Freie Hessische Zeitung.
Alles durch das Volk.
Jeder Arbeit ihr Lohn.
Nr. 3.
Gießen, Donnerstag den 23. März
18.8.
Heinrich Gagern.
Mit so freiem, kühnem, offnem Wort hat noch kein deutscher Minister sein Amt angetreten als der unsrige; Hessen, das seither in der politischen Entwicklung zurückstand, wird um seinetwillen schon von Baden beneidet, wo man der Regierung seinen Geist und seine Entschiedenheit als Muster aufstellt. Wie unter dem Druck der Herrschaft Napoleons Friedrich Wilhelm III. einen Stein, Hardenberg, Scharnhorst berief um eine Wiedergeburt des Vaterlandes dadurch einzuleiten daß dem Volk die Rechte und Freiheiten gewährt würden für welche es sich lohnte in Kampf und Tod zu gehn, so hat jetzt unser Erbgroßherzog in Ueberein⸗ stimmung mit dem Willen der Bürger einen Deputirten berufen um die Maßregeln zu vollstrecken, die derselbe seit— her als Redner der Opposition so dringend und laut als Foderungen der Vernunft, als Bedingungen des Gemein⸗ wohls gefodert hatte. Es ist nicht gewartet worden bis die Noth der Knechtschaft beten gelehrt, sondern um sie zu verhüten hat man die geeignetsten Mittel ergriffen, und der Sturm aus Westen, vor dem das alte, längst von der öf— fentlichen Meinung verlassene System wie Spreu zerstiebte, hat den rechten Mann an den rechten Platz gestellt.
Heinrich Wilhelm August Freiherr von Gagern ward den 20. August 1799 als Sohn eines Hachenburger Regierungspräsidenten geboren. Der Vater wirkte hierauf als Nassauischer Minister und Gesandter in Paris, war als Privatmann in Verbindung mit Hormayr für den Tyroler Aufstand thätig, unterzeichnete als Niederländischer Geschäfts— träger die Bundesacte, war einige Jahre Mitglied des Bundestags, dann der zweiten und ersten hessischen Kammer. Mancherlei aristokratisch mittelalterliche Erinnrungen ver— mögen nur flüchtig den Eindruck zu trüben, welchen Gagern der Vater als Menschenfreund und Patriot macht, wenn er zur Nationalität die rechte Würdigung von Ehre, Wahrheit, Wort und Freiheit verlangt, und eine wohlverstandne Va⸗ terlandsliebe, das Bewußtsein einer großen, gesegneten, in sich verbundnen Nation anzugehören, nächst den religiösen Ideen das höchste, das wärmste, das seligste Gefühl auf der Erde nennt, und den beklagt welcher dessen entbehre. Sein Sohn ward in kriegerischer Zeit für den Kriegsdienst be— stimmt und 1812—1814 in München vorgebildet; zwar zog derselbe bald einen bürgerlichen Berufskreis vor, trat aber 1815 bei der Wiederkehr Napoleons als junger Freiwilliger unter die Waffen, ward Officier, und focht bei Waterloo, eine Wunde von dort als ehrendes Erinnrungszeichen nach—
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haus tragend. Von 1816 an widmete er sich in Heidelberg, Jena, Göttingen dem Studium der Rechts- und Staats⸗ wissenschaft. Er gehörte zu den Stiftern der Burschenschaft. Er bekannte sich dazu in einer Rede, die er den 24. Juni 1833 in der Kammer hielt, wo er unter Anderm sagte: „Die Grundidee dieser Verbindungen bestand darin daß auf den großen deutschen Bildungsanstalten welche wir Univer⸗ sitäten nennen, und welche niemals das Gepräge des Par⸗ ticularismus, unter welchem Deutschland so sehr leidet, angenommen haben, noch annehmen sollen, daß man unter den diese Bildungsanstalten Besuchenden das Gepräge des Particularismus entfernt halte und auf diesen großen Na— tionalanstalten sich zunächst als Deutscher betrachten lernen solle. Vor dem Jahr 1819 herrschte in Deutschland Auf— regung weil nichts von allen Verheißungen in Erfüllung gegangen war, welche in den Jahren 1813 und 1815 von den Fürsten ausgegangen, weil nichts für die Verwirklichung der Idee der Einheit Deutschlands, nichts zur Realisirung der versprochnen Freiheit geschehen war. Die Aufregung im Jahre 1830 hat einen ähnlichen Grund. Es ist eine wahre Entweihung, eine Verläumdung des Geistes deutscher Nation, wenn man sagt es sei bloße Nachahmung dessen was in Frankreich vorgegangen ist. Die Aufregung welche der Julirevolution folgte, ist zunächst hervorgerufen worden durch das schmerzliche Gefühl das jede deutsche Brust be⸗ klemmte über die Geringschätzung welche unsre Nationalität von fremden Nationen ertragen mußte; dies Gefühl ist es welches das deutsche Volk empört hat, welches das Bestreben erzeugte die Einheit wieder zu erlangen und den lebendigen Wunsch hervorrief daß der Bund deutscher Nation sich so gestalten möge, damit der Deutsche mit Stolz jedem ent— gegentreten und sagen könne: wir sind eine Nation und werden diese Nationalität bewahren und vertheidigen! Die Burschenschaften, welche ganz geeignet waren diese Nationali⸗ tät verwirklichen zu helfen, weil sie in den jugendlichen Gemüthern die Idee und das Bewußtsein ausbildeten einem großen Volk anzugehören, diese Grundidee derselben hat man unterdrückt, man hat sie unterdrückt, weil man diese Einheitsidee nicht genährt haben wollte.“— Wir finden in dieser Erinnrung an das Studentenleben einen der ritter⸗ lichen Züge Gagerns, und knüpfen daran die Hoffnung daß eine nothwendige gründliche Reform unsers Universitätswe⸗ sens in ihm einen Förderer finden wird. 5 Gagern trat 1821 als Landgerichtsassessor in hes⸗ sischen Staatsdienst; 1823 berief ihn Grolman in das Geheime Staatssekretariat des Ministeriums des Innern


