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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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Ich muß es mir an dieſer Stelle verſagen, näher auf die Entwicklung der Stadt im Mittelalter einzugehen; ſie ſteigt und fällt mit der des Städteweſens im weſt⸗ lichen Deutſchland überhaupt. Mit den Städten der Wetterau, mit denen ſie im Landfriedensverband ſteht'), hebt ſie ſich zur Blüte, ſie macht in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts die ſtürmiſchen Kämpfe der demokratiſchen Zünfte gegen die Geſchlechter durch und hat nur in ſo fern einen ſchwereren Stand, als ſie ihre Freiheit und Autonomie gegen größere und kleinere Dynaſten, welche ihr Gebiet zahlreich und begehrlich um gaben, in oft ſchwierigen Fehden zu verteidigen gezwungen war. Doch bewahrte ſie ihre reichsunmittelbare Stellung bis zur Auflöſung des Reichs.

*), Auch in ſeiner Parteinahme für den falſchen Fried⸗ rich II., genannt Tilo Kolup, deſſen Erſcheinen um die Stadt einen Kranz von Sagen gewunden hat, geht Wetzlar mit ihnen Hand in Hand. Bei den mangelhaften Nachrichten iſt es ſchwer, von dieſer merkwürdigen Geſtalt ein klares Bild zu gewinnen. Doch dürfte darin in erſter Linie eine Reaktion weiter Kreiſe, beſonders des Bürgertums, gegen das neue Königtum Rudolfs von Habsburg, welcher nicht mehr über den Parteien ſtand, ſondern ſelbſt im höchſten Maße Partei war, zu erkennen ſein, getragen von den chilliaſtiſchen Er⸗ wartungen jener Zeit, welche früh an die Perſon Friedrichs II. anknüpften und von Italien aus nach Deutſchland drangen. In Unteritalien war ſchon 1261 der erſte falſche Friedrich aufgeſtanden. Beruhend auf prophetiſchen Ergüſſen und ſagen⸗ haften Traditionen, meiſt entſtanden in den Kreiſen kirchlich und politiſch intereſſirter Kleriker, dringen ſie in die Maſſe des Volks ein, werden in volkstümliche Form umgegoſſen und von weiter ſehenden, vorurteilsfreien Perſonen als poli⸗ tiſche Hebel von nicht geringer Tragkraft benutzt. Nach den Berichten der Chronik des Fra Salimbene zum Jahre 1284 kamen, als die Kunde von dem Auftreten des falſchen Friedrich nach Italien gedrungen war, Geſandte von den lombardiſchen Städten und ſelbſt vom Markgrafen von Eſte nach Deutſchland, um über den Sachverhalt Erkundigungen einzuziehen. Siehe Grauert, zur deutſchen Kaiſerſage, hiſt. Jahrbuch der Görres⸗ geſellſchaft, B. XIII., Heft 1 und 2, 1892, S. 107. Näheres über den kühnen Abenteurer findet man in der fleißigen Arbeit von Victor Meyer, Tilo Kolup und die Wiederkunft eines ächten Friedrich. Wetzlar, 1868.