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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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evangeliſchen Oberpfarrer, der neu in ſein Amt ein⸗ trat, auf die Augsburgiſche Confeſſion zu verpflichten und denſelben einzuführen. Zum letzten Male geſchah dies im Jahre 1792 mit dem Oberpfarrer Ziegler und beweiſt, mit welcher Zähigkeit ſich geſchichtlich ge wordene Einrichtungen in einer Zeit erhalten, wo ſie längſt zu Überlebſeln geworden ſind.

Auf der nördlichen Seite des Domes befindet ſich ein mäßig geräumiger, freier Platz, der kleine Kirchhof, von dem man einen prächtigen Blick auf das Lahn⸗ und Dillthal und auf die Schornſteine der Induſtrie⸗ ſtadt hat. In der Mitte des Platzes hat der Bild⸗ hauer Lehr in Berlin, ein Wetzlarer Kind, ein Denkmal für die im letzten Kriege gegen Frankreich gefallenen Bürgerſöhne errichtet und der Stadt zum Geſchenk ge macht. Das grüne Laub der Linden bildet einen ſtimmungsvollen Hintergrund und ſcheidet in wohl⸗ thuender Weiſe das Gebilde der modernen Renaiſſance von dem altersgrauen gothiſchen Gemäuer des Doms. Schwerlich hätte ein würdigerer Platz für das Gedächtniß der Vaterlandskämpfer gefunden werden können, und wer vom Denkmal ſich abwendend von der Brüſtung der Terraſſe hinunter ſchaut in das lachende, fruchtbare Gelände, auf die Zeugen der ſo kräftig ſich entwickelnden heimiſchen Induſtrie, der empfindet in dankbarem Herzen, daß auch für die, welche auf Frankreichs Erde im Kampfe für das neue Reich ihr Grab gefunden, Schiller die Grabſchrift ge⸗ ſchrieben hat:

Ruhet ſanft, ihr Geliebten! Von eurem Blute begoſſen, Grünet der Olbaum, es keimt luſtig die köſtliche Saat.

Doch kehren wir, den Dom an der Chorſeite um⸗ gehend*), zum Buttermarkt zurück, um unſere Wanderung durch die Stadt fortzuſetzen. Die große Straße führt

*) Hier wohnt an der Ecke des kleinen Kirchhoſs der katholiſche Küſter, bei dem man deu Schlüſſel zum Chor, da⸗ neben in dem neuen Hauſe der cvangeliſche, wo die Schlüſſel zum Schiff und zum Lottezimmer zu haben ſind.