Jahrgang 
1864
Seite
94
Einzelbild herunterladen

94 Feuilleton.

Ueber das Publikum erhalten wir genauere Nachricht von einem öſterreichiſchen Officier, deſſen Briefe wir Fol⸗ gendes entnehmen.

Es iſt von Padua die Rede. Unſere Oper iſt wieder weg, doch wird am 26. eine neue eröffnet, eine Unter⸗ nehmung von drei hieſigen Bürgern, die ein altes Thea⸗ tergebäude zu dieſem Zweck neu hergerichtet haben. Die letzten Aufführungen der Geſellſchaft nahmen ein klägli⸗ ches Ende. So gaben ſie das erſte Mal Lucrezia Bor⸗ gia, nachdem Traviata und Ernani abgeleiert worden waren. Das Haus war gedrängt voll. Zum Unglück ging gar nichts zuſammen. Die Ouvertüre wurde ſchon ſo konfus geſpielt, daß das Orcheſter ausgepfiffen wurde. Der Anfang zum Pfeifen war gemacht und ſo verging nicht eine Nummer, die nicht ein ähnliches Schickſal er⸗ lebte. Im 2. Akte wurden die ohnehin entmuthigten Sänger und Sängerinnen auch noch heiſer und ein Kikſer folgte dem andern. Schallendes Gelächter und Pfeifen war die Folge.

Die Primadonna, ſonſt beliebt, verliert die Faſſung, kehrt ſich um und fängt zu weinen an. Die Couragir⸗ tereOrfino zupft ſie am Kleide und redet ihr etwas zu, worauf ſie wieder ſingt. Dem Tenor und Baſſiſten, die einen Fehler um den andern machen, zuletzt ſtecken bleiben, antwortet homeriſches Gelächter des ganzen Thea⸗ ters. Zur Verſtärkung zieht Galerie und Parterre(meiſt Studenten) Schlüſſel heraus, und nun beginnt ein Hei⸗ denſpektakel, wie ich ihn nie gehört. Es gibt überhaupt wohl kein rückſichtsloſeres Publikum als das italieniſche. Es hat kein Erbarmen und ein Fehler genügt, eine Sän⸗ gerin, die ſie kurz vorher lebhaft applaudirt haben, im nächſten Augenblick ſchändlich auszuziſchen. Es wird laut kritiſirt, der eine ruft der Primadonna, welche die Ge⸗ wohnheit hat, auf der Bruſt beſtändig eine Hand zu halten, die noch dazu etwas groß und vielleicht durch die Kälte roth iſt: via colla brutta man(weg mit der häß⸗ lichen Hand). Der Tenoriſt tritt einmal ungeſchickt auf die Bühne, ſogleich muß er von vielen Stimmen hören: oh Matto(o du Troddel). Der Baſſiſt hat die aller⸗ dings üble Gewohnheit, beſtändig ſeine Lippen mit der Zunge zu befeuchten, was ihm das Ausſehen gibt, als ob er äße. Galerie und Parterre ruft ihm beinahe einſtim⸗ mig entgegen:mangia a casa è non qui?(eſſe zu Haus und nicht hier).

Bei ſolchen lebhaften Aeußerungen haben die armen Teufel einen ſchweren Stand und es iſt nicht zu ver⸗ wundern, wenn ſie konfus werden und ſtecken bleiben. Der dritte Akt wurde gar nicht einmal zu Ende geführt. Nachdem Alle nach der Reihe noch fürchterlich ausgeziſcht und dies wieder Weinen der Primadonna, Steckenbleiben der Uebrigen zur Folge hatte, ſchrie das Publikum: basta, basta, via tultit(genug, genug alle abtreten!) Der Vor⸗ hang fiel und die lärmende Verſammlung verließ das Theater. Den nächſten Tag mußten ſie wieder Traviata

geben, da die Lucrezia ſo jämmerlich geſcheitert. Dieſe Oper ging noch am beſten, freilich ſchon etliche 20 mal heruntergeleiert. An dieſem Abend wurde die Prima⸗ donna mit Blumenkränzen ausgezeichnet und ſtürmiſch applaudirt, nachdem ſie geſtern ausgepfiffen worden. Ich ging deshalb auch ſelten in die Oper, weil es mir ein peinliches Gefühl war die armen Teufel ſo unbarm⸗ herzig behandelt zu ſehen. Zudem iſt ihre Vezahlung eine ſo geringe, daß man füglich um ſolches Judasgeld keine beſſere Leiſtung erwarten kann. So erhielten die Primadonna und der Tenor jedes nur 4 fl. per Vorſtel⸗ lung, die übrigen nur 2 und 3 fl. und keinen Heller mehr.

Kleine Prager Chronik.

