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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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2 können*). Zwar iſt von der alten Reichsburg*) außer dem trotzigen Bergfried nicht viel über geblieben, und nur die baſaltnen Trümmer des alten Thors und des ſchlanken, kühn gegen das Thal vorhängenden Mauer⸗ turms, welche die Anlage gleichſam aus den Einge weiden des Berges herausgearbeitet erſcheinen laſſen, geben uns ein Bild von der Geſtalt und Feſtigkeit des alten Herrenſitzes. Steigt man aber, durch den zur oberen Erde erſt in neuer Zeit gebrochenen Eingang

*) Man verſäume vor dem Aufſtieg nicht, ſich den Schlüſſel zu der Turmthür beim Kaufmann A. Waldſchmidt am Schiller⸗ platz geben zu laſſen; der Ausblick iſt vom Turm aus beden⸗ tend freier und ungehemmter.

tr) Über Alter und Urſprung des Kalsmunt iſt viel ge⸗ ſtritten worden. Schon der Name hat zu manchen Conjecturen Anlaß gegeben, von denen die Ableitungen des Worts von calvus mons, kahler Berg, oder Caroli mons, Karlsberg, wohl kaum weiteren Wert haben, als daßtz ſie die Verlegenheit des Erklärers beleuchten. Am meiſten Wahrſcheinlichkeit dürfte noch immer haben, das Wort mit Wigand(Wetzl. Beitr. 1, S. 92) als eine Zuſammenſetzung aus dem deutſchen Worte kahl undMunt, welches Gewalt, Schutz bedeutet, zu be⸗ trachten. Dagegen vermag ich dem verdienten und zuver⸗ läſſigen Manne in ſeiner Neigung, dem Turm römiſchen Ur⸗ ſprung zuzuerkennen, nicht beizutreten. Wer am Neckar und Main gewandert iſt, wird die gleiche Form an vielen Türmen alter Schlöſſer, wie der Minneburg über Neckargerach und der alten Feſte Götz vom Berlichingens, der Hornburg über Neckarelz, haben beobachten können. Die Funde römiſcher Münzen aber, mit denen er in einem ſpäteren Aufſatz(a. a. O. S. 378.) ſeine Anſicht zu ſtützen ſucht, können wenig ins Gewicht fallen. Denn die Münzen hat er weder ſelbſt ge⸗ ſehen, noch bemerkt er, daß dieſelben von einem Kenner als römiſch feſtgeſtellt ſeien; die Umſchrift Romanorum Imperator aber tragen auch deutſche Kaiſermünzen. Andrerſeits aber fragt man ſich, was ſollte hier ein römiſcher Turm? Für eine statio speculatoria lag er zu weit außerhalb des Limes, der vom Main durch die Wetterau bis über Grünburg nach Norden ſtreicht, dann aber auf den Taunuskamm zurück⸗ wendet. Ein praesidium mit größerer Beſatzung hätte aber nur Sinn gehabt, wenn es was im feindlichen Gebiet zu be⸗ ſchützen gab, d. h. wenn hier eine römiſche Handelsſtraße vorbeigeführt hätte. Das war aber nach Profeſſor J. Schneiders eingehenden Unterſuchungen über die alten Heer⸗ und Handels⸗