Jahrgang 
1864
Seite
127
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Feuilleton. 127

zeigen, Mittelwörter, z. B. leben, ſo gibt es auch unter den Menſchen viele, die nichts zu thun und nichts zu leiden haben, das ſind die Mittelzeitmenſchen, Menſchen, die ſo viel Mittel haben, daß ſie mit der Zeit gar nichts anzufangen wiſſen. Die Männer ſind die regelmäßigen Zeitwörter, d. h., Einer wird von der Frau ſo abgeändert, wie der Andere. Die Frauen ſind die unregelmäßigen Zeitwörter. Eine jede Frau oder Konjux muß auf eine andere Art konjugirt, d. h. abgeändert werden. Die Frauen ſind wie unregelmäßige Zeitwörter ſtets nur in der halbvergangenen Zeit einſylbig, nie in der gegen⸗ wärtigen Zeit, und ſie haben auch das mit den unregel⸗ mäßigen Zeitwörtern gemein, daß ſie in der zweiten und dritten Perſon oft abweichen.

Montaigne pflegte in ſeinen Schriften ſich gewöhn⸗ lich des Ausdruckes zu bedienen:Das werden wir hier unten gleich weiter beſprechen.

Eines Tages, als er auf einer ſteilen Treppe ausglei⸗ tete und ſein untenſtehender, träger Diener ihn auf ſich zuſtürzen ſah, ſchrie dieſer Tölpel, ſtatt ſeinem Herrn zu Hilfe zu eilen, ihm ängſtlich entgegen:

O mein Gott! gnädiger Herr, wie wird das werden?

Der kaltblütige Montaigne, der nicht ſo leicht den Kopf verlor, antwortete im vollen Hinunterpoltern:Das werden wir hier unten gleich weiter beſprechen.

Ein kleiner Junge hatte die Unart, Leuten ihre körperlichen Gebrechen vorzuhalten. Da einmal Jemand mit einem Ungeheuer von Naſe bei den Eltern des Kna⸗ ben, prägte ihm die Mutter ein, ja nichts von der großen Naſe des Herrn zu ſagen. Der Mann mit der

roßen Naſe kam,; der kleine Knabe ſtarrte ihn an, wendete ic alsdann zu ſeiner Mutter und ſagte:Ei Mama! was für eine niedliche kleine Naſe der Herr hat.

Ein betrunkener Soldat, der mit ſeinem Korporal Streit anfing, ſagte endlich zu ihm:Schweig, Du biſt gar kein Mann!Ich werde Dir's gleich beweiſen, antwortete der Korporal, indem er den Säbel zog.Un⸗ möglich! erwiederte der Betrunkene,hör' nur einmal den Hauptmann an, wenn er die Wache ſtellt; ſagt er nicht immer: Für dieſen Poſten ſechs Mann und ein Korporal? Du ſiehſt alſo wohl, daß ein Korporal kein Mann iſt.

Kleine Prager Chronik.

Die todte Saiſon iſt in der Blüthe. Wer nicht durch Beruf oder Geldmangel an Prag gefeſſelt iſt, hat ſeine Koffer gepackt und iſt in ein Bad gegangen, theils um geſund, theils um krank zu werden. Die halbe Bebölke⸗ rung Prags hat Urlaub erhalten und ſo gibt es auch unter den, dem hieſigen Theater angehörigen Künſtlern mehr Urlauber als dienſttaugliche Mannſchaft. Hitze und kaltes Waſſer ſind die Triebfedern unſeres ſocialen Lebens; Hitze, daß man kalt werden möchte, und kaltes Waſſer, dißen man ſich hitzig bedient, um ſich abzukühlen. Die Badeanſtalten ſind überfüllt und man muß oft ſtunden⸗ lang warten, ehe man ſo glücklich iſt, ein Bad zu erhal⸗ ten. Während dieſer Zeit wird der Mangel an guten wohleingerichteten und zahlreichen Badeanſtalten erſt recht fühlbar. Wir haben freilich drei Schwimmſchulen, mit denen Bäder verbunden ſind, aber auf dieſe dürfen wir nicht reflektiren, weil ſie in ſolcher Entfernung von dem Mittelpunkte der Stadt liegen, daß ſie nur demjenigen ur Abkühlung dienen, welcher ſo glücklich iſt, ein Paar Pferde zu beßben, um ſich dahin und zurück führen zu laſſen. Der bei weitem größere Theil der Bevölkerung, deſſen Fahrgelegenheit die eigenen Füße ſind, iſt auf die Bäder der Sophien⸗ und Schützeninſel angewieſen, welche ſich aber als völlig unzureichend beweiſen. Man betrachte

