Ausgabe 
6.4.1848
 
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aber auch gesteigert. Auf das Erziehungsinstitut der Lehrer muß der Staat eine besondere Sorgfalt verwenden, weil er diesen das höchste Gut des Staates, seine Bürger zur Erziehung anvertraut.

Durch diese Reorganisation der Kirche und Schule, verbunden mit der Emancipation aller Religionen und Confessionen, wird zwar die Idee des ausschließlich christlichen Staates schwinden, aber die Idee der Humani tät in ein neues Stadium ihrer Entwicklung eintreten. Die Toleranz ohne Indifferentismus zu sein wird die bisber schroffen Gegensatze verwischen und in der Man nigfaltigkeit eine höhere Einheit erstrebt werden. Der Mensch wird als Mensch die Bühne der Geschichte betreten, das Reinmenschliche das bewegende Prinzip der Neu⸗ zeit werden, und alles Andere sich als dienendes Glied zur Realisirung seiner Bestimmung ihm unterordnen.

Mögen aus der Zahl der Geistlichen die Reformatoren der Kirchenverfassung erstehen, mögen sie die Aufgabe un serer Zeit begreifen und nicht etwa auf halbem Wege steben bleiben, sondern muthig und ernst den großen Dom der Freiheit der Freiheit auf allen Gebieten, also auch auf dem der Religion erbauen helfen. Unsere jetzige Regierung wird mit Freuden zu diesem Werke die Hand reichen, andere Regierungen werden folgen und das deutsche Volk wird bei solcher Neugestaltung der Kirche und Schule seine Geist lichen und Lehrer achten und lieben lernen.

Gießen am 21. März 1848. Schaub.

Demokratie. Republik. Constitution.

Die gewaltige Zeit eilt jetzt so rasch und ihr sausendes Rad wirft uns immer neue Ereignisse mit solcher Blitzes schnelle entgegen, daß die Meisten, in altgewohnte Verhält nisse eingelebt und an einen so schnellen Fortschritt der Dinge nicht gewöhnt, kaum zu folgen und in die neue Welt sich zu finden wissen. Die Sonne des neuen Tages hat uns wie im Schlafe überrascht. Mancher zwar ist rasch aufgesprungen, hat das festliche Kleid angezogen, oder das Werk, das der Tag ihm gebot, frisch begonnen; viele aber sitzen noch da, reiben sich die Augen, wollen den eignen Augen nicht trauen, und wissen nicht, von alten Träumen noch umnebelt und von der Wirklichkeit wie von neuen Träumen verwirrt, was sie aus alle dem machen sollen. Neue Sachen bringen neue Worte mit sich, und auch in diese neuen Worte der neuen Zeit weiß man sich nicht zu finden. Davon hatten wir vor 8 Tagen hier ein Beispiel, wo so viele an das Wort demokratisch, als ob es wunder was für Fährlichkeiten in seinem Schooße berge, durchaus nicht anbeißen wollten. Und wie ist auch hier die rasch fortschreitende Zeit so bald die Lehrerin geworden!

Die demokratisch-constitutionelle Monarchie, auf welche in einer Adresse an ihren freisinnigen Deputirten zu dringen manche Gießer Bürger damals kaum sich ent schließen konnten, sie ist seitdem in Frankfurt überall offen

verkündet und vertheidigt worden, sie ist dort das Stichwort gewesen der conservativen Partei. Und was will man sich gegen das Wort sträuben, da wir der Sache nach die Demokratie oder Volksherrschaft haben? Denn das ist doch das allen politischen Bewegungen der Gegenwart Gemeinsame: Eine energische Erhebung der Ge sammtheit des Volkes gegen die Willkür eines Einzelnen, oder Einzelner, verbunden mit dem entschiedenen Willen, Vorsorge zu treffen, daß eine solche Willkür nie wieder die Herrschaft an sich reißen könne. Freilich verbindet Mancher mit dem Worte Volk abentheuerliche Vorstellungen. Man hat sich gewöhnt, bei dem bisherigen starren Gegeusatze von Regie renden und Regierten nur die letzteren als Volk zu be zeichnen. Das genze die Regierung unterstützende stehende Heer von Soldaten und von Beamten des Staates und der Kirche zählte nicht als Volk mit; auch alle die, deren Existenz vorzugsweise an die Regierung und ihre Helfer geknüpft ist, Gelehrte, Künstler, Kaufleute, sowie diejenigen Gewerbtreibenden, welche dem Luxus, der Kunst oder Wis⸗ senschaft dienen, wollten zum Volke nicht mehr gezählt sein. Als solches blieben nur noch die übrigen Gewerbtreibenden, die Bauern und Arbeiter übrig, wohl auch von den Andern als dasgemeine Volk bezeichnet. (Schluß folgt.)

Politische Rundschau.

Am Montag wurde die berathende Versammlung deut scher Männer zu einem Ziele gebracht und als das wichtigste Resultat erscheint die Abstimmung über einen Antrag von Soiron, der dahin lautete:die Versammlung wolle von dem Programm der Siebener-Commission Umgang nehmen und beschließen, daß die Beschlußfassung über die zukünftige Verfassung Deutschlands einzig und allein der National- versammlung überlassen bleibe. Bei der ersten Abstimmung vertheilten sich die Stimmen für und wider den Antrag in der Weise, daß die Secretaire nicht sagen konnten auf wel⸗ cher Seite die Majorität sei: die Linke verlangte nun Ab stimmung durch Namennennung; es wurde indessen, nachdem Soiron einige Erläuterungen gegeben hatte, daß nämlich die constituirende Versammlung mit den Fürsten Verträge machen könne oder nicht, noch einmal durch Aufstehen votirt und hier ergab sich fast Einstimmigkeit. Hiermit hat also die consti⸗ tuirende Versammlung, welche in vier Wochen zusammen⸗ kommen muß, die Haupteigenschaft einer solchen erlangt, nemlich die, über die zukünftigen Geschicke des Vaterlandes unbedingt und allein zu entscheiden, und zwar hat sie dieselbe erlangt durch Einstimmigkeit der Anwesenden. Alles andere trüt gegen diesen wichtigen Beschluß in den Hintergrund, denn weder war die Versammlung competent, über die Grund lagen der Verfassung des deutschen Volkes irgend etwas zu beschließen, noch sonst dem Ausschuß Vollmachten zu ertheilen. Die ausgetretene Minorität stimmte bei diesem Beschlusse nicht mit, denn sie trat erst nach der Abstimmung wieder in den Saal ein, in welchem sie mit lebhaftein Applaus empfangen wurde. Es hatte nämlich kurz nach Eröffnung der Sitzung