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geben, so nehmen wir an, er sei, wie jetzt die meisten Fremden, mit einem Zuge auf der Eisenbahn angekommen, und der in diesem Augen- blicke noch sehr unvollkommene Bahnhof*) wäre bereits mit allen seinen Gebäuden fix und fertig, und der Fremde hätte Zeit und Musse genug, sich umzuschauen, so würde er sich bald überzeugen, dass er hier zwar so keine prachtvolle Aussicht habe, wie auf dem Bahnhof zu Marburg; aber schon der erste Blick in das fruchtbare Lahnthal und weiter jenseits nach den beiden alten Schlössern Vetzherg und Gleiberg, hinter welchen sich der bewaldete Dünsberg erhebt, wird einen angenehmen Eindruck auf ihn machen. Je genauer er überhaupt Giessen mit seinen Umgebungen kennen lernt, desto mehr wird er sich überzeugen, dass es zwar nicht viele sogenannte malerische Ansichten, noch weniger grossartige(pittoreske) Stellen darbietet, desto mehr aber freundliche, und dass, wohin er sich auch wendet, es überall sich an- ders gestaltet, darum auch grosse Abwechselung und Mannigfaltigkeit dem Auge gewährt. Es hält die glückliche Mitte zwischen engen, dunkeln Thälern mit schroffen Felswänden, aus welchen man sich nur zu bald wieder heraussehnt, und dem ewigen Einerlei der Flächen und Ebenen, die, seien sie auch noch so fruchtbar, im- mer ermüden. Die Gegend von Giessen wird von einem Kranze von meist kegelförmigen und mit Waldbäumen versehenen Ber- gen**) eingeschlossen, jedoch in grösserer oder geringerer Entfernung, und was derselben eigentlich den Reiz gibt, das sind die hier und da vor oder neben den Bergen aufstrebenden alten Burgen und sonstigen hochgelegenen Oerter und Häuser. Da plinkt, ausser den beiden eben genannten alten Schlössern Fetzberg und Gleiberg, hier in der Ferne das Städtchen Königsberg und sein Nachbar, Hohensolms in der Morgen- sonne, links liegt das Dorf Dudenhofen, näher sieht man den Westphälischen Hof und die sogenannte Hardt und in ihrer Nähe diese und jene neuere Anlage— weiter das Dörfchen Kinzenbach; neben den sieben Hügeln blickt Krofdonf, ihnen rechts Launsbach und Wismar hervor; noch lieblicher zeigt sich die Badenburg, thront weiter rechts der Staufenberg;
*) Folgende Gebäude stehen auf demselben jetzt schon: a) der Werkstättenbau, dessen Mittelbau zur Reparatur der beim Eisenbahnbetriebe nothwendigen Maschinen be- stimmt ist, auch eine zu deren Bewegung angebrachte Dampfmaschine enthält, b) ein Wagenschuppen, c) der Güter- und Kohlenschuppen. Im Laufe des Jahres wird das Stationsgebäude dazu kommen, welches ausser den Lokalen für die Reisenden die Bü- reaus für die Post und die Telegraphen enthalten wird.
**) Wir wollen von ihnen ausser dem bereits erwähnten Dünsberge nur den Lol- larer Kopf, Hangelstein, den Hohenwarthberg, Himberg, den Stoppelberg nennen.


