Jahrgang 
1864
Seite
126
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Feuilleton.

ternde Erdbeben von Liſſabon ſtattfand, zeigte der Karls⸗ bader Sprudel nicht die geringſte Veränderung, während andere Quellen, wie z. B. die Teplitzer, zeitweilig ver⸗ ſiegten und weſentlich alterirt worden ſind. Die Furcht einiger ängſtlichen Kurgäſte, unter den Trümmern Karls⸗ bads begraben oder von ſeinen heißen Quellen über⸗ fluthet zu werden, möchte demnach wohl ſchwerlich be⸗ gründet ſein.

Das Hauptleiden, wogegen die Heilquellen mit Er⸗ folg gebraucht werden, iſt das große Heer der Unterleibs⸗ krankheiten in ihren verſchiedenſten Formen. Man findet daher unter den Kurgäſten eine Galerie von hypochon⸗ driſchen Individuen von allen Graden und aus allen Klaſſen, von dem an leichten Verdauungsbeſchwerden lei⸗ denden, roſig blickenden Lebemann bis zum tief verſtimm⸗ ten, ſchwarzgalligen Staatshämorrhoidarius, der ſich über die Fliege an der Wand ärgert und die ganze Welt für einen Höllenpfuhl hält. Man ſieht ſolche Exemplare, die dem geiſtreichen Zeichner derFliegenden Blätter zum Modell und Studium dienen können. Gelb iſt die Haupt⸗ farbe der Kurgäſte, die in den mannigfachſten Schatti⸗ rungen beobachtet wird, von der hellen, kaum merklichen Färbung der Augen bis zu den dunkelſten, in's Braune und ſelbſt Schwärzliche übergehenden Tinten des ganzen Körpers. Im Ganzen ſieht man in Karlsbad mehr wohl⸗ genährte als magere oder abgezehrte Patienten.

Für die Unterhaltung und Zerſtreuung der Kurgäſte iſt durch verſchiedene Lokale und Vergnügungsorte geſorgt. Von jeher beliebt iſt die Morgenpromenade nach dem Poſthofe, wo man den wahrhaft klaſſiſchen Kaffee den Hochgenuß des Karlsbader Badelebens, nach beendeter Brunnenkur mit dem ausgezeichneten Gebäck zu verzehren pflegt. Letzteres bringt gewöhnlich jeder ſich felbſt in der bekannten grauen Papierdüte mit. Unter den Bäckereien iſt die derſchönen Bäckerin beſonders berühmt, nicht nur durch die Trefflichkeit ihrer Waaren, ſondern auch durch die Schönheit ihrer Beſitzerin, die, obwohl ſie be⸗ reits Großmutter iſt noch immer zahlreiche Bewunderer ihrer gleich ihren Milchbroden undKüpfeln ſtets fri⸗ ſchen Reize findet. Andere beliebte Spaziergänge führen nach dem Freundſchaftsſaal, Kaiſerpark und Hammer, wo eine bedeutende Porzellanfabrik ſich befindet, nach dem romantiſchen Hirſchenſprung, zu der Ruine Engelhaus, zu den von Theodor Körner beſungenen Rieſeneichen von Dallwitz welche wohl ein Jahrtauſend und mehr erlebt haben und kaum von fünf Menſchen umſpannt werden können, nach dem Hans Heiling ⸗Felſen mit ſeiner poeti⸗ ſchen Sage, die dem talentvollen Marſchner den Stoff zu ſeiner bekannten Oper gegeben hat. Nicht minder ſehenswerth iſt das nahe Schlackenwerth, wo der frühere Großherzog von Toskana in ſtiller Zurückgezogenheit lebt, und der Sauerbrunnen Gießhübel mit der König⸗Otto⸗ Quelle, welche ebenfalls an einen Monarchen außer Dienſt, der hier zur Kur verweilt, uns erinnert.

Ueberhaupt fehlt es nicht an intereſſanten hiſtoriſchen Reliquien. Auf dem Wege nach dem Hirſchenſprung be⸗ merkt man eine ſchwarze Marmorplatte, auf der in gol⸗ denen Buchſtaben der Name Peters des Großen glänzt. Der originelle Begründer der ruſſiſchen Macht verweilte hier zur Kur und ritt auf einem ungeſattelten Bauern⸗ pferde bis zu dieſer Stelle, wo er in das damals noch vorhandene Kreuz die Buchſtaben M. S. P. I.(manu sua Petrus primus) einſchnitt. Ein andermal half er beim Bau eines Hauſes den dabei beſchäftigten Bauleu⸗ ten, indem er mit Mörtel und Kelle fleißig hantirte. Das Trinkgeld, welches er bei dieſer Gelegenheit den Maurern ließ, war jedoch ſo gering, daß der naive Chro⸗ niſt dieſes ausdrücklich bemerken zu müſſen glaubte. Mit Peter dem Großen zu gleicher Zeit war auch der be⸗ rühmte Leibnitz in Karlsbad anweſend. Beide verkehrten viel mit einander, und der geniale Czaar ſetzte, den Werth der Wiſſenſchaft wohl zu ſchätzen wiſſend, dem großen Philoſophen einen Jahrgehalt von 1000 Dukaten aus.

