IJ. Giessen.
Das alte Giessen.
Vor fünfzig Jahren hatte die Stadt Giessen ein ganz anderes Aus- sehen als jetzt, und wohin man sich wandte, da gewahrte man die Reste aus dem sechszehnten nnd siebenzehnten Jahrhundert.*) Wenn der geneigte Leser gern wissen möchte, wie es damals sich ausnahm, so will ich ihm hier ganz kurz ein getreues Bild davon hinstellen, denn ich lernte es ziemlich genau kennen, als ich in jener Zeit mit den Augen eines Siebenzehnjährigen, und die sind in der Regel ziemlich scharf, mich daselbst umsah.
Damals brauchte der alte Postwagen gar lange Zeit, bis er glück- lich durch die Wetterau kam, denn die Pferde setzten sich nur eben in Trab, wenns nahe am Wirthshaus war. Hatte aber der„lederne Postillon“ glücklich die„lederne Höôh“ erreicht, dann gings ziemlich rasch hinunter. Diese„lederne Höh“ war nämlich der Selzersberg (Seltersberg), der sich ziemlich steil nach Giessen zu senkte. Bevor aber der Wagen die Stadt erreichte, hatte er noch eine hölzerne Brücke über den Siechbach(so hiess dort die Wieseck von einem in der Nähe befindlichen Siechhause) zu passiren, was, wenn der Bach etwas ange- schwollen war, gefährlich werden konnte. Endlich langte man vor der Stadt an. Aber gerade da, wo jetzt das sogen. Selzerthor(Seltersthor) steht, konnte man weder in dieselbe gelangen, noch irgend etwas von ihr sehen; denn hier befand sich ein wohl über hundert Fuss breiter Graben, und jenseits desselben erhob sich ein haushoher Wall, der alle
*) Wie es in früherer Zeit aussah, das zeigen die von Pilich-Schäffer und Merian gegebenen Ansichten.


