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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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jene frühere, noch vor fünfzehn Jahren bemerkbare Schwäche, alles Heil von außen zu erwarten, ſtatt auf die eigene Kraft und Arbeit zu vertrauen, auf eine Nachwirkung jener Einflüſſe zurückführt. Daß ſie jetzt geſchwunden, iſt wohl eine der ſchönſten Ergebniſſe unſerer nationalen Erhebung, die auch das deutſche Bürgertum in ſtrenge Zucht genommen hat und von jedem einzelnen Gliede ein ſtarkes Streben zum Ganzen verlangt und fördert.

Wie ein die trübe Dämmerung durchleuchtender Sonnenſtrahl fällt in jene Epoche die Anweſenheit des jungen Göthe, der nach Beendigung ſeiner Straßburger Studien Wetzlar aufſuchte, um hier einen praktiſchen Kurſus am Reichskammergericht durchzumachen. Auch verwandtſchaftliche Bande knüpften ihn an dieſe Stadt:; denn ſeine Großmutter mütterlicherſeits, eine geborene Lindheimer, ſtammte von dort. Seine Eintragung in das Matrikelbuch, die wortgetreu lautet:Johann Wolfg. Goethe von Frfurt am Mayn d. 25. May 1772, und die er zugleich mit vier andern Süddeutſchen vornahm, iſt jedoch die einzige Spur ſeiner juriſtiſchen Thätigkeit an dieſem Platze. Deſto erkennbarer ſind die Spuren ſeines Privatlebens während ſeines ſaſt viermonatlichen Aufenthalts geblieben; denn hier durchlebte er ſeine eigentliche Sturm- und Drangzeit. Das Ferment, welches durch Herders Einwirkung in ihn hineinge worfen und welches in Straßburg in ſeinem Verhältnis zu Friderike mehr nach der äſthetiſchen Seite von ihm empfunden worden war, kam in Wetzlar in leidenſchaft licher Weiſe zum Durchbruch. Das Unhaltbare und Gefährliche in der Neigung zur Braut ſeines Freundes, die ihrerſeits das Verhältnis, wenn auch mit der zeit⸗ üblichen Sentimentalität, aber innerlich kühler aufgefaßt zu haben ſcheint, hat zweifellos der Kriegsrat Merk, der Mentor des Dichters, wenn auch in mephiſtopheli⸗ ſchem Gewande, aus der Ferne wohl erkannt. Als er nach Ablauf der üblichen drei Praktikantenmonate er⸗

ſchien, er traf mit Göthe Mitte Auguſt im Höpfner