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Feuilleton. 63
Hausbeſitzer, aber er kann nicht leben, ohne Komödie zu ſpielen, ſo recht, wie er will und wie man eben nur kann, wenn man keinerlei Gage verlangt, wie er es thut, doch — wunderbar! Dieſer tragiſche Held aus Paſſion und ohne Eigennutz, trotzdem er ſo billig iſt, wie kein zweiter theatraliſcher Kollege auf dem Kontinent, kann keinen Di⸗ rektor finden, denn er betreibt noch eine andere Paſſion mit eben ſo viel Leidenſchaft, er fängt für ſein Leben gern Fliegen. Und das kann er ſelbſt auf der Bühne nicht laſſen und ſo geſchah es einſt, daß er im erhaben⸗ ſten Moment, als er als Hamlet gerade über„Sein und Nichtlein“ reflektirt, urplötzlich einer Fliege nachſetzte, ohne ſich vom Publikum ſtören zu laſſen. Man nennt ihn ſeit⸗ dem den„Fliegen⸗Hamlet“.
Eine komiſche Figur ſpielt auch ein anderer dieſer Landkomödianten, ein grämliches Männchen, das auf Landbühnen Rollen von der Qualität und dem Umfange des bekannten Scholz'ſchen„Die Pferde ſind geſattelt“ ſpielt. Er offerirt ſich nämlich immer als Charakter⸗Dar⸗ ſteller und erſten Komiker, nimmt jedoch mit der beſcheidenen Stelle eines Bedienten⸗Darſtellers vorlieb und läuft dann als lebendige Anklage herum, der Direktor ſpiele ihm alle ſeine Rollen vor der Naſe weg. Die jugendlichen Liebhaber, die erſt die weltbedeutenden Bretter zu betreten anfangen und denen allen, wie ſie ſagen, verſprochen wurde, in ein, zwei Jahren an's Burgtheater zu kommen die Maſſe von Komikern, die alle das„Neſtroyaniſche Fach“(wie ſie ſich ausdrücken) ſpielen, die gealterte Dame, die noch immer mit fanatiſcher Verbiſſenheit das„jugendliche Fach“ ſpielen will, das Alles ſind die ſtehenden Figuren, die das ſonſt einförmige Bild der Komödianten⸗Börſe als komiſche Nu⸗ ancen unter brechen.
Zu bewundern gibt es an dieſen„Künſtlern“ wenig, wenn man nicht anders den Muth bewundern will, mit dem dieſe Menſchen allhalbjährlich ihren theatraliſchen Robot immer wieder aufnehmen. Möge die Herbſt⸗Börſe ihnen günſtig geweſen ſein
Kleine Prager Chronik.
Wir haben unſern ſchönen Leſerinnen gar viele und gewichtige Nachrichten zu geben, welche ihr Intereſſe rege zu erhalten gewiß im Stande ſein werden. Daß dieſelben vor Allem die Kunſt überhaupt, und das Theater insbe⸗ ſondere betreffen, verſteht ſich von ſelbſt, denn was kann unſeren Leſerinnen intereſſanter ſein, als die Kunſt und die — Künſtler. Vor Allem haben wir es mit einem Künſtler weiblichen Geſchlechts, mit Frl. Janauſchek zu thun. Dieſe, eine Pragerin, betrat im Monate Juli des Jahres 1845 zum erſtenmale die Bretter, ſo die Welt bedeuten. Als junges Mädchen ſchon verrieth ſie ungewöhnliches Talent, das ſich jedoch erſt dann in ſeiner ganzen Größe zeigte, als Frl. Janauſchek durch Alter und Bildung berechtigt wurde, in das Fach der Heroinen, der großen Frauen unſerer Klaſſiker zu treten. Als ſie in Grillparzers Medea zum erſten Male die Bühne betrat, empfing ſie das Publikum mit tiefem Stillſchweigen. Keine Hand rührte ſich, die berühmte Künſtlerin in ihrer Vaterſtadt willkommen zu heißen. Es war zu viel von ihr geſchrieben worden, und der Verdacht lag nahe, daß ein großer Theil der Lobes⸗ erhebungen Reklame wäre. Aber ſchon die erſte Scene überzeugte das Publikum vom Gegentheil. Medea ver⸗ wahrte ihren Schleier und das goldene Vließ und ein Sturm von Beifall lohnte die großartige Darſtellung der ungeheuerlichen Reſignation Medea's. Dieſer Beifall ſtei⸗ gerte ſich von Akt zu Akt, von Scene zu Scene. Die Künſtlerin, deren Organ durchaus nicht ſo gewaltig iſt, daß es ohne Bedenken und richtige Berechnung ſich an die rieſigen Forderungen einer Medea machen kann, hatte dasſelbe ſo vortrefflich zu verwenden gewußt, daß es bis zum letzten Athemzuge ausreichte und immer Kraft genug
