200 Julius Roſen.„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
Truppen ereilten den Feind und die Schlacht bei Over⸗ eſee ward geſchlagen. Da Feldmarſchalllieutenant Gab⸗ lenz einen Flügel des Feindes umging, um ihn zwi⸗ ſchen zwei Feuer zu bringen und gänzlich aufzureiben, wurde ein Theil der Nachhut vorwärts kommandirt, und gerade bei dieſem Theile befand ſich Gramonz. Das betreffende Bataillon kam in das Bereich der Ka⸗ nonen. Einzelne Kugeln fielen vor und in die Kolon⸗ nen, wurden jedoch meiſt unſchädlich gemacht. Eine Granate jedoch, welche in Gramonz Nähe niederge⸗ fallen war, konnte nicht ſchnell genug abgetödtet wer⸗ den, platzte und tödtete einige Soldaten. Dies ſchien Gramonz der rechte Moment zu ſein. Er ſtürzte zu Boden und ſtellte ſich leblos. Mit den übrigen Ver⸗ wundeten zum Verbandplatze getragen, wurde er da⸗ ſelbſt niedergelegt und nicht weiter beaufſichtigt, da die Schlacht begonnen hatte und das Bataillon zum An⸗ griffe beordert worden war. Dennoch verhielt er ſich ruhig und regte ſich nicht.
Ohne ſich um das Getöſe der Schlacht zu beküm⸗ mern, machten ſich die Wundärzte an ihre Arbeit.
„Mit dem da wollen wir anfangen, Herr Oberarzt,“ ſprach der Wundarzt, ein dicker behäbiger Mann, und wies auf einen armen Burſchen, dem ein Granatenſtück in den rechten Schenkel gefahren war.
„Sie haben recht,“ entgegnete der Oberarzt, und die Sanitätsſoldaten hoben den ächzenden Burſchen auf den Verbandtiſch.
„Eine herrliche Wunde,“ hub der Unterarzt wieder an, indem er den Burſchen entkleidete.„So regelrecht und ſchön, daß nichts übrig bleibt als das Bein wegzu⸗ ſchneiden. Meinen Sie nicht auch, Herr Oberarzt?“
„Wollen Sie ſchon wieder amputiren, Brummer,“ erwiederte der Oberarzt und ſondirte die Wunde.
„Es gibt nichts ſchöneres als eine regelrechte Amputation! Ich mache mein Werkzeug bereit.“
„An dieſem Burſchen werden Sie es nicht ge⸗ brauchen, Sie blutgieriger Menſch, dem hoffe ich ſein Bein zu erhalten.“
„Wo denken Sie hin, Herr Oberarzt,“ entgegnete mißmuthig Brummer.„Was wird er davon haben. Einen krummen Knochen und ein ſchadhaftes Bein. Laſſen Sie es mich abnehmen und er ſoll den ſchönſten Stelzfuß haben, welcher aufzutreiben iſt.“
„Es geht nicht, Brummer, es geht nicht.“ Der Oberarzt hatte den Granatſplitter und die zerſchmet⸗ terten Knochenſtücke entfernt und legte nun mit Hilfe Brummers dem Verwundeten die Schienen an. Ein dankbarer Blick des Mannes lohnte ihm die Errettung des Beines.
Brummend bezeichnete Brummer den nächſten Patienten. Auch dieſem wollte er das Bein abnehmen, obſchon er die Wunde in der Bruſt hatte.
„Laſſen Sie mich einen Fuß amputiren, Herr Oberarzt“ flehte Brummer,„dem Manne da ſchadet es nicht, denn er iſt, wie ich eben ſehe, todt, und mir nützt es, denn ich bin zum Militär gegangen, nur um regelrechte Amputationen vornehmen zu können.“
„Wir haben keine Zeit zum ſtudiren, Brummer,“
erwiederte der Oberarzt,„denn es gibt noch viele Kranke da. Schafft die Leiche bei Seite,“ wendete er ſich zu den Sanitätsſoldaten, welche den Leichnam vom Tiſche hoben, ihn neben Gramonz niederlegten und mit dem Mantel bedeckten.
Während die übrigen Verwundeten unterſucht und verbunden wurden, ſuchte Gramonz, ohne bemerkt zu werden, dem Leichnam den Soldatenmantel zu ent⸗ ziehen und ſich ſelbſt damit zu bedecken. Es mußte dies ſehr vorſichtig geſchehen, denn die Sanitätsſoldaten gingen fort ab und zu und hätten gewiß jede größere Bewegung bemerkt und nach deren Urſache geſehen. Es gelang. Nun galt es, den Platz zu gewinnen, auf wel⸗ chem die Todten niedergelegt wurden. Dies konnte ſchon leichter geſchehen, denn die Schlacht hatte bereits zahlreiche Opfer gefordert und der Verbandplatz war mit verwundeten und todten Soldaten bedeckt und immer noch wurden andere gebracht.
Die Situation des Majors war nun ſchon eine beſſere erforderte aber noch immer viel Selbſtüberwin⸗ dung und Ruhe. Obwohl er ſich an die Spitze des Haufens der Leichname niedergelegt hatte, wurden doch immer andere herbeigetragen und ſo energiſch auf ihn hinaufgeworfen, daß er alle ſeine Kraft anſtrengen mußte, um nicht aufzuſchreien und ſich zu verrathen.
So ging es fort bis zur Dämmerung und immer ſchwerer wurde die fürchterliche Laſt, welche auf ihn drückte mit der Starrheit des Todes.
Endlich brach die ſo lang erſehnte Nacht herein und ſtill wurde es am Verbandplatze. Brummers ſehnlichſter Wunſch war wiederholt in Erfüllung ge⸗ gangen, er hatte amputirt, daß ihm das Herz im Leibe lachte, und ruhte nun aus von den Mühen des Tages, in dem ſüßen Bewußtſein, daß die Abſicht, in welcher er zum Militär gegangen war, erreicht ſei und noch öfters erreicht werden würde. Gramonz aber kroch unter den Leichnamen hervor, hüllte ſeine erſtarrten Glieder in den Mantel, ſuchte und fand einen Säbel, den er für allfällige Vorkommniſſe mit ſich nahm, und ſchlich vorſichtig zwiſchen den Lagerfeuern, dem Schlacht⸗ felde zu.
— Ich bin frei,“ jubelte ſein Herz,„frei, um meine Pläne verfolgen oder mich rächen zu können, wenn ich mein Ziel nicht erreiche. Zugeſchworen habe ich es mir, als ich unter den kalten, ekelhaften Leichen lag, die einzig lebende Bruſt in dem Magazin des Todes! Zu⸗ geſchworen habe ich es mir, Bertha zu beſitzen, um an ihrem Herzen erwarmen zu können, verſcheuchen zu können die Kälte, welche ich an der Bruſt des Todes gelitten!— Mein ſoll ſie ſein, oder ich will darüber zu Grunde gehen.“ Er erreichte glücklich die däniſchen
Truppen. (Fortſetzung folgt.)


