354 Julius Roſen:„Schleswig
tigen habhaft zu werden. Daß dieſer Zuſtand der ewi⸗ gen Aufregung nicht der angenehmſte war, brauchen wir wohl nicht erſt zu ſagen. Den meiſten Troſt ge⸗ währte Bertha ihr Mädchen Marie. Dieſe war feſt davon überzeugt, daß der Graf unverſehrt ſein Schloß und ſeine Familie ſehen würde,„denn es iſt ja mein Berger dabei,“ ſagte ſie ernſthaft,„und der vermag Alles. Ich glaube, er würde den däniſchen König nach Kronwerda bringen, wenn es zu unſerem Beſten wäre.“ Da jedoch ſeit der Entweichung des Grafen Wochen vergangen waren, ohne daß man nähere Notizen über ihn erhalten konnte, und es für die Länge der Zeit doch nicht thunlich geweſen wäre, wenn die beiden Brautleute ſich ſelbſt überlaſſen, zuſammen ge⸗ wohnt hätten, beſchloſſen ſie, ihrer Liebe die kirchliche Weihe zu geben, ohne des Vaters Rückkehr abzuwarten. Der alte Mann hatte ja dieſe Verbindung geſegnet und es war ſein Wille, daß ſeine theure Bertha in den Armen ihres Robert glücklich werden ſollte.
Die Anſtalten zur Vermälung wurden getroffen und der feſtliche Tag war hereingebrochen.
Marie ſchmückte die Braut und Bertha ſah entzückend ſchön aus. Das weiße Atlaskleid umfloß in blendendem Glanze die ſchlanken Glieder und ließ genug von der reizenden Büſte frei, um des Mädchens herr⸗ lichen Wuchs und tadelloſen Teint bewundern zu kön⸗ nen. Der Myrtenkranz ſchmückte die entfeſſelten Locken, welche auf den blendenden Nacken fielen, und das zarte Roth bräutlicher Scham färbte mit roſenrothem Hauche die Sammtwangen Berthas. Und doch ſprach keine ungetrübte Freude aus dem herrlichen Ge⸗ ſichtchen, doch lag eine Wolke ſtiller Schwermuth auf ihrer Stirn und beſchattete dunkel die matt glänzenden Augen.
„Weg mit dieſer häßlichen Wolke, Fräulein,“ zankte Marie, die letzte Hand an die Ausſchmückung der Braut legend,„weg damit, auf daß die Sonne ihres Glückes herausſtrahlen könne aus den Augen.“
„Weißt Du doch, Mädchen, wem meine Gedanken gehören.“
„Ihre Gedanken? Dieſe gehören vor Allem Ihrem Gatten und dann erſt Ihrem Vater. Ihr Gatte iſt bei Ihnen, Sie haben die Macht ihn glücklich zu machen, Sie können ihm zeigen, daß Sie glücklich ſind. Ihr Vater iſt gut aufgehoben, mein Berger bewacht ihn und bringt ihn ſicher nach Hauſe. Ihres Vaters wegen ſeien Sie außer Sorgen. Und dann habe ich ſo meine Ahnungen.“
„Ahnungen? Du machſt mich neugierig.“
„Wenn Sie nicht ſo tief in Ihren Gedanken ſtäken, Fräulein, und Zeit gehabt hätten, mich näher anzuſehen, würden Sie auf ſo Manches gekommen ſein.“
Bertha ſah das Mädchen an und ſprach:„Ich würde bemerkt haben, daß Du Dich ungewöhnlich auf⸗ geputzt und ſchön gemacht haſt.“
„Nicht wahr? Warum that ich das aber? Der
Holſtein meerumſchlungen.“
men nicht ſo viel werth als der kleine Finger meines Berger.“..
„Warum haſt Du Dich alſo aufgeputzt?“
„Weil ich Ahnungen habe, Träume, Vorbedeutun⸗ gen, kurz lauter reizende Gedanken.“
„Du meinſt, es könnte—“
„Es könnte heute Ihr Herr Vater und mein Ber⸗ ger zurückkommen. Ja, das meine ich.“
„Ach wäre es möglich,“ jubelte Bertha, doch gar bald flog die häßliche Wolke abermals über ihr Ge⸗ ſicht und ſie ſeufzte:„Du träumſt!“
„O ich träume nicht, Fräulein,“ entgegnete Marie, „aber ich halte viel auf Träume. Heute Nacht ſah ich Sie und den jungen gnädigen Herrn vor dem Altar knien, der Herr Papa hielt ſegnend ſeine Hände über Ihnen und daneben auf der Seite, aber auch vor dem Altar, kniete ich mit Berger und wir wurden alle ko⸗ pulirt. Deßhalb habe ich auch mich bräutlich geſchmückt, denn ich glaube, daß Berger heute eintrifft und mich heiratet. Iſt das nicht überzeugend?“
Bertha lächelte und ſchwieg. Wünſchen mochte ſie die Erfüllung dieſes Traumes, doch rechnete ſie nicht darauf, denn ihr fehlte der Glaube.
Die Toilette war beendet. Robert trat in das Zimmer, um ſeine Braut zum Altare zu geleiten.
Sie nahm ſeine Hand, führte ihn vor das lebens⸗ große Bildniß ihres Vaters, kniete daſelbſt an der Seite ihres Bräutigams nieder und flüſterte:„Segne uns, mein Vater, mein beſter, theuerſter Vater. Wo Du auch ſein mögeſt, wo auch Dein Fuß irrt und Dein Herz pocht, möge Dir Gott den Gedanken in die Seele legen, daß wir Deiner denken, daß wir Dich lieben und daß wir um Deinen Segen bitten. Sieh freundlich auf uns herab, Vater.“
Robert umſchloß die weinende Braut und hob ſie empor.
Man ging zur Kirche.
Die Kapelle lag außerhalb des Schloſſes im Dorfe ſelbſt. Die Dorfleute liebten alle das gute Fräulein von ganzem Herzen und hatten auch den Herrn Lieutenant recht lieb, einmal darum, weil er zur tapferen öſter⸗ reichiſchen Armee gehörte, und ſodann, weil er gar ſo menſchenfreundlich war und für Jedermann, auch den geringſten Torfſtecher, ein freundliches Wort hatte. Es hatte ſich nun Alles wie am Feſttage herausgeputzt und machte vom Eingange des Schloſſes bis zur Kapelle Spalier. Die alten Mütterchen ſegneten die engelſchöne Braut und prophezeiten ihr Glück und Segen. Die jungen Frauen und die Mädchen bewunderten ihren Anzug und waren nur mit der Einfachheit desſelben nicht einverſtanden. Es ſchien ihnen nicht recht gethan zu ſein, daß die reiche Braut gar kein Gold und edles Geſtein trug, ſondern ſo einfach einherging, als die Tochter des Paſtors zu gehen pflegte. Die jungen Männer aber prieſen den Bräutigam glücklich, der ein ſo ſchönes und braves Mädchen heimführen konnte. Den Hochzeitszug eröffnete der alte Vater Mariens,
Männer auf Kronwerda wegen gewiß nicht, denn die ſind mir alle ungeheuer gleichgiltig und alle zuſam⸗
ihm folgten die Brautleute und hinter dieſen Marie im großen Zug der Gäſte. Ihr Glaube an die Erfül⸗