inmal die Badeanſtalten Dresdens, deren es in großer Anzahl gibt, zu denen man mit gedeckten Gondeln ge⸗ langen kann, und dann wundere man ſich über den ge⸗ ringen Unternehmungsgeiſt der Prager, welche, auf Duo⸗ deldadesntalten angewieſen, es nicht verſuchen, gute und billige Bäder, welche ſich gewiß rentiren würden, herzu⸗ ſtellen. Die Badefrage iſt eben ſo wichtig, wie die Gas⸗ beleuchtungsfrage, und es wäre an der Zeit, daß die Väter unſerer Stadt auch ihr die nöthige Aufmerkſamkeit ſchenk⸗ ten. Freilich iſt es wahr, daß man abgekühlt werden kann ohne Bäder, aber dieſe Manier des Badens iſt nicht für jeden Sterblichen. Bedeutend abgekühlt wurde in der letzten Zeit der Bühnenleiter Prags, welcher, wie wohl⸗ unterrichtete Journale berichteten, mit intendanzlichen Ver⸗ warnungen douchirt wurde. Die Intendanz, müde des ewigen Experimentirens und der Mangelhaftigkeit unſerer Vuhrenzuſtände⸗ ſoll die Direktion zu der kontraktlichen Kompletirung der Geſellſchaft und zur Herſtellung eines anſtändigen Repertoirs verhalten und die Vidimirung der Kontrakte einiger unzureichender Mitglieder verweigert haben, und wir ſchöpfen demnach Hoffnung, daß endlich der Wirthſchaft von einem Tag auf den andern ein Ziel geſetzt wird. Wir zweifeln nicht, daß die Direktion den beſten Willen hat, Gutes zu leiſten, aber ſie thut ſehr wenig, um dieſen Willen zu manifeſtiren. Gäſte über Gäſte und kein Zweck dabei. So ließ man einen Herrn Leuchert gaſtiren, welcher alle Räuber und ſonſtige Helden des Joſefſtädter Theaters intereſſant machte, auf der hie⸗ ſigen Bühne auftreten und gab ihm Schillers Karl Moor hin, beabſichtigt auch, ihm Goethe's Fauſt zu opfern. Goethe's Fauſt bei ſechsundzwanzig Grad Hitze iſt ein abſchreckendes Beiſpiel für das Publikum und die beſte Manier, es dem Theater ferne zu halten. Das Schauſpiel iſt noch am beſten daran, ungleich ſchlechter ſteht es mit der Oper und dem Ballet. Unſere Oper iſt auf eine hervorragende Sängerin beſchränkt und dieſe fungirt nun unter den Beurlaubten. Wir haben eine theuer gezahlte Solotänzerin und einen theueren Balletmeiſter, aber der Dünkel dieſer Tanzkoryphäen hindert ſie, in der Oper oder der Poſſe mitzuwirken, ſie treten nur ſelbſtſtändig als Zwi⸗ ſchenaktausfuller auf. Hiezu ſind ſie nun freilich nicht be⸗ rühmt genug, und die Direktion wirft die hohen Gagen rein zum Fenſter hinaus, da jene, welche ſie beziehen, gar keinen Zweck haben. So kränkeln denn unſere Theater⸗ verhältniſſe unter halben Maßregeln fort, und nur die hohen Gagen ſind das Gewiſſe unſerer Bühnenleitung. Wir haben keine Beuefizen, denn dieſe ſind eines großen Theaters nicht würdig, aber wir haben doch Benefizen, denn Herr Schütky bekam eine ſolche. Wir haben kein Rollenmonopol, aber wir haben es doch, denn es werden Ausnahmen gemacht, welche zahlreicher ſind, um als Aus⸗ nahmen gelten zu können. Wir haben ein Ballet, aber wir haben keines, denn es wäre Geringſchätzung der Kunſt unſerer Koryphäen, wenn ſie im Enſemble mitwirkten, kurz, wir haben eine Direktion und wir haben keine, denn man merkt nichts von einer einheitlichen Leitung. Dafür aber haben wir eine neue Einrichtung, welche wir bisher nicht kannten, die Claque, und dieſe benützt den Sommer und den Abgang des eigentlichen Publikums, um all⸗ abendlich Proben abzuhalten. Bis zum Winter dürfte ſie recht geübt und ihrer Sache gewiß ſein, doch zweifeln wir, daß ſich unſer Publikum dies neue Inſtitut gefallen laſſen wird. Während das deutſche Theater alſo weiter⸗ vegetirt, macht Direktor Liegert mit Franzoſen, Spaniern und Italienern gute Geſchäfte. Gerade jetzt füllt das ſpaniſche Einhaxl Donato I. die Räume des Neuſtädter Theaters und da Liegert ſo klug war, mit Opern die übrigen Abende auszufüllen, iſt es vornehmlich das deutſche Publikum, welches dieſe Vorſtellungen beſucht. Es iſt dies freilich nicht von Dauer, immerhin aber ein unein⸗ bringlicher Verluſt für den deutſchen Theaterdirektor. Möge es ſich bald zum Beſſern wenden.

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