258 Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
monz mitten in einer Gruppe däniſcher Officiere, den Verlauf und den Ausgang des Branderſchen Pro⸗ ceſſes erzählend. Er drängte ſich durch die Menge, trat auf Gramonz zu und ſprach mit vor Aufregung zitternder Stimmung:„Ich habe mit Ihnen zu ſprechen, Herr Major.“
Alle ſahen verwundert auf den öſterreichiſchen Officier, welcher nicht kriegsgefangen war, da er ſeine Waffen führte, und Gramonz zögerte, Wall zu folgen, da er ihn erkannte und merken mochte, daß der Lieutenant etwas im Schilde führe.
„Ich kenne Sird nicht, mein Herr,“ entgegnete er nach einer Pauſe,„und habe nichts mit Ihnen zu ſchaffen.“
„Ei, Sie kennen mich ſehr wohl, Herr Major,“ entgegnete Wall mit höhniſchem Lächeln.„Habe ich Sie doch mit dieſen meinen Händen gewürgt, als Sie ein wehrloſes Mädchen rauben wollten.“
„Sie beleidigen mich, mein Herr!“ ſchrie Gra⸗ monz, kirſchroth im Geſichte.
„Lüge ich etwa, mein Herr?“ fragte ihm näher tretend der Lieutenant,„wagen Sie es, mich einer Lüge zu zeihen? Ich ſchlug Sie zu Boden, als Sie Ihre tapfere Hand gegen ein Weib erhoben, und lieferte Sie als Gefangenen ab. Wie Sie ſich frei gemacht, iſt mir ein Räthſel.“
Die Kameraden des Dänen ſteckten die Köpfe zu⸗ ſammen und ziſchelten.
„Gramonz war berlegen. Er konnte nicht läug⸗ nen und doch ſollte er es, denn er hatte die Geſchichte ſeiner Gefangennehmung ganz anders erzählt. Alſo moraliſch beſiegt, bemächtigte ſich ſeiner eine fürchter⸗ liche Wuth, er trat auf Wall zu, ſchrie über Beleidi⸗ gung und Satisfaktion und erhob den Arm gegen den jungen Officier.
Dieſer ſchleuderte die gegen ihn erhobene Hand zurück und ſich an die Officiere wendend, ſprach er zu dieſen:„Sie haben geſehen, meine Herren, welche Schmach mir der Major anthun wollte, Sie werden als Männer von Ehre, wofür ich Sie halte, dafür ſor⸗ gen, daß ich Genugthuung bekom m“
Die Officiere, unangenehm berührt durch das Be⸗ nehmen des Majors, beruhigten den Officier, welcher ihnen ſeine Adreſſe gab und ſich entfernte. Er hatte ſein Ziel erreicht. Gramonz mußte ſich mit ihm ſchlagen. Nun erſt fiel es ihm centnerſchwer auf's Herz, was mit Bertha geſchehen ſollte, wenn ihm ein Unfall zuſtieß. Dieſer Gedanke quälte ihn furchtbar und nur die Ueber⸗ zeugung, daß er für eine gute, gerechte Sache kämpfe, konnte ihn beruhigen.
Bertha fand er in Thränen auſgelsEr ver⸗ ſuchte, das Mädchen zu tröſten, doch fehlten ihm die Worte, ſein Herz war ja hoffnungsleer, er hatte jeden Gedanken auf eine Rettung des Grafen aufgegeben.
Einige Stunden ſpäter kam ein däniſcher Officier, um mit Wall Zeit, Ort und Waffen des Duells zu be⸗ ſprechen. Gramonz hatte ſich bereit erklärt, ſich zu ſchlagen und es wurde ausgemacht, daß ein Gehölz nahe der Stadt der Schauplatz des Kampfes ſein ſollte.
Man einigte ſich auf Piſtolen. Die Ankunft des däniſchen Officiers hatte Bertha zum Tode erſchreckt. Was hatte ihr Bräutigam mit dieſen Leuten vor? Konnte es etwas anderes ſein, als ein neues Unglück. Als ſich der Officier entfernt hatte, ſtürzte das geängſtigte Mädchen in das Zimmer des jungen Mannes, um die Urſache des unge⸗ wöhnlichen Beſuches zu erfahren. Wall gab aus⸗ weichende Antworten, aber Bertha beſtand darauf, die Wahrheit zu hören. Ich bin ſtark, Robert,“ ſprach ſie zu ihm,„Du kannſt mir Alles ſagen. Was haſt Du vor? O rede mir Wahrheit, bei unſerer Liebe, bei dem Leben meines Vaters beſchwöre ich Dich!“
„Sei ſtark, Bertha,“ antwortete Wall und ſchloß das Mädchen in ſeine Arme.„Ich that, was ich thun mußte, was, wenn ich es nicht gethan, mir ewig wie Feuer auf der Seele gebrannt hätte. Ich verſuchte, mich, uns alle zu rächen! Ich— ſchlage mich mit Gramonzl“
„Barmherziger Gott!“ rief Bertha und rang die Hände,„was haſt Du gethan! Du fällſt!“
„Mein Leben iſt in Gottes Hand,“ entgegnete ernſt und ruhig der junge Mann,„auf ihn vertraue ich. Er kann es nicht zugeben, daß das Laſter trium⸗ phirt. Er hat mich zu ſeinem ſtrafenden Arme erwählt, ich folge meiner Beſtimmung.“
„Was wird aus mir, wenn Du fällſt!“ jammerte das Mädchen.
„Beruhige Dich, Bertha, noch lebe ich! Könnteſt Du aber den Gedanken ertragen, daß Dein Vater als das Opfer eines Schurken fiel, der ſeinen Schurkenſtreich ſtraflos verübt? Wirſt Du nicht beruhigt ſein, wenn ſich ein Arm erhoben hat zur Verſöhnung der beleidigten Gerechtigkeit? Bei Gott, Bertha, ich hänge an dem Leben mit allen Faſern eines jungen Herzens, denn mein Leben ſoll ja Dir gewidmet ſein, aber enden will ich, freudlos enden, kann ich den Schurken nicht züchtigen!“.
„Ihr grauſamen Männer,“ weinte Bertha, „Ihr ſetzt Euer Leben auf das Spiel, ohne zu bedenken, daß es die Wurzel, der Boden des unſern iſt!“
„Du machſt mir Vorwürfe, Bertha, weil ich Deinen Vater rächen will?“ fragte Robert.
„Ich mache Dir keine Vorwürfe, Liebſter,“ ent⸗ gegnete Bertha und ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals,„ich zittere nur für Dein Leben. Es wäre ſchreck⸗ lich, ſollte ich Alles auf einmal verlieren! Du haſt recht gehandelt! Gott ſegne Dich dafür, ich will zu ihm um Rettung flehen!“
„Mein gutes ſtarkes Mädchen!“
„Nur eine Bitte habe ich an Dich. Ich will beim Kampfe anweſend ſein!“
„Wo denkſt Du hin!“
„Fürchte nicht, daß ich ihn ſtören werde,“ bat das Mädchen.„Ich werde nicht einen Laut von mir geben. Ich bleibe im Wagen und werde ruhig ſein.“
„Was ſoll Deine Anweſenheit?“
„Sie ſoll mir Gewähr geben, daß Du alle Pflege erhältſt, wenn Dir ein Unglück geſchieht. O gewähre mir meinen Wunſch, Geliebter!“


