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am Sonntag der Präsident Mittermaier der Versammlung die Mittheilung gemacht, daß er gestern Abend noch den Bun— despräsidialgesandten, Grafen Colloredo-Waldsee, mit den letzten Beschlüssen der vorberathenden Versammlung bekannt gemacht und von diesem die Versicherung erhalten habe, daß der Bundestag den Wünschen und Beschlüssen der vorbera— thenden Versammlung bereitwilligst entgegenkomme, daß alle von dem Bundestag erlassenen Ausnahmsgesetze und Beschlüsse als aufgehoben und beseitigt zu betrachten seien und daß dies überall kundgegeben werden solle; dem Präsidenten sei ferner persönlich von dem Grafen Colloredo-Waldsee mitgetheilt worden, daß alle jene Bundestagsgesandten, denen ihr Gefühl sage, daß ihre Wirksamkeit von der Billigung und dem Ver— trauen der Nation nicht getragen sei, ihre Entlassung bereits gegeben hätten oder unverzüglich geben würden. Auf diese Mittheilung erbot sich Itzstein, die Ausgetretenen zum Zurück— kommen zu bewegen; er schlage aber vor, die Wahlen für den Ausschuß der Fünfzig bis zum Nachmittag auszusetzen, damit die Ausgetretenen an den Wahlen theilnehmen könnten. Da indessen die Stimmzettel bereits am Morgen geschrieben und abgegeben waren, so wurde nur beliebt, daß es einem Jeden freistehen solle, den seinigen zurückzunehmen und einen andern zu verfassen, und daß ferner mit dem Scrutinium gewartet werden solle, bis auch die Stimmzettel der Minorität abgegeben seien. Bis 1 Uhr solle das Wahlgeschäft geschlossen sein.— Eine längere Discussion fand am Montag über die Frage statt, was der Ausschuß der 50 zu thun habe und ob ihm nicht eine magna charta aller der Volksrechte vorzulegen sei, die jeder Deutsche beanspruchen könne und müsse. Es waren mehrere dahin lautende Anträge vorgelegt worden, namentlich von Jaup und Venedey, die indessen ihre Erledi— gung durch den bereits oben erwähnten Antrag von Soiron fanden, so daß sich also einzig und allein die constituirende Versammlung mit allen diesen Fragen zu beschäftigen hat, namentlich auch mit der wichtigen socialen Frage— den Zu— stand der arbeitenden Classe betreffend, die, von mehreren Rednern angeregt wurde. 5
Namen der in den permanenten Ausschuß zur Vorberei— tung der Einberufung des deutschen Parlaments gewählten 50 Mitglieder und ihrer Ersatzmänner:
Mitglieder: Wiesner(Oesterreich); Itzstein(Baden); R. Blum(Sachsen); Jacobi(Königsberg); Kolb(Rhein— bayern); Abegg(Breslau); Soiron(Baden); Simon(Bres— lau); Schott(Würtemberg); Murschel(Würtemberg); Ra— veaur(Rheinpreußen); Spatz(Rheinbayern); Eisenmann (Bayern); Schleiden(Schleswig); Matthy(Baden); Gülich (Schleswig⸗Holst.); Freudentbeil(Hannover); Gr. Bissingen (Oesterr.); Stedmann(Rheinpr.); Venedey(Rheinpr.); Schnelle(Mecklenburg); Siemens(Hannover); Jürgens (Braunschweig); Zacharia(Hannover); Wippermann Kassel); Lehne(Rheinhessen); Biedermann(Nassau); Rüder(Olden— burg); Hergenhahn(Nassau); Buhl(Baden); Nonne(Hild— burghausen); Kierulf(Mecklenburg); Heckscher(Hamburg); Cetto(Rheinpreußen); Duckwitz(Bremen); Behn(Lübeck); Schwarzenberg(Kassel); Brunck(Rheinhessen); Mappes (Frankfurt); Pagenstecher(Preußen); Wilhelmi(Preußen);
