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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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in den Turm eintretend, auf der eiſernen Wendeltreppe zur Höhe, ſo hat man einen Rundblick, wie ſich wenige in ſolcher Mannigfaltigkeit in den deutſchen Gauen finden dürften. Im Nordoſten ſenkt ſich dem Be⸗ ſchauer gerade entgegen die Stadt vom Berge zum Thal hinunter, ein Meer von grauen Schieferdächern, hie und da von anſpruchsvolleren Farben unterbrochen, beherrſcht von der mächtigen roten Sandſteinmaſſe des Doms. Ueber ihr ragt auf der§ öhe des Berges ein einſamer Turm, die Garbenheimer Warte, und ſchaut nach den beiden Burgen, dem Vetzberg und Gleiberg, welche die das Lahnthal umſäumenden Höhen krönen. Hinter der Warte liegt, dem Beſchauer nicht ſichtbar, in einer Seitenbucht des Thals das Dorf Garbenheim, das Götheiſche Wahlheim, wohin er oft und gern ſeine Schritte lenkte, um im Schatten der Linden auf dem Dorfplatze ſeinen Homer zu leſen und dem Treiben der Kinder zuzuſchauen. Den Hintergrund bildet nach dieſer Seite die Kuppe des Dünsbergs, des Beherrſchers der Gegend, die ihm vorgelagerten Aus⸗ läufer des Weſterwaldes mächtig überragend. Nördlich von ihm treten mäßige Erhebungen hervor, zwiſchen denſelben das bei guter Beleuchtung ſcharf ſich ab hebende Schloß von Hohenſolms. Rings ſind alle Höhen mit Wald bedeckt, an den Hängen weite Korn breiten, die ſich zu zahlreichen den Thalrand ſäumenden

wege(vergl. Heft 9 die Karte) nicht der Fall. Meine An⸗ ſicht über die Entſtehung der Burg habe ich in der Anm. S. 17 f. angedeutet. Dabei iſt nicht ausgeſchloſſen, daß der alte Turm, der allerdings mit der übrigen Burganlage nicht in organiſchem Zuſammenhang zu ſtehen ſcheint, ſchon früher als Wart⸗ turm oder letzte Zuflucht in Feindesnöten das Haupt des Berges gekrönt hat und bei der Erbauung der Burg in dieſelbe hereingezogen wurde. Daß die Feſte in einer Fehde oder einem Kriege abgebrochen worden ſei, wird nirgends ange⸗ geben; ihr jetziger Zuſtand dürfte daher weniger auf gewalt⸗ ſame Weiſe herbeigeführt ſein, als dadurch, daß man, nachdem die Burg als Wohnſitz aufgegeben war, den Einwirkungen von Wind und Wetter freies Spiel ließ, wohl gar durch Ab⸗ fuhr von Baumaterial zur Zerſtörung mithalf.