Ausgabe 
6.4.1848
 
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Ist das vielleicht der ominöse Herr Knuth von den Ufern der Newa?

Das österreichische Kaiserreich scheint mehr und mehr seiner Auflösung entgegen zu gehen und in seine Bestand theile zerfallen zu wollen. Wird nicht unbedingt und ohne diplomatische Winkelzüge den Volkswünschen nachgegeben, so werden dem Hause Habsburg bald nur seine Erbländer bleiben. In Wien sitzen immer noch die alten Zöpfe hinter den grünen Tischen und begreifen ibre Zeit nicht. So haben sie den Ungarn die verlangte unabhängige verantwortliche Regierung nicht bewilligt. Als der Erzherzog Stephan diese Nachricht aus Wien nach Presburg brachte, bemäch tigte sich die düsterste Stimmung der ganzen Stadt. Nach der Vorlesung des Reseriptes vor den beiden Ständekammern erklärte der Ministerpräsident, daß die Nation mit diesem Reseript nicht zufrieden sein könnte und er und seine Col⸗ legen ihre Stellen niederlegen müßten. Der Erzherzog ist abermals nach Wien gereist, und will ebenfalls abdanken, wenn er in Wien keinen besseren Bescheid erhält. Auf dem flachen Lande herrscht große Unzufriedenheit unter den Adlichen über die Aufhebung des Robots und der Zehnten, und es ist leicht möglich daß es zwischen ihnen und den Bauern zum blutigen Kampfe kommt.

Der Palatin von Ungarn ist nach Preßburg zurückge⸗ kommen. Der Kaiser hat die Resolution zurückgenommen.

Wie vollständig ist die Niederlage des infamen Metter nich'schen Regierungssystems! Die Böhmen haben provi⸗ sorische Bewilligung aller ihrer Forderungen erhalten, und daß sie dieselbe auch definitiv erhalten und sich ihre Frei⸗ heiten bewahren werden, dafür bürgt uns der tiefe ernste Sinn des Volkes. Alle Schranken des Verkehrs, alle Censur, alle Jesuiten mit dem Gifte ihrer Volkserziehung haben nicht vermocht, den Geist des neunzehnten Jahrhunderts von dem Eintritt in die östreichischen Staaten abzuhalten, und wie krüppelhaft erscheint uns nun die Politik jenes Staats mannes, auf dessen Grab man einst die Worte wird schreiben können:er war die Ursache des Verfalls des einst mäch tigen Oestreich.

g Auch das alte conservative England scheint großen Ver änderungen in seinem Innern entgegen zu gehen. Dort ist auch wahrlich viel alter Plunder in Kirche und Staat, na mentlich in der erstern; Irland nimmt täglich eine drohendere

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Stellung an, und man sieht wahrlich nicht ab, wie Reformen die Gährung noch dämpfen können. Denn in Irland hat die Krankheit der Gesellschaft gar verschiedene Ursachen: ein Adel als alleiniger Landbesitzer, eine Kirche mit großen Ein künften, die protestantisch ist, während doch die Masse des Volkes sich zum katholischen Glauben bekennt, eine bettelhafte, hungernde Bevölkerung, die den eingedrungenen Fremdling aus tiefster Seele haßt, der kein Hoffnungsstrahl einer Ver⸗ besserung ihrer Lage winkt wo ist hier ein Heilmittel ausser einer vollkommnen neuen Vertheilung des Grundeigen thums, oder ausser Agrargesetzen, die dieser in ihrer Wirkung ganz gleich kommen? Es wäre ein großes Beispiel der Geschichte, wenn diese schreienden Mißbräuche auf dem Wege friedlicher Reform abgeschafft werden könnten, es wäre der größte Triumph, den die englische Verfassung feiern könnte, das glänzendste Zeugniß für den Vorzug volksthüm licher Institutionen über den absoluten Polizeistagt, der die Hülle nur unter gewaltigen Zuckungen und Krämpfen durch bricht, und seine Reformen nur auf dem Wege der Revo⸗ lutionen vollbringt; aber offen gestanden, wenn wir auch glauben, daß England auf dem Wege der Reform sich von den überwuchernden Auswüchsen seines Staates und seiner Kirche befreien wird, namentlich durch die moralische und friedliche Emancipation des Arbeiterstands vermittelst der Association, durch Geltendmachung der Arbeit gegen das Capital so zweiflen wir fast und wir sprechen aus eigener Anschauung daß auf gleichem friedlichen Wege das irische Volk sich von seinen langjährigen Unterdrückern befreien wird.

Die Polen in Posen sind wirklich übel daran, die Deutschen aber noch mehr, denn die ersten wollen nicht deutsch, die letzten nicht polnisch werden. Auf der Versamm⸗ lung in Frankfurt waren aus demselben Bezirk Deputirte beider Nationalitäten zugegen. Die Deutschen sind in der Minorität, doch nur an Zahl, die sie durch Reichthum und Bildung ersetzen. Eine Abtrennung der deutschen Bezirke, und Aufnahme derselben in den deutschen Bund wird wohl das einzige Auskunftsmittel sein, denn wir Alle wünschen daß Polen innerhalb seiner natürlichen Grenzen frei und mächtig werden möge.

Verantwortlicher Redacteur: E. Dieffenbach, unter Mitwirk. von M. Carriere u. C. Vogt.

Aufforderung an die Männer und Frauen von . Gießen.

Schleswig-Holstein, das alte deutsche Land, hat sich von Dänemark losgerissen und ist von nun an auf ewig mit Deutschland verbunden. Seine Geschicke werden die uns rigen sein, jede Gefahr die ihm von Aussen droht, droht auch uns, greift unsere nationale Selbstständigkeit und Ein heit an. Deutsche Männer und Frauen! schon hat der Däne die Grenze Holsteins überschritten, aber nur mit schwacher Macht, denn Dänemark ohne die deutschen Pro vinzen ist kein starkes Land. So lange der russische Czar nicht zu Hülfe kommt, ist Schleswig-Holstein stark genug,

Waffen und an Geld.

sein Unterdrücker zurückzuweisen; nicht an Männern, die die Waffen führen, fehlt es dem Volke, wohl aber an Darum haben die Vertreter Schles ei der Versammlung deutscher Vaterlands

wig-Holsteins b nicht das Bedürfniß

freunde in Frankfurt dieses Bedürfuiß,

von Freischaaren, mitgetheilt, es hat sich dort ein Comité

ebildet, und in einer am Montag im Wolfseck abgehaltenen Versammlung flossen zahlreiche Beiträge ein.

Wir sind bereit, auch in Gießen Beiträge anzunehmen, uns mit dem Frankfurter Comité in Verbindung zu setzen, und demnächst uͤber die Verwendung der Gelder zu berichten.

Die Redaction der freien hessischen Zeitung.

Verlag der J. Ricker' schen Buchhandlung. Druck von W. Keller. 7 7

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