QHängſtigt uns tiefe
194 Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
niederzulaſſen pflegen, um Familien⸗ oder örtliche An⸗ gelegenheiten, vielleicht auch die hohe Politik zu be⸗ ſprechen, welche ihnen ja derzeit ſo ſehr an Hals und Kragen geht. Wenn aber der freundliche Leſer mit uns die Straße hinabwandelt, wird er ſich wundern, daß
alle dieſe Stätten der Ruhe verwaiſt ſind und Erlenhof
ausgeſtorben ſcheint. Hat unter den Bewohnern des Dörfchens vielleicht die Peſt gewüthet und ſie ſammt und ſonders vertilgt? Leer ſind die Häuſer, leer das Kirchlein, obwohl die Pforte desſelben weit offen ſteht, als ſollte gerade Gottesgienſt gehalten werden. Treten wir daſelbſt ein, um uns zu überzeugen, ob wir recht vermuthet haben. O weh, hier ſieht es nicht nach Gottes⸗ dienſt aus. Das Gotteshaus iſt verwüſtet, die Bänke ſind zerſchlagen, der Altar beraubt, es ſcheint eine Van⸗ dalenhand hier gewüthet zu haben. Beängſtigt eilen wir hinaus und treten in das Nachbarhaus. Es iſt größer wie die übrigen Häuſer und wenn wir däniſch verſtünden, könnten wir leſen, daß es die Pfarrſchule ſei. Da auch hier die Pforte offen ſteht, können wir un⸗ gehindert eintreten. Das erſte Gemach, ſeiner Größe und ſeiner Einrichtung nach das Schulzimmer, iſt leer und alle Effekten in ſolcher Unordnung, als ob auch hier ein heftiger Kampf gewüthet hätte. Auch hier be⸗ Stille. Doch was iſt das? War das nicht das Jammern eines Kindes? Horchen wir doch, ob es ſich nicht erneut?— Schon wieder? Gewiß, ſo bitterlich weint nur ein Kind, ein angſterfülltes Kind. Die Töne kommen aus der Nebenſtube. Treten wir demnach ein, vielleicht bringen wir Hilfel—
Gerade dieſelben Gedanken drängten ſich dem Lieutenant Wall auf, als er, freilich einige Stunden ſpäter als wir es gethan, Erlenhof beſetzt hatte und nun nach den Bewohnern desſelben ſuchte. Auch er be⸗ ſann ſich keinen Augenblick und trat in das Gemach, woraus die Klagelaute eines Kindes drangen. Welchen Anblick hatte er da?— Ein alter Mann mit ſchnee⸗ weißen Haaren war an das Fenſterkreuz angebunden. Der ſtarke Knebel in ſeinem Munde hinderte ihn am Hilferufen, zu ſeinen Füßen wand ſich ein kleines, kaum dreijähriges Kind und weinte und jammerte, da ihm Großväterchen keine Antwort zu geben vermochte. Das arme Kind mochte außer der Angſt um den alten Mann, deſſen Regungsloſigkeit es ſich nicht erklären konnte, auch noch Hunger und Durſt haben, denn die im Geſichte des Alten ausgeprägte Reſignation zeigte, daß er ſich ſchon längere Zeit in dieſer fürchterlichen Lage befinden müſſe. Aber wie ein Sonnenſtrahl flog es über ſein Geſicht, als er in dem Eintretenden einen Oeſterreicher erblickte. Der Blick zum Himmel mochte ein Dankgebet hinaufgetragen haben, kurz aber inbrün⸗ ſtig. War ja doch die Hilfe mitgekommen.