hatte, wo Kraft gefordert wird. Nicht minder vortrefflich war die Darſtellung der Königin Eliſabeth in Laube's Eſſex. Frl. Janauſchek faßte die große Königin von ihrer rauhen Seite. Sie vergaß nicht, daß ſie jene Eliſabeth vorzuſtellen hatte, welche dreißig Jahre faſt unumſchränkt regirte, daß jene Eliſabeth auch ſelbſt in den Momenten, wo ihr Gefühl hervorbrach, immer Königin blieb, und nie⸗ mals ein exceſſives Weib wurde, als welches ſie von manchen Darſtellerinnen hingeſtellt wird. Aus Anlaß dieſer Rolle that ſich ein hieſiger Kunſtkritiker ſehr wehe. Er ſchätzt, und das mit vollem Rechte, die hieſige Repräſentantin der Rolle ſo ſehr, daß er ungerecht gegen ſie zu werden fürchtete, wenn er Frl. Janauſchek loben würde. Er überging demnach ihre Leiſtung als Eliſabeth mit Still⸗ ſchweigen und ſchadete damit dem Rufe ſeiner Unpartei⸗ lichkeit. Auch wir ſchätzen Frau Frey, auch wir erkeunen ihre wahre Künſtlerſchaft an, doch glauben wir ihr nicht nahe zu treten damit, daß wir neben ihr auch noch eine andere Künſtlerin ſchätzen und ihren Leiſtungen Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen. Doch kehren wir zu dem Gaſt⸗ ſpiel des Frl. Janauſchek zurück. Außer der Deborah, welche ſie ebenfalls meiſterhaft darſtellte, ſpielte ſie auch in Luſtſpielen: Der Ball zu Ellerbrunn, Damenkrieg, Das Tagebuch und errang auch damit einen bedeutenden Er⸗ folg. Doch können wir ihren Luſtſpielrollen nicht jene Bedeutung zuerkennen, welche ihren Leiſtungen im Drama zukommt. Auch im Luſtſpiel zeigt ſich überall und in Jedem die Meiſterin, aber es iſt alles ſchön gemacht, und nicht unwillkürlich, natürlich. Sie frappirt durch die vortreffliche Auffaſſung und das richtige Spiel, doch ſcheint es uns immer eine treffliche Kopie der Natur zu ſein, was wir ſehen, nicht die Natur ſelbſt. Natürlich iſt das Urtheil auf Grund jener Anforderungen baſirt, welche man an eine Künſtlerin erſten Ranges zu machen berechtigt iſt. Wie wir vernehmen, beabſichtigt Direktor Wierſing Frl. Janauſchek für einen großen Theil der Winterſaiſon zu gewinnen. Sollte ihm dies nicht zu koſtſpielig ſein und gelingen, dann hätte er ſich im Sturme die Sympathien jenes Theils des Publikums gewonnen, das Frau Burg⸗ graf noch immer nicht vergeſſen kann. Vederemo!
Auch die Oper iſt aus ihrer Tenorkalamität heraus. Herr Bachmann iſt völlig geneſen zurückgekehrt und wurde als Arnold im Tell ſtürmiſch und mit Blumen empfangen. Möge ſeine Geneſung eine wirklich nachhaltige ſein und ſeine prachtvolle Stimme in ihrer alten Stärke uns auch fernerhin entzücken. Im Neuſtädter Theater geht es in⸗ zwiſchen kunterbunt zu. Franzöſiſches Ballet und italieniſche Sängerinnen wechſeln mit einander ab und ziehen— deutſches Publikum. Die Letzteren haben ſchon zum viertenmale Abſchied genommen und ſind immer noch geblieben, wahrſcheinlich in Folge eines ihnen zugewor⸗ fenen gedruckten Wunſches in italieniſcher Sprache, von dem man vermuthet, daß er ihnen ſchon früher einmal irgendwo begegnet ſein ſoll. Gewiß iſt es, daß ihnen ein auf Atlas gedrucktes Exemplar überreicht wurde, und daß der Atlas in inniger Beziehung zu der böhmiſchen Theaterdirektion ſtand. Der Streit, ob das von den Franzoſen getanzte„Leben ein Traum“ wirklich Schaf⸗ haxl war oder nicht, iſt endlich zu Gunſten der Zweifler entſchieden, denn es wird das eigentliche in's Böhmiſche übertragene Schafhaxl zur Aufführung kommen und man hofft, auch damit das deutſche Publikum in's Neuſtädter Theater zu locken. Da aber in der Poſſe Schafhaxel ſehr viel Text vorkommt und man fürchtet, das deutſche Pu⸗ blikum ließe ſich hiedurch abſchrecken, wird der deutſche, in Wien aufgeführte Text gedruckt und verkauft werden. Auch eine ſchöne Gegend! Da kann man doch gleich im Theater praktiſche Ueberſetzungsſtudien machen, Aber wehe, dreimal wehe demjenigen, welcher die Idee hierzu gege⸗ ben hat. Wenn ſchon ein deutſcher Theaterzettel der Fried⸗ berg ihn an das Meſſer aller Feuilletoniſten und Refe⸗ renten geliefert hat, was wird ſein Lohn ſein für die Schöpfung eines ganzen deutſchen Textbuches!— Videant consules etc. etc.


