Jahrgang 
1864
Seite
290
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290 Julius Roſen:Schleswig⸗ Holſtein meerumſchlungen.

Werke gehſt und mich nicht betrügſt. Und ſo geſchah es auch. Mutter Frieb pflegte ihre Kinder und flickte Netze und Elſe wanderte zweimal der Woche nach der Stadt zum Fiſchmarkte. So waren einige Wochen ver⸗ gangen und Elſe ſchien äußerlich ruhig. Aber im In⸗ nern tobte oft und heftig ein Sturm der verſchiedenſten Gefühle. Lebte Wilhelm oder war er todt? Was war mit dem Kinde geſchehen, mit der kleinen lieben Marie, welche ihr Mütterchen ſo zärtlich um den Hals genommen und ſo entzückt geküßt hatte? Dachte ihr Gatte noch an ſie oder hatte er ſie bereits für immer aufgegeben? Sie bildete ſich ein, auf ihre ganze Zu⸗ kunft reſignirt zu haben, und doch ertappte ſie öfter ihr Herz bei einer Hoffnung auf eine beſſere Zukunft. Jeden Augenblick der Muße benützte ſie dazu, um am Meeres⸗ ſtrande zu ſitzen und dem Spiele der Wellen, dem Ge⸗ ſange des Sturmes zu lauſchen. Die guten Wellen kamen ja von der heimatlichen Küſte ihres Gatten, viel⸗ leicht brachten ſie Grüße, Segnungen mit. Auch ſie ver⸗ traute ihnen ihr Leid, auch ſie gab ihnen Grüße mit an Wilhelm und ihre kleine Marie. Weinend ſaß ſie dann da und ſuchte Troſt im Gebete.

Alſo ſaß ſie auch eines Abends vor der Fiſcher⸗ hütte und dachte an ihre Lieben. Ihre Ruhe ſollte nicht lange dauern. Ohne daß ſie bemerkt worden wäre, traten der Vetter und deſſen Weib aus der Hütte im eifrigen Geſpräche. Der Vetter war zum Ausgehen bereit, denn er trug ſeinen Mantel und ſeinen Wan⸗ derſtab.

Gib mir Acht auf den Fremden, Mutter, ſprach er zu ſeinem Weibe.Er darf meinen Abmarſch nicht merken. Ich eile zur nächſten Stadt und hole die Wache herbei. Der Deutſche iſt entweder ein Spion oder ein Flüchtling.

Wenn Du Dich nur nicht irrſt, Chriſtian, entgegnete die Frau;haſt Du denn nicht ge ſehen⸗ daß er gut däniſches Geld hat?

Um ſo beſſer, entgegnete Chriſtian, dann ſchaut etwas dabei heraus. Mir kommt der Menſch verdächtig vor, denn er iſt ein Deutſcher! Er muß arre⸗ tirt werden. Gott befohlen! Und er ging.

Elſe hatte das ganze Geſpräch gehört. Sie war um ſo erſtaunter, als ſie nicht wußte, daß während ihrer Abweſenheit ein Fremder die Gaſtfreundſchaft ihres Vetters angeſprochen und auch erhalten hatte, und um ſo bereitwilliger aufgenommen worden war, als ſich dabei verdienen ließ. Ihr Kummer hatte ihren Deut⸗ ſchenhaß gemildert und ſie beſchloß, zur Sühnung ihrer Schuld dieſen Fremden zu retten. Als demnach die Frau Chriſtians in die Stube zurücktrat, ſchlich ſie ebenfalls hinein und ſetzte ſich, die Unbefangene ſpie⸗ lend, an den Tiſch. Der Fremde hatte ſich bereits zur Ruhe begeben. Man hatte ihm Elſens Kammer als Schlafgemach angewieſen.

Du mußt heute bei uns in der Stube ſchlafen, ſprach die Muhme.In Deiner Kammer liegt ein Fremder.

Bleibt er lange bei uns? fragte ohne irgend ein Intereſſe merken zu laſſen Elſe.

Ich glaube nicht, antwortete die Muhme.Ich denke, nur bis Mitternacht.

Nur bis Mitternacht? fragte verwundert Elſe.

Allerdings, bis Chriſtian zurückkommt. Das Nähere ſollſt Du dann erfahren.

Elſe fragte nicht weiter. Sie legte ſich auf die Streu von Seegras, welche man ihr zurecht gemacht hatte. Auch die Muhme legte ſich nieder und war, ob⸗ wohl ſie ſich gegen den Schlaf wehrte, gar bald ent⸗ ſchlafen.

Als ſich Elſe davon überzeugt hatte, erhob ſie ſich vorſichtig und ſchlich in die Kammer hinein. Der Fremde lag in ſeinen Mantel gehüllt auf ihrem Bette und ſchlief. Sie trat zu ihm hin und ergriff ſeine Hand. Erwachet, flüſterte ſie.

Was gibb's? fuhr der Fremde aus dem Schlafe.

Ruhig, ſonſt ſind wir Beide verloren, flüſterte Elſe.

Verwundert betrachtete der Fremde das junge Weib, deſſen Geſicht er bei der Beleuchtung des Mon⸗ des erkennen konnte, und fragte leiſe:Was wollt Ihr von mir?

Ihr ſeid ein Deutſcher? fragte Elſe.

Auf alle Fälle, entgegnete der Fremde.

Ihr ſeid verrathen!

Oho, entgegnete der Fremde und griff nach dem Revolver, welcher neben ihm lag.

Ich kam, um Euch zu retten.

Was will man von mir?

Mein Vetter iſt nach der Stadt gegangen, um die Wache zu holen. Er hält Euch für einen Spion.

Dann will ich ſchauen, daß ich weiter komme.

Seid vorſichtig, um Gottes willen, flüſterte Elſe.Die Muhme ſchläft hier nebenan. Wenn ſie ahnte, daß ich Euch gewarnt, ich wäre verloren.

Der Fremde gab keine Antwort. Er betrachtete das Weib mit eindringlichen Blicken und ſuchte offenbar nach einer Erinnerung.

Wollt Ihr Euch retten? fragte Elſe dringend.

Gewiß, entgegnete der Fremde,gewiß. Führt mich in's Freie.

Elſe öffnete leiſe das Fenſter und winkte dem Fremden hinauszuſteigen.

Kommt mit mir, liſpelte dieſer,ich habe Euch Wichtiges zu vertrauen.

Elſe folgte ihm und bald ſtanden Beide am Strande des Meeres.

Ihr ſeid gerettet, flüſterte Elſe,nun ent⸗ flieht.

Ich gehe nicht allein, Ihr müßt mit mir, Elſel

Ihr kennt mich?

Genau, entgegnete der Fremde.Kommt mit mir, wir ſuchen und finden Eueren Gatten.

Ihr ſeid?

Ich bin Berger, der Jäger, entgegnete der Fremde,und Ihr könnt mir vertrauen, denn ich liebe Euere Schwägerin. Kommt, Elſe, flieht mit mir.

Elſe zögerte. Sie hatte ſich zugeſchworen, ſich freiwillig von ihrem Gatten zu trennen und ſich hie⸗