Im Nu fielen die Bande des alten Mannes und ſeine erſte Bewegung war eine Umarmung des kleinen Mädchens.„Meine Marie,“ rief er und drückte das Kind an ſeine Bruſt,„weine nicht, Du holder Engel, wir ſind gerettet.“
„Mich hungert, Großväterchen,“ jammerte die
ſah ſich in der Stube um, ob er nicht eine Erfriſchung für die Kleine ausfindig machen könnte, aber da ſah es kahl und traurig aus. Alle Schränke ſtanden offen und leer. Doch nicht umſonſt hatte die Kleine gejammert. Der brave Berger, welcher dem Lieutenant wie ſein Schatten folgte, hatte die Klage der Kleinen gehört, trat nun vor und reichte ihr ein ziemliches Stück Komißbrod, groß genug, um ihren Hunger auf einige Tage zu ſtillen.
„Da, kleines Mädchen,“ ſprach er treuherzig und gab ihr das Brod,„es iſt mein Frühſtück. Wußte ich doch nicht, warum es mir nicht ſchmecken wollte. Nun weiß ich es, Dir thut es beſſer als mir.“
Gierig aß die Kleine und Berger wollte ihr nun auch ſeine Rumflaſche reichen, da er meinte, trocken ſei das Brod nicht verdaulich genug, aber Wall hielt ihn ab und erſuchte ihn, Waſſer zu holen, welches dem Mädchen zuträglicher wäre, als Rum.
Wenn dies auch Berger nicht einleuchtete, folgte er doch ſeinem Officier und ging. Die Rumflaſche ließ er aber zurück, und einige Tropfen genügten, um die Lebensgeiſter des Alten ein wenig aufzufriſchen. Kurze Zeit darauf war die Stube nicht wieder zu erkennen. Wall und der Alte hatten Tiſch und Stuhl geordnet, Berger hatte Feuer gemacht und unſere Geſellſchaft ſaß um den Ofen herum, ſich wärmend und der Erzählung des alten Mannes lauſchend.
„Ich bin der Schulmeiſter von Erlenhof,“ ſprach der Alte,„und deutſch, wie alle Bewohner des Dorfes. Ihr könnt nicht glauben, Herr, was wir in der letzten Zeit von den Dänen auszuſtehen hatten. Unſere Kinder durften an öffentlichen Orten nicht deutſch ſprechen, denn es war verboten, ich durfte nicht in meiner Mutter⸗ ſprache unterrichten, denn es war verboten, ja nicht ein⸗ mal beten durften wir in deutſcher Sprache, denn der uns aufgedrungene Pfarrer, ein Däne, geſtattete es nicht. Klagten wir, ſo wurden wir gar nicht angehört, wenn wir nicht däniſch klagten, und klagten wir däniſch, behandelte man uns däniſch, d. h. man gab den Dänen Recht. Wir Alten, die wir uns am Befreiungswerke von 1848 betheiligt hatten, wurden genau überwacht, denn man traute uns nicht. Die inzwiſchen herange⸗ wachſene Jugend wäre uns entfremdet worden, wenn wir nicht im Geheimen die Mutterſprache gepflegt, deutſche Geſinnung mit Wort und That gewahrt hätten. Was für ein Leben ich, der Schulmeiſter des Ortes, führte, könnt Ihr Euch denken. Ich trug immer die Schuld, wenn unſere Jungens mit den Dänen Händel bekamen, und man hätte mich ſchon lange von hier ent⸗ fernt und meines Dienſtes entlaſſen, wenn ſich für die erbärmliche Zahlung ein Däne zum Schulmeiſter herab⸗ gelaſſen hätte. Doch all die Gewaltherrſchaft nützte nichts, ſie ſtählte unſern Trotz und machte uns erfin⸗ deriſch. Wie unſere Knaben und Mädchen heran⸗ wuchſen, ſchickten wir ſie nach Hamburg und weiter nach Deutſchland hinauf und verſorgten ſie auswärts, damit ſie deutſche Sitten und Geſinnung bewahrten. Der Druck war unausſtehlich geworden, als plötzlich wie ein Donnerſchlag die Nachricht von der Intervention
Kleine und preßte den alten Mann an ſich. Wall· der Mächte ertönte. Nun erſt ward unſere Lage


