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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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vierzehnt enund fünfzehnten Jahrhundert als Wohnung für den Probſt des Collegiatſtiftes gedient haben. Die mäch tezen anderthalb Meter dicken Mauern ſchützten es bei den zahlreichen Bränden, welche die Stadt heim ſuchten, und von denen namentlich die Feuersbrunſt von 1789 den größten Teil der Häuſer am Butter⸗

markt in Aſche legte. Es dürfte daher von allen Privat gebäuden den Anſpruch auf das höchſte Alter haben. Das Haus darüber an der Ecke des Platzes, jetzt einen Laden enthaltend, bis zum Jahre 1884 Sitz des Kaiſerl. Poſt⸗ und Telegraphenamts, war zu Göthes Zeit unter dem Titelzum Kronprinzen der erſte Gaſthof der Stadt. Hier hatte er ſeinen Mittagstiſch und fand jene luſtige Geſellſchaft, aus der ihm, wie er in Wahrheit und Dichtung erzählt, ein drittes aka⸗ demiſches Leben entgegen ſprang.

An der linken Seite der den Platz gegen Süd⸗ oſten ſchließenden Häuſerreihe, dem aus der Schwarz⸗ adlergaſſe Kommenden gerade gegenüber, ſteht ein flaches Gebäude aus rotem Sandſtein; der ſteinerne Lands⸗ knecht über dem Portal und die beiden Adler auf den Ecken weiſen auf die militäriſche Beſtimmung. An ihm wird ſchwerlich ein Wetzlarer ohne ein Gefühl der Wehmut vhrubergehen⸗ Es iſt die vor dreißig Jahren erbaute Hauptwache, die aber nach kaum fünfzehnjähri⸗ ger Benutzung beruflos wurde, als das achte rheiniſche Jägerbataillon, durch lange Garniſonzeit auf's engſte mit der hieſigen Bürgerſchaft verwachſen, zum großen Schmerze derſelben von dannen ziehen mußte, um im neu dewonnenen Reichslande die Grenzwacht zu übernehmen.

Die nördliche Seite des Platzes, mächtig in den⸗ ſelben hineinragend, nimmt der Dom*) ein, in ge⸗ ſchichtlicher wie künſtleriſcher Beziehung die Perle der Stadt. Reihen von Kaſtanienbäumen und wohlgepflegte

*) Genaueres über die Einzelheiten des Baues findet man bei P. Lehfeldt, die Bau⸗ und Kunſtdenkmäler des Regierungs⸗ bezirks Koblenz. Düſſeldorf, 1886.