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Aussicht in die Stadt verhinderte. Um in dieselbe zu gelangen, musste man sich links wenden. Hierauf beugte man rechts ein über eine Brücke und kam dann in die Thorschanze, in welcher ein Wachthaus stand. War's Sonntag vor Beendigung des Gottesdienstes, so musste der Fussgänger seinen Kreuzer Sperrgeld erlegen; dann gings über den zweiten und breitern Graben der Pforte hinein, über welche sich ein Thorthurm erhob, und endlich gelangte man durch einen ziemlich dunkeln überwölbten Gang, der gegen die Mitte eine Beugung machte, in die eigentliche Stadt, d. h. zunächst auf den Selzersweg(Seltersweg) der aber damals einem Dorfe ähnlicher sah, als einer Stadt, und in welchem jeder Professor oder andere Staatsdiener Anstands halber nicht gut hätte wohnen können.
Wir schliessen schon aus dem wenigen eben Gesagten, dass Giessen da- mals noch eine Festung war*), rund herum mit tiefem und breitem Graben und hinter demselben mit einem bedeutenden Walle versehen, zwischen welchen eine Mauer hinzog. Diese Hauptbefestigung war noch durch 11 Bollwerke geschützt, so dass die Stadt zu einer gewissen Zeit den Namen einer Festung mit Recht verdiente, und wenn auch wegen der benachbarten Höhen, welche Giessen mehr oder minder beherrschen, der Platz eigentlich für eine solche äusserst ungünstig war, so darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Einrichtung getroffen war, die nächsten Umgebungen sämmtlich unter Wasser zu setzen, so dass die Stadt wohl zu beschiessen, aber sehr schwer zu erobern war. In- dessen hatten die strategischen Erfahrungen, welche nur Hauptfestungen an den wichtigsten Strassen wollten, dargethan, dass Giessen sich eigent- lich zu einer Festung nicht eigne, als die Franzosen anfingen, die Brust- wehr auf dem Walle abzutragen. Als sie jedoch bemerkten, dass man solches gerne sah, so unterblieb die Arbeit, und der Wall hatte nun keinen andern Zweck, als dem Commandanten ein erklekliches Accidenz an Obst und Futterkräutern abzuwerfen, den Spaziergängern einen hübschen Fusspfad um die Stadt darzubieten und die hässlichen Baraken, die sich damals noch ziemlich häufig zeigten, dem Fremden zu ver- stecken. Als in den Jahren 1806— 1812 der Wall auf Kosten der einzelnen Bewohner gänzlich geschleift wurde, verursachte letzterer Umstand freilich einen gewaltigen Misstand, der jedoch mit den Jahren
*) Ueber die Errichtung dieser Festung werden wir später noch einige Mittheilun- gen machen und bemerken hier nur, dass Giessen vor Philipp dem Grossmüthigen eine mittelalterliche Befestigung hatte, wie gewöhnlich die Städte. Sie bestand in einer 5— 6 Fuss dicken Mauer mit Mauerthürmen, einem Haingraben und zwei Wartthürmen.


