Ausgabe 
4.4.1848
 
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Kirche nichts, weil sie vorher, nach angestellter Prüfung, alle die wählbar sind als tüchtig für solches Amt erklärt. Das Glück der Gemeinde muß der Kirche aber höher stehen, als das des Einzelnen. Ob der Einzelne, der zu solchem Amte vielleicht weniger Fähige, lange Zeit auf eine Pfründe warten muß, dies kann die Kirche nicht bestimmen, das Wohl der Gemeinde auch nur einen Augenblick aus dem Auge zu lassen. Ein Geistlicher kann nur dann in einer Gemeinde mit Erfolg wirken, wenn diese Zutrauen zu ihm hat. Ein schöneres Zeichen des Zutrauens für ihn gibt es aber doch wohl nicht, als das, daß ihn die Gemeinde zu ihrem Geistlichen erwählt.

Je genauer ein Geistlicher die Zustände seiner Gemeinde

kennt, je erfolgreicher wird seine Wirksamkeit sein. Dieses aber wurde bisher durch das ungleiche Einkommen allzusehr erschwert. Ein Dorf oder eine Stadt mit armer Pfarrbesoldung wird ihren Geistlichen nur auf kurze Zeit und aus der Zahl der angehenden Theologen erhalten, während umgekehrt eine sehr reiche Pfründe nach dem bis herigen System den alteren Geistlichen zugewiesen wurde. Beide Arten von Gemeinden sind in Bezug auf ihren Geist⸗ lichen unglücklich. Erstere und letztere sind einem steten Wechsel ihrer Pfarrer unterworfen; erstere erhalten uner fahrene Anfänger, letztere abgelebte Greise. Solcher Un gleichheit muß abgeholfen werden. Der jetzige Zeitpunkt ist günstig. Man lasse ihn nicht unbenützt vorübergehen. Der Staat und die Standesherrn müssen auf die Präsentationen verzichten und das Capital der von ihnen jährlich entrich teten Pfarrbesoldungen den Synoden übermachen; letzteres muß auch von den einzelnen Gemeinden und Stiftungen ge schehen. Das Pfarrvermögen des ganzen Landes muß unter die Verwaltung der Synode gestellt und die Pfarrbesoldungen in gleiches Verhältniß gebracht werden. Eine Stufenfolge nach der Dienstpragmatik bleibt hierbei nicht ausgeschlossen. Es ist dies leicht gesagt, aber schwer gethan, wird man ent gegnen. Aber man bedenke, daß was in dem gewöhnlichen Verlaufe der Zeit von böchster Schwierigkeit ist, in einer großen Zeit leichter realisirt werden kann. Eine große Zeit bedient sich großer Mittel. Opfer müssen gebracht werden, aber es sind ja nur materielle, die unberechenbares geistiges Wohl für die Zukunst zu Folgen haben können. Der Staat entäußere sich mit Freuden seines Rechts, um seine Bürger geistig zu heben und dadurch freier zu machen. Die übrigen Betheiligten werden und müssen folgen. Es würde dann in Zukunft der Wechsel der Stellen nur von der Oertlich keit oder dem Wunsche einer Gemeinde bedingt sein. Ein anderes Uebel im Gefolge der Ungleichheit der Pfründen würde hiermit aufhören, nämlich die lange Verwaltung einer Pfarrei durch Vicare. Es ist dies ein schänd⸗ liches wahrscheinlich in der Schule der Jesuiten erfun⸗ denes System, das die klingende Münze, nicht das geistige Wohl der Gemeinde zu seinem Zwecke hat. (Schluß folgt.)

Dahlmann schildert in seiner Geschichte der englischen Revolution mit wenigen, treffenden Zügen, wie vor 500600

Jahren die deutschen Handelsstädte, welche, die Cölner an der Spitze, seit 1250 ihr Comptoir in London hatten, die Engländer förmlich beherrschten. Er erzählt bei dieser Gelegenheit:damals hieß es auf dem Continent:Wir kaufen von dem Engländer den Fuchsbalg für einen Groschen und verkaufen ihm den Fuchsschwanz wieder für einen Gulden. Denn die rohe Wolle ward von dem fremden Kaufmann wohlfeil ausgeführt, die verarbeitete führte man wieder ein und setzte sie theuer ab. England ertrug, was nicht zu ändern war: es besaß weder Schisse, noch Fabri⸗ kate, um mit der Hansa zu wetteifern. So weit Dahl⸗ mann. Warun ist nun alles dies jetzt geradezu umgekehrt? Und müssen auch wir das als etwas Unabänderliches ruhig ertragen? Eine Beantwortung dieser Fragen von einem Manne, dem das Wohl unsers Volkes am Herzen liegt und der des Handels und der Gewerbe kundig ist, waͤre im allgemeinen Interesse gewiß sehr erwünscht und der Redac tion dieses Blattes höchst willkommen.

Politische Rundschau.

Es war ein erhebender Augenblick, als am 31. die in Frankfurt zusammenberufenen Deputirten unter Kanonen donner und Musik, unter dem Wehen der Tücher aus den Fenstern der benachbarten Häuser, aus dem alten Römer sich in die Paulskirche begaben. Und nun nach dreitägiger Berathung bebt sich die Brust noch stolzer, wenn man die in der kurzen Zeit gefaßten Beschlüsse ansieht, wenn man bedenkt, wie sich hier im Ganzen eine politische Mündigkeit Kund gegeben hat, die sich selbst die kühnste Erwartung nicht hätte träumen lassen. Redner haben gesprochen, die sich den ersten von Frankreich und England an die Seite stellen dürfen, es sind Beschlüsse gefaßt worden, die ihren Widerklang in allen deutschen Herzen, in den fernsten Gren zen unseres Vaterlandes finden werden, die selbst in frem den Völkern das Vertrauen zu der Gerechtigkeitsliebe des deutschen Volkes heben werden; eine Energie, Zuversicht und Einheit ist über die Hauptfragen entwickelt worden, im Angesicht deren keine Reaction, kein auf Uneinigkeit und Zwiespalt lauernder Feind es wagen wird, die große That sache eines einigen freien Deutschlands in Frage zu stellen. Ich kann beute im Drange der Zeit nur kurz den Gang der Verhandlungen unter dem Präsidenten Mittermaier, den Vicepräsidenten Dahlmann, v. Itzstein, Robert Blum und Sylvester Jordan mittheilen. In der ersten Sitzung be schäftigte man sich besonders mit der Frage, welche deutsche Länder in die neue Verfassung Deutschlands aufzunehmen seien, und mit Stimmeneinhelligkeit wurde erklärt, daß Schleswig-Holstein auf immer dazu gehören müßte. Die selbe Frage wurde in Bezug auf Ost⸗ und Westpreußen einstimmig bejaht, in Bezug auf Posen indessen offen ge halten und späterer competenter Entscheidung anheimgegeben, wobei jedoch die lebhaftesten Sympathieen sowohl für die dort lebenden Deutschen, wie für die Polen selbst geäußert wurden. Die nächste auf der Tagesordnung stehende Frage war, auf wie viel Einwohner ein Deputirter zu der consti⸗