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Weiter ist euch zugesagt: den Ständen soll eine allgemeine Volksbewaffnung in Vorschlag ge— bracht werden. Durch vollstaͤndige Ausführung dieses Ver⸗ sprechens wird ein großer Riß in den seitherigen Verhält⸗ nissen geheilt, ein großer Mißstand, der in dem Staate bestehende Militärstaat abgeschafft werden. In den meisten deutschen Staaten werden dem Volke seine Söhne entzogen, um einen abgeschlossenen, dem Bürger vielfach schroff gegen— überstehenden Stand zu bilden. Wozu hat das Militär in dem langen dreißigjährigen Frieden gedient, als um den Glanz und die Macht der Regierenden zu erhöhen, als um das Streben seiner Brüder nach freier Entwicklung gewalt⸗ sam niederzuhalten. Dieses Uebel wird aufhören: jeder waffenfähige Bürger wird die Waffen tragen, um für seine Rechte und das Vaterland selbst einzustehen. Wir werden ein größeres, weniger kostspieliges und tapfereres Heer haben, tapferer darum, weil es nur dann kämpfen wird, wenn es gilt, das Theuerste zu vertheidigen. Die aus Launen der Fürsten hervorgegangenen Kriege, die Cabinetskriege, das zwecklose Hinmetzeln von Tausenden werden nie wiederkehren. Der deutsche Bürger wird zu keinem Kampfe seine Hand erheben, der nicht ein Kampf des Volkes wäre, und wir werden es nicht mehr erleben, daß der deutsche Krieger El— tern und Brüdern feindlich gegenübertritt. In allen großen Kämpfen, wo es sich um die Existenz der Völker handelte, haben diese mit ihrer ganzen Masse gestritten. Bei der Ab⸗ schüttelung der französischen Herrschaft haben die Freiwilligen sowie die Landwehr ihre zahlreichen Schaaren gestellt und den Sieg erringen helfen. Dieses erkennend habt ihr euch bereits an vielen Orten als Volksgarden organisirt und sehet ungeduldig dem Gesetze entgegen, welches euch die Waffen in die Hand geben wird, zu deren Dienst ihr euch schon vorbereitet. Vor Allem aber müßt ihr durch vaterländische Gesinnung eures neuen Berufes euch würdig zeigen, müßt durch eure Liebe zur Ordnung beweisen, daß man das Wohl des Staates euch anvertrauen kann.
Die dritte bereits in Erfüllung gegangene Zusage: das Militär wird auf die Verfassung sofort beeidigt werden, geht mit der vorigen Hand in Hand. Sie macht den Mangel der vollständig organisirten Volks⸗ bewaffnung in dieser bewegten Zeit weniger fühlbar, indem der Soldat angewiesen ist, sich vor allen Dingen als Bürger zu fühlen, und die Erfüllung seiner militärischen Pflichten nur insoweit von ihm begehrt werden kann, als sie mit seinen Bürgerpflichten in Einklang stehen. Daß unser Fürst schon jetzt seine Truppen entlasse, ist bei der gegenwärtigen politischen Lage Deutschlands nach Innen und Außen rein unmöglich; denn das Volk ist in den Waffen noch nicht geübt und bis jetzt noch unbewaffnet. An mehren Orten unseres Landes sind Unruhen und Gesetzwidrigkeiten vorge⸗ kommen, die, wenn es nicht anders geht, mit Gewalt der Waffen unterdrückt werden müssen. Die provisorische Re⸗ gierung Frankreichs hat zwar ihre friedlichen Absichten ver— kündet; wer weiß aber, ob nicht die sociale Bewegung in jenem Lande zu Verwicklungen führen wird, welche einen Krieg nach Außen nothwendig machen? Für solche Fälle
müssen wir jeden Augenblick gerüstet sein. Im Uebrigen hat ja unser Regent bereits die Absicht ausgesprochen, nach dauernd befestigter Ruhe den Bestand der Truppen zu ver⸗ mindern.
Die weitere Concession, daß den Ständen unver— züglich ein Gesetzentwurf auf Aufhebung des Art. 81 der Verfassungsurkunde vorgelegt wer— den solle, damit das Petitionsrecht und das Recht der Volksversammlungen frei ausgeübt werden könne, ist ebenfalls schon erfüllt, und das betref⸗ fende Gesetz von den Ständen angenommen. Der euch so lange gesperrte Weg zu dem Ohr eures Fürsten und eurer gesetzlichen Vertreter ist euch wieder eröffnet. Ihr habt das Recht, euch öffentlich zu versammeln, eure Angelegenheiten zu berathen und Beschwerden und Wünsche sowohl privater als auch politischer Natur durch Petitionen an den Thron wie an die Stände gelangen zu lassen.
(Fortsetzung folgt.)
Politische Rundschau.
Endlich hat auch Preußen sich dem von seinen Fesseln befreiten übrigen Deutschland angeschlossen, es ist in die Reihe der constitutionellen Staaten eingetreten, nachdem erst der gewaltige Sieg in Oestreich den Eigensinn des Königs und seine unvolksthümlichen Minister gebeugt hat. Es ist aus den Nachrichten nicht bestimmt zu erkennen, ob sie nicht das Aeußerste versucht haben und erst durch die Tapferkeit und die Aufopferung des Volkes zur Nachgiebigkeit ge⸗ zwungen wurden. Denn ein fürchterliches Blutbad hat in den Straßen von Berlin vom 18. auf den 19. März Statt gefunden, dem Volke ist eine Schlacht geliefert worden, in der es viele Hunderte von Todten und Verwundeten ge⸗ geben hat, in der mit Kartätschen geschossen und Barricaden errichtet und genommen wurden. Die Ursache dieses Kampfes scheint ein Mißverständniß oder ein unglücklicher Zufall ge⸗ wesen zu sein, indem, während die Proclamation geschah, ein Schuß fiel und das Volk sich verrathen glaubte. Soviel ist gewiß, die Wünsche des Volkes sind erfüllt; der König hatte schon am Mittag des 18. der Cöllner Deputation un⸗ bedingte Preßfreiheit und Berufung des Landtags auf den zweiten April zugesagt: die Patente sollen schon in der Staatszeitung verkündet gewesen sein, ehe der Kampf los- brach, in dem der General von Möllendorf von den Stu— denten gefangen wurde, und die Neufchateller Jäger zum Volk übergingen. Die Minister Thile, Eichhorn, Savigny sind entfernt, dagegen sind Vinke, Graf Schwerin, Camp⸗ hausen und Auerswald nach Berlin berufen, um die Ruder des Staates zu übernehmen. Doch ist dieses letztere nur ein Gerücht. Am 19. verließ das Militär die Stadt, die Landwehr wurde einberufen, um den Sicherheitsdienst zu versehen. Zu den Schrecken des Straßenkampfes am 18. kam noch, daß in der Nähe der Charite ein fürchterlicher Brand ausbrach, der in der Nacht fortwüthete.
Die Wiener erfreuen sich der so schön errungenen neuen Freiheit. Die Ruhe ist wieder hergestellt, die Staats⸗