Auch mancher ausgezeichnete Dichter und Künſtler ſuchte

in Karlsbad Hilfe gegen die Leiden des Körpers, von denen grade die geiſtreichſten Männer am meiſten heim⸗ geſucht zu werden pflegen. Hierher kam der edle Schiller, um die gebrechliche Hülle zu reſtauriren, welche den idea⸗ len Geiſt umſchloß, ohne jedoch die gewünſchte Geneſung zu finden. Weit öfter erſchien ſein Freund Goethe in Karlsbad, der in den Jahren 1809 16 zu den Stamm⸗ gäſten der Heilquelle gezählt werden konnte und ſich im Verkehr mit den hohen und höchſten Herrſchaften beſon⸗ ders wohlgefiel wie er dies ſelbſt in ſeinen Tagebüchern ausführlich berichtet. Behaglich und vornehm bewegte ſich der Dichterfürſt in den ariſtokratiſchen Kreiſen, bald ein Gelegenheitsgedicht zu Ehren der Kaiſerin von Oeſter⸗ reich anſtimmend, bald an der Seite des Fürſten Reuß promenirend, der ihm ſtets einfreundlicher Gönner war, bald mit Studien und geologiſchen Unterſuchungen beſchäftigt, wozu die eigenthümliche Beſchaffenheit des Ortes und die Gebirgsformationen in der Nähe ihm rei⸗ ches Material und Anregung boten. Auch die Liebe ſpielte dem faſt ſiebzigjährigen Dichter noch einmal mit, indem eine junge reizende Dame ihn dermaßen entzückte und feſſelte, daß er ihr ungeachtet ſeines hohen Alters, im Gefühl ſeiner unſterblichen Jugend, Herz und Hand anbot. So ſchmeichelhaft und ehrenvoll der Antrag war, ſo wurde er dennoch zurückgewieſen. Dieſer zierlich ge⸗ flochtene Korb verleidete dem Dichter den ferneren Auf⸗ enthalt in Karlsbad, wohin er ſeitdem nicht mehr zu⸗ rückkehrte. Mit ihm verweilte und verkehrte auch Beetho⸗ ven, der, im Gegenſatz zu Goethe, die hohe Geſellſchaft der fürſtlichen und ariſtokratiſchen Elemente faſt mit be⸗ leidigendem Trotze mied und dem Dichter ſein Mißfallen über deſſen Servilität öfters unumwunden zu verſtehen gab. Kaum dem Tode bei dem meuchleriſchen Ueber⸗ fall der Lützow'ſchen Jäger durch die Franzoſen entron⸗ nen, eilte Theodor Körner nicht ohne Gefahr aus Leipzig wo er ſich in dem Hauſe eines Freundes zur Herſtellung ſeiner Wunden verborgen hielt, nach Karlsbad zu ſeiner mütterlichen Freundin Eliſe von der Recke. Hier erholte er ſich im trauten Umgange mit den edelſten Männern und Frauen, in der reizenden Natur der er mit man⸗ chem ſchönen Liede dankte. Von jüngeren Dichtern zähl⸗ ten der unglückliche Lenau, Geibel, Alfred Meißner, der in Karlsbad geboren iſt, und Heinrich Laube zu den Be⸗ ſuchern der bewährten Heilquellen.

Bonbons.

Neulich empfahl ein Handelsmann in Paris auf der Straße der ihn umgebenden Menge ſeine Raſirmeſſer mit folgenden Worten:Dieſe Raſirmeſſer, die ich in der Hand halte, ſind bei dem Scheine eines Diamanten in einer Höhle in der Provinz Andaluſien in Spanien verfertigt. Sie ſchneiden ſchnell wie ein Gedanke und glänzen wie der Morgenſtern. Ich will nur zwei Worte ſagen und bin feſt überzeugt, daß Ihr mir dann abkauft. Legt dieſe Meſſer beim Schlafengehen unter das Kiſſen und am andern Morgen werdet Ihr über und über rafirt ſein.

Ein inſolventer Kaufmann, der aus ſeiner Kon⸗ kursmaſſe eine recht anſtändige Unterſtützung bezog und noch außerdem unbekannte Zuſchüſſe erhielt, wurde einſt gefragt:Sie machen doch keine Geſchäfte und leben höchſt anſtändig; wo bekommen Sie nur das Geld dazu her?Die Maſſe muß es bringen, war die Antwort.

Die Menſchen ſind wie die Zeitwörter. Sie werden eingetheilt in thätige und in leidende. Leider iſt im Leben der Fall, daß gerade die Sbät gen zugleich die Leidenden ſind und oft muß der Eine leiden, für das, was der Andere that. Wie es unter den Zeitwörtern Wörter gibt, die weder ein Thun noch ein Leiden an⸗