Wir haben im letzten Hefte unſeren ſchönen Leſerinnen verſprochen, ihnen die Herrlichkeiten des Original Schaſ⸗ haxels zu beſchreiben, und wir halten hiermit Wort. Che

wir an eine Blumenleſe des geiſtreichen Textes gehen, wollen wir zum beſſeren Verſtändniß kurz die Handlung des großen dramatiſchen Werkes erzählen. Don Gusmann, ein jugendlicher Held ohne Geld, liebt die Mündel des ſpaniſchen Granden Don Loöpez, welche an den ſpaniſchen Junker Blödios verſprochen iſt. Da Gusmann keine Hoff⸗ nung auf Erfolg hat, will er ſich ſelbſt morden wird jedoch von der Fee Violetta daran gehindert, welche ihm zum Siege über ſeine Feinde durch Ertheilung eines Hammelfußes, einer Abart der Wünſchelruthen, verhilft. Don Blödios hat aber auch eine Beſchützerin, die Fee Kummervoll, welche ihm einen ähnlichen Talismann, näm⸗ lich einen Schweinsfuß, verleiht. Man ſieht, es iſt ein Kampf der Geiſter, der auf geiſtreiche Weiſe damit ein Ende findet, daß der Diener des Don Blödios, Lazarillerl mit Namen, welchem von Gusmann ein ungeheurer Hunger hinaufgezaubert wird, den Talismann ſeines Herrn ver⸗ ſpeiſt, worauf Gusmann ſeine Geliebte heimführt. Wir laſſen hier einige Pröbchen des äſthetiſchen Dialoges folgen.

Im erſten Akte beſtellt ſich Don Lopez, um den Widerſtand ſeiner Mündel zu brechen, ein halbes Dutzend alter Duennen. Lopez, Blödios und Lazarillerl halten fol⸗ gendes Geſpräch:.

Lopez. Don Blödios, kommen Sie her. Lazarillerl herein da!

Blödios. Ja, edler Don Lopez. Ich habe dieſen miſerabeln Gusmann eine Viertelmeile weit verfolgt. Fragen's nur den Lazarillerl.

Lazarillerl. Aber zuletzt haben wir geſehen, um uns armheebülletiniſch auszudrücken, daß es am Beſten iſt, unſere frühere innegehabte Stellung wieder einzunehmen.

Lopez. Wenn Sie ihn nur erwiſcht hätten!

Blödios. Wenn der Kerl in meine Hände gekom⸗ men wäre, ſo hätt' ich ihn als Powidlkompott zurückge⸗ bracht. Weil aber das nicht geſchehen iſt, können wir ihn nur in contumatiam verachten, denn ich bin ein fürchter⸗ licher Kerl, wenn ich anfange; fragen's nur den Lazarillerl!

Lazarillerl. Ja, mein Herr iſt ein fürchterlicher Kerl.

Lopez. Sie müſſen Leonore gegen die Angriffe ver⸗ theidigen, die Gusmann auf ſie macht. Der Weinberl is pfiffig, unternehmend

Blödios. Ich nimm's auf mit 10.000, wie er iſt.

Lazarillerl. Ah, da kennen Sie meinen Herrn nicht, was mein Herr aufnehmen kann! Mir ſcheint, Sie glauben's nicht ich werde gleich grob werden.

Lopez. Apropos, weil wir von grob ſprechen, Sie wiſſen doch, daß man eine zuwidere Duenna nimmt, wenn man ein junges Mädchen zu bewachen hat.

Blödios. Freilich, freilich!

Lopez. Sehen Sie, ich habe mir ein halbes Dutzend von den allerzuwiderſten verſchreiben laſſen, um die kleine Rebellin zu Paaren zu treiben.

Blödios. Die Sittlichkeit muß ihr zwangsweiſe beigebracht werden. Sie darf nie den Hügel des Laſters erklimmen, weil ſie dann um ſo ſicherer über die Rigol⸗ böſchung der Frivolität in den Abgrund der Verzweiflung ſtürzen könnte.

Lopez. Ich traue dem Stubenkatzel nicht, das ſie jetzt hat und erwarte meine Arguſerinnen. Jetzt iſt das Allernothwendigſte, daß Leonore an Ihnen Geſchmack finde.

Blödios. Kann es denn anders ſein? Ich bin ſchön von Geſtalt und Antlitz, liebenswürdig, luſtig, einſchmei⸗ chelnd. Bei alledem drängt ſich der Verſtand nicht im Mindeſten ſtörend in den Vordergrund. Was mein Ver⸗ mögen betrifft, ſo will ich Ihnen nur ſagen, daß ich ein Hochzeitskörbchen beſtellt hab', fünf Fuß breit und voll koſtbarer Gegenſtände. Ueberdies bin ich der alleinige Be⸗ werber, und muß ſchon aus dem Grunde allen Andern vorgezogen werden.

(Man hört Leonore und Brigitte lachen.)

Lopez. Ah, ich höre Leonore, ich will jetzt ein or⸗ dentliches Wort mit ihr reden.

1