Briegleb(Coburg); Blachiére(Kurhessen); v. Closen(Bayern); Paur(Bayern); Reh(Darmstadt); Mack(Würtemberg); Meyer(Preußen); Wedemeyer(Preußen); Kanzler Wächter (Würtemberg). 5
Ersatzmänner: Hecker(Baden); Leue(Rheinpreußen); Schaffrath(Sachsen); Vogt(Gießen); Joseph(Sachsen); Jucho(Frankfurt); Tafel(Würtemberg); Ernst Leisler (Nassau); Schweikart(Würtemberg); Zitz(Rheinhessen); Runge(Mecklenburg); Struve(Baden); Aßmann(Braun— schweig); Graf Reichenberg(Schlesien); v. Sybel(Marburg); Wesendonk(Rheinpreußen); Rödinger(Würtemberg); Jul. Meyer(Osnabrück); Hoff(Mannheim); Brentano(Baden); Strecker(Mainz); Rießer(Hamburg); Eisenstuck(Sachsen); d'Ester(Cöln); Wurm(Hamburg); Hepp(Rheinpreußen); Riedl(Baiern); Wigard(Dresden); Detering(Hannover); Plange(Preußen); Ronge(Preußen); v. Diemar(Würtem— berg); Hildebrand(Marburg); Peter(Baden); Bürgers Cöln); Schlöffel(Breslau); Pelz(Rheinpreußen); Jung— hanns II.(Baden); Titus(Baiern); Fürst(Posen); Wuttke (Leipzig); Depener(Dessau); Nohl(Preußen); Pelz(Preu— ßen); Haustein(Sachsen); Wiedemann(Baiern); Schmitz (Preußen); Prell(Baiern); Christmann(Rheinbaiern); Mohr(Rheinhessen). N
Der Ausschuß nahm nachher in einer Versammlung im Kaisersaal die Wahl ihres Präsidenten, Vicepräsidenten und der Secretäre vor. v. Soiron wurde Präsident, Blum und Abegg Vicepräsidenten, Briegleb, Venedey und noch ein Dritter wurden Secretäre.
Die Angelegenheiten von Schleswig-Holstein gestalten sich immer ernster. Dänemark ist nicht Willens seine An— sprüche aufzugeben, und rechnet auf die Hülfe Rußlands. Dieses wird sich aber wohl hüten, in diesem Augenblicke die Fackel des Krieges nach Deutschland zu schleudern, nach Deutschland, dessen neuer zum Riesenhaften erwachter Volks— geist diese asiatische Macht in ihre natürlichen Grenzen zurückdrängen und sie bis ins Tiefste erschüttern würde. Für sich allein scheint es Schleswig-Holstein mit Dänemark aufnehmen zu können, aber bereits sind auch Zuzüge von Freischaaren aus dem Süden Deutschlands unterwegs; so unter Andern viele Heidelberger Studenten. Auch Englands Flotte droht, und wenn sich Rußland einmischte, würde Albion nicht zögern, diesen seinen ärgsten und gefährlichsten Feind anzugreifen, und Deutschlands Bundesgenosse zu wer— den. England täuscht sich nicht über die seitherige russische Freundschaft; es weiß sehr wohl, wie ihm diese ehrgeizige Macht in allen seinen indischen Grenzländern auf die schlauste und gefährlichste Weise entgegenstand, und erwartet mit Begierde eine Ursache zum Angriff.
Auch Preußen hat Truppen an der holsteinischen Grenze zusammengezogen. Eine größere Anzahl richtet sich nach Posen, denn nach den gegenwärtigen Conjecturen kann in beiden Ländern der erste Zusammenstoß mit Rußland Statt finden. d
Der König von Dänemark hat einen Aufruf an seine holsteinischen Unterthanen erlassen, gute Kinder zu sein und zu ihm zurückzukehren. Der Mitunterzeichner heißt Knuth.


