Jahrgang 
1864
Seite
322
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322 Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

ſeine endliche Befreiung zur Folge haben mußte. Von ſeiner Mithilfe bei der Flucht Branders wußte Nie- mand, ſo wie auch kein Menſch vermuthete, daß er in der däniſchen Armee gedient hatte und eigentlich öſter⸗ reichiſcher Kriegsgefangener war. Er ſah demnach ein, daß ihm keine Gefahr drohe und froh und heiter ſchritt er demnach in Mitten ſeiner Begleiter auf der Land⸗ ſtraße fort. Dieſe konnten ſich über ſein Benehmen nicht genug verwundern, waren jedoch herzlich froh darüber, da es ihnen angenehmer war, einen heiteren als einen verzweifelnden Gefangenen zu eskortiren.

Der Weg führte unſere Karavane bei des Fiſchers Frieb Hütte vorüber. Der Patrouillleführer beſchloß, da Halt zu machen, um ſich und ſeinen Gefährten einige Erholung zu gönnen.

Wilhelm hatte keine Ahnung davon, daß er in der Nähe ſeiner lieben Verwandten ſei.

Der Führer pochte an die Thür der Hütte und Mutter Frieb trat heraus.

Wir wollen hier Raſt machen, Mutter, ſprach der Führer zu ihr;gebt uns doch etwas zu eſſen und wir wollen Euch gerne bezahlen.

Wir haben nichts, entgegnete unwirſch Mutter

Frieb.Das Geſchäft ſtockt, eine Schlange, welche

wir an unſerem Buſen genährt, hat uns beide Kähne geſtohlen, und wo kein Verdienſt iſt, iſt auch kein Eſſen.

Nun, ein Stück Brod werdet Ihr doch haben und einen Trünk Waſſer auch, entgegnete beſänftigend der Führer.Ich habe Euch ja ſchon geſagt, daß wir Alles bezahlen.

Ein Stück Brod, entgegnete Mutter Frieb, und einen Trunk Waſſer ſollt Ihr haben, wenn Ihr ehrliche Dänen ſeid, iſt aber ein Deutſcher unter Euch, dann will ich mein Brod lieber in die See werfen, als damit die falſche Brut füttern.

Was gibt es da? fragte Chriſtian Frieb, den das Geſpräch unter die Thür ſeiner Hütte getrieben hatte.Was wollen die Herren?

Wir bitten um Brod und Waſſer, das Ihr uns gegen Bezahlung verabfolgen ſollt.

Chriſtian gab ſeiner Gattin einen zuſtimmen⸗ den Wink und dieſe begab ſich in das Innere des Hauſes, um das Brod herbeizuholen. Chriſtian trat zu den Männern heraus und betrachtete aufmerkſam den Gefangenen, welcher ſich auf der Bank niederge⸗ laſſen hatte und die ſpielenden Wellen betrachtete.

Was iſt das für ein Menſch? fragte er den Patrouilleführer.

Wenn wir das wüßten, entgegnete der Führer, dann könnte ſich unſer eins ein Verdienſt dabei machen. Er gibt ſich für einen entflohenen Kriegsgefangenen aus und iſt gewiß ein Deutſcher.

Chriſtian ging forſchend und ſinnend um Wil⸗ helm herum. Lange wußte er nicht, wo er das Geſicht hingeben ſollte. Er hatte ſeinen Vetter drei Jahre und zwar ſeit jener Zeit nicht geſehen, wo er Elſens Vater beſucht und bei dieſer Gelegenheit Wilhelm kennen gelernt hatte. Plötzlich fuhr es ihm wie ein

Blitz durch den Kopf.Freilich iſt das ein Deutſcher, rief er aus,es iſt ja mein verfluchter Vetter Wilhelm.

Wilhelm fuhr zuſammen. Auch er erkannte ſeinen Vetter Frieb. Da es ihm jedoch darum zu thun war, unerkannt zu bleiben, faßte er ſich ſchnell und ſprach ſich verwundert ſtellend:Ich kenne Euch nicht, guter Mann.

So, Du kennſt mich nicht, entgegnete höhniſch der Fiſcher.Du kennſt den Chriſtian Frieb nicht, welcher Deinem Schwiegervater oft genug abgerathen hat, Dir ſeine Elſe zu geben. Ich wußte ja, daß eine Verbindung mit einem verfluchten Deutſchen nur Elend und Jammer zur Folge haben könne. Kennſt Du etwa Elſen auch nicht?

Ich weiß nicht, wovon Ihr ſprecht, entgegnete Wilhelm.

Nun gut, mein beſter Vetter, verläugne mich, das iſt immer eine Ehre für mich. Aber Gott will ich auf meinen Knien danken, daß er Dich in's Unglück gebracht hat. Hütet ihn gut, meine Herren, wandte ſich Chriſtian zu der Wache,hütet ihn ja gut, damit er Euch nicht davongeht, denn die Deutſchen ſind Gevatter des Teu⸗ fels und ſtehen mit Hexen und Zauberern in Verbindung. Alles, was mit ihm verkehrt, wird ſchlecht und verdirbt. Meine Baſe, die Elſe, war ein kreuzbraves Mädchen ehe ſie dieſen Menſchen kennen lernte, nun iſt ſie eine Landſtreicherin, eine Dirne geworden.

Herr, ich ſchlage Euch, fuhr Wilhelm empor und erhob den Arm. Schnell beſann er ſich jedoch und wandte ſich an den Führer mit der Bitte, ihn vor den Ausfällen dieſes Narren zu ſchützen.

Es ging in's Fleiſch, fuhr Chriſtian fort, nicht wahr, Vetterchen, Ihr habt Euch verrathen. Und doch war es keine Liſt von mir, Euch Euer Inkognito abzureißen, ſondern nur pure lautere Wahrheit. Ja, mein Engel, jene Elſe, von der ich ſprach, iſt eine Landſtrei⸗ cherin, eine Dirne geworden. Ich hatte ſie, wie es einem braven Verwandten geziemt, aufgenommen. Sie hat von meinem Tiſche gegeſſen, in meinem Hauſe geſchlafen und zum Danke dafür ſtahl ſie mir meine Kähne und lief mit einem fremden Manne davon!

Wilhelm zitterte an allen Gliedern. Krampf⸗ haft hob ſich ſeine Bruſt und arbeitete nach Worten. Endlich brachte er mit Mühe heraus:Du lügſt!

Ich lüge nicht, fuhr Chriſtian fort,laß Dir's von meinem Weibe erzählen. Gehe doch zu dem Herrn dort, wendete er ſich zu ſeiner Frau, welche Brod und Waſſer gebracht hatte,und umarme ihn. Es iſt unſer Vetter Wilhelm.

Den Mann der verdammten Dirne, welche uns beſtahl und mit ihrem Buhlen davonlief? rief Mutter Frieb;eher will ich doch den Teufel in die Arme nehmen.

Mit einem entſetzlichen Schrei ſank Wilhelm zu Boden. Als er ſich mit Hilfe ſeiner Wächter wieder aufraffte, war ſein Geſicht verſtört und trug die Spuren von Thränen. Er war in das Innerſte erſchüttert. Alle ſeine Hoffnungen waren vernichtet. Wie ſchon hatte er ſich das Wiederſehen mit Elſe, das Zuſammenleben