angedeihen zu laſſen, ſo ſehr dieſe auch durch Lernbegier die Hoffnungen der Eltern er⸗ weckten, ſo zeigten ſich doch an den beiden Knaben Eigenſchaften, die weniger rühmenswerth waren; na⸗ mentlich beſaß Eduard eine ungemeine Fertigkeit in Lügen und kleinen Betrügereien und nur der zu großen Nachſicht der Mutter, deren Erſtgeborener er war, ver⸗ dankte er es, daß er nicht öfter und nachdrücklicher ge⸗ züchtigt wurde. Der jüngere Bruder beſaß die gleichen Anlagen, nur in minderem Grade, und nur ſelten war er ſo glücklich, unentdeckt zu bleiben und der Strafe zu entgehen.

So verrannen die Jahre, und Eduard mit dem wir es hier allein zu thun haben, verließ die Schule zu einer Zeit, wo deſſen Vater, der ſeinen Erſt⸗ geborenen früher eine akademiſche Bildung geben zu laſſen beabſichtigt, ſo herabgekommen war, daß er nur noch in Winkelgeſchäften ſein Stück Brod verdiente, und froh war. ſeinen Sohn als Lehrling in einem kleinen Bankiergeſchäft unterzubringen. Daß es mit bangen Be⸗ fürchtungen geſchah, daran läßt ſich kaum zweifeln. Sie ſollten ſich leider auch nur zu bald erfüllen. Durch ſeinen Eifer, ſeine Thätigkeit und ſeine Lernbegier er⸗ warb ſich Eduard zwar bald die Zufriedenheit ſeines

Principals, aber weniger die des übrigen Perſonals, welches ihn bald in Verdacht der Unredlichkeit hatte, ohne im Stande zu ſein, ihn derſelben zu überführen. Verdoppelte Ueberwachung führte endlich zur Ent deckung. Läugnen war unmöglich und Eduards Lehr⸗ lingsſchaft war in dieſem Hauſe zu Ende. Nur ein Fuß⸗ fall der Mutter bewahrte damals den Jüngling vor gerichtlicher Beſtrafung.

Eduard durfte nicht wohl hoffen, ſeine Carrière als Kaufmann fortzuſetzen; ſo viel ſich auch ſein Vater Mühe gab, ihn anderwärts unterzubringen, es wollte ihm nicht gelingen, denn Niemand hatte Neigung, es mit einem jungen Manne zu verſuchen, deſſen Chrlich⸗ keit bereits Schiffbruch gelitten. Zu einem Handwerke überzugehen, behagte aber Eduard keineswegs. So blieb er denn als Müßiggänger im Hauſe ſeiner Eltern und fiel dieſen bei ihrer zunehmenden Dürftigkeit ſehr zur Laſt.

Für gand war es peinlicher ohne Geld in der Taſche für Ed uard, der während ſeiner

rzen Lehrzeit unter jungen Leuten ſeines Gelichters

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genug von den Genüſſen des Lebens gekoſtet, um ſich nach ihnen zurückzuſehnen und den Werth des Geldes ſchätzen zu lernen. Von ſeinen Eltern konnte er, wenn überhaupt, nur ein ſehr kärgliches Taſchengeld erwarten und das war regelmäßig ſchon am erſten Tage verju⸗ belt. Er mußte mehr haben, er mußte es ſeinen früheren Gefährten gleich thun können, das war für ihn der Zweck des Lebens. Eduard war indeß weit davon entfernt, ſich die Mittel zum Lebensgenuß durch Arbeit zu verſchaffen; mit den Anlagen, welche er in der letzten Zeit auszubilden Gelegenheit gehabt, grübelte er viel⸗ mehr, wie er auf Anderer Koſten, was ihm fehlte, er⸗ langen könne. Sein ſpelulativer Kopf ließ ihn darüber nicht lange im Unklaren, und die Keckheit und Umſicht, mit welcher der ſechzehnjährige, noch kaum welter⸗ fahrene Burſche bei dieſem erſten Verſuche zu Werke ging, ließ ſchon damals erkennen, bis zu welchem Grade er es dereinſt werde bringen können, wenn nicht bei Zeiten ihm ein gebieteriſches Halt zugerufen wurde. Eduard hatte als Lehrling des Bankiers häu⸗ figen Verkehr mit einem gewiſſen Behrend gehabt, der mit einem Lager von allerhand Kurzwaaren feil hielt, und der gelegentlich einmal den Wunſch ausge⸗ ſprochen hatte, eine gewiſſe Sorte von Stahlwaaren direkt von England zu beziehen. Dieſer Rede entſann ſich der junge Mann und ſein Plan war ſogleich ge⸗ faßt. Er ging wie zufällig am Laden des Krämers vor⸗ über und ließ ſich mit dieſem in eine Unterhaltung ein, in welcher er geſchickt und ſcheinbar abſichtslos anzu⸗ bringen wußte, daß er jetzt auf dem Bureau der Gas⸗ beleuchtungsgeſellſchaft angeſtellt ſei, und daß es ihm nun ein Leichtes wäre, ihm zu Stahlwaaren aus den engliſchen Fabriken zu verhelfen. Behrend griff dieſe beiläufige Bemerkung mit Eifer auf und auf weitere Fragen nannte Fritze die Firma Courthis und Hay⸗ warth in Nottingham, an die er ſchreiben und ihm zur Erſparung des Porto den Brief zur Einlage übergeben ſolle. Und ſo geſchah es. Zwiſchen Berlin und Notting⸗ ham liegt ein hübſches Stück Erde, deßhalb war auf ein raſches Reſultat auch nicht zu rechnen und Eduard war nicht die Perſon, die ſich ſo leicht die Zeit ver⸗ drießen ließ. Um Behrend nooch ſicherer zu machen, wurden erſt, ehe eine wirkliche Beſtellung erfolgte, ver⸗ ſchiedene Briefe gewechſelt, wobei Eduard die Rolle des Nottinghamer Hauſes übernahm. Um die Früchte ſeiner Täuſchung einzuernten, bedurfte es nur noch einer kurzen Zeit, und als dieſe verſtrichen war, über⸗ reichte Fritze dem harrenden Kaufmann den Avis über fünf Centner Stahlwaaren, nebſt einem Wechſel über 138 Thaler, zahlbar an die Gasgeſellſchaft zu Berlin. Behrend, der nicht den geringſten Zweifel hegte, mit der engliſchen Fabrik in direktem Verkehr zu ſtehen, löſte den von Fritze gefälſchten Wechſel nebſt der mit eingereichten Speſenrechnung ein, ehe noch die verſpro⸗ chenen Kiſten eintrafen und Fritze ließ ſich nicht

wieder ſehen.

Eduard ſah ſich jetzt im Beſitz eines Kapitales, das für ſeine Verhältniſſe ein Vermögen zu nennen war, und er begann nunmehr nicht blos das Leben, nach