Jahrgang 
1864
Seite
62
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62 Feuilleton.

Ein junger Mann kam in ein Gaſthaus, aber alle Betten darin waren bereits beſetzt.Ich ſchlafe auf dem Billard, ſagte er.Wirklich?Ja. Den andern Morgen mußte er für dieſes Lager zwei Thaler bezahlen. Er wunderte ſich darüber und man gab ihm die Auskunft, daß der Gebrauch des Billards die Stunde ſechs Groſchen koſte, er habe von eilf Uhr Abends bis ſieben Uhr früh darauf gelegen und es mache demnach zwei Thaler aus.

Die Wiener Komödianten⸗Börſe.

Der Effekten⸗Börſe, der Produkten⸗Börſe hat man in Wien große monumentale Hallen gebaut die Komödian⸗ ten⸗Börſe aber muß man in einem traurigen Winkel der Vorſtadt aufſuchen, dortwo die letzten Häuſer ſtehen. In einem kleinen Häuschen, in welchem gewöhnlich Roß und Reiter vom Fuhrweſen untergebracht werden, ver⸗ ſammeln ſich zweimal des Jahres die Prieſter Thalia's und Melpomene's, die dramatiſchen Künſtler von Budweis, Leitomiſchl, Leitmeritz, Iglau, Znaim, Wels, Stockerau, Bielitz, St. Pölten, Stixneuſiedl ꝛc. ac. Am letzten April knarren die Thore all' der kleineren und größeren drama⸗ tiſchen Koſthäuſer(auch Theater genannt) der öſterreichi⸗ ſchen Provinzen in ihren Angeln und die große Schar der Mimen wallfahrtet nach Wien, wo auf der Komödian⸗ ten⸗Börſe neue Stellungen erobert werden müſſen. Don Karlos von Oedenburg und die Prinzeſſin Eboli von Rei⸗ chenberg, Richard der Dritte von Tetſchen und Uriel Acoſta von Eiſenſtadt, Fauſt von Czernowitz und Mephiſto von Wiener Neuſtadt ſie alle finden wir hier. Hut ab vor der deutſchen Kunſt! Hier geht ſie nach Brod und Bier. Da ſitzen ſie ſchon, die Prieſter der Provinz⸗Thalia, an den rohen Tiſchen, in beſter Debatte begriffen. Alle Idiome ſchlagen an unſer Ohr, Berlin, Wien, Sachſen, Baiern, Schwaben, Schleſien, auch Böhmen ſind da, alle mit ihrem Dialekt vertreten. Wie fallen da die verſchiedenſten Accente ſich in die Flanken, wie würgen die Sylben und Wörter einander, wie ſchneiden dieſe Leute das Einzige, was vielleicht in dieſem Augenblicke noch ihnen gehört, die Sprache, einander ab! Auf den Tiſchen dominiren der Pfiff Gulden und dasKrügel Lager, im Munde die Pfeife und die Renommage. Geſprochen wird raſch, getrunken viel langſamer. Beides hat ſeine wohlbe⸗ kannten Gründe.

Von dieſen Tiſchen aus werden die künſtleriſchen Sommer⸗Vergnügungen von ſo und ſo viel deutſchen Orten arrangirt, von dieſen Tiſchen aus wird ſchon jetzt über das theatraliſche Heil oder Unheil, das dieſem oder jenem Flecken für den Winter bevorſteht, verhandelt. Karl Moor hat ſein ganzes jugendliches Feuer, ſeine Kunſt, zu ſchwärmen und ſein mächtiges Organ, dem ſelten ein Landfräulein widerſtanden, für den Sommer wegzugeben. Wer pachtet? Ein gut disponirter Böſewicht mit grimmi⸗ ger Miene, Geßleriſcher Umgangsart, teufliſcher Unver⸗ ſchämtheit ſein Schneider iſt Zeuge iſtzu verlaſſen, wie die Wiener ſagen, und gleich zu beziehen. Wer will? Herein da, hier ſind Humor, Konverſation, feine Ma⸗ nieren, Anſtand, Allesfriſch fragt nur denEgerer Boten, denReichenberger Anzeiger, dasIglauer Sonn⸗ tagsblatt u. ſ. w. und billig zu verkaufen. Wer kauft? Ein komiſcher Alter gibt eine echt Scholziſche Natur, ſeinen kleinen dicken Corpus und ſeine zahnloſe Komik für den Winter weg, intelligente Direktoren erhalten für eine kleine Zulage auch noch ſein Weib als jugendliche Heldin oben⸗ drein. Ein Naturburſch überall, wo er war, nannte man ihn auf dem Lande ſchlechtwegden Flegel ver⸗ leiht ſeine Naivetät, ſeine rothen Backen und ſein mörde riſches Phlegma für eine accreditirte Bühne. Und Alles, Alles das will genommen, angeſtellt und vor Allem be⸗

zahlt ſein, und was noch mehr, Alles das wird auch wirk⸗

Während wir ſo die Situation erklärt, iſt das Ge⸗ ſchäft unvermerkt lebhaft geworden. DieHerren Direk⸗ toren ſind angekommen, zumeiſt kleine, unterſetzte Per⸗ ſonen, von der Laſt des Lebens, das heißt, des guten Lebens geröthet, ſchlaue Fuchsgeſichter, Brillen auf der Naſe, Ringe an den Fingern, die unvermeidliche Uhr mit Kette in der Weſtentaſche. Wie das lauert und lungert nach allen Seiten. Der jugendliche Held und Liebhaber wälzt ſein ſchwarzes Auge ausdrucksvoll aus den Höhlen heraus, unermüdlich wühlt er mit der Hand in den ſchwar⸗ zen Haaren, um die gehörige Genialität hervorzubringen, der Intriguant ballt voll frevleriſchen Selbſtbewußtſeins ſeine Rechte und will mit ſeinen Shakeſpeare⸗Citaten gehört ſein; der Mann für's Treumann'ſche Fach ſingt ein Couplet halblaut vor ſich hin, und für die Alle muß ein rechter Direktor Aug und Ohr haben.

Aus bunter Gährung heraus klärt ſich bereits der an⸗ gehäufte mimiſche Stoff, er iſt nahe daran, ſeine Form zu gewinnen. Offenbar hat ſich dies kleine Häuflein hier ſchon verſtanden, oder es iſt auf dem beſten Wege dazu. Der, Herr Direktor predigt ſeinen künftigen Untergebenen, er macht ſie mit den äſthetiſchen Sitten und Gebräuchen ſeines Landſtriches, mit dem Geſchmack, der bei ihm zu Hauſe gang und gäbe iſt, bekannt, er lenkt auf die Schwächen ſeines Publikums und auch auf ſeine eigenen ein. Natürlich verſchweigt er eine ſeiner größten Schwä⸗ chen, die häufig Gagenabzüge zu machen. Beim Liebha⸗ ber beſieht er Kopf, Augen, Mund, Zähne, Hand und Schenkeldas lieben unſre Madeln ſagt er, ſeinen Materialismus gleichſam entſchuldigend, er prüft ſeine Wohlgebautheit, das Andere kümmert ihn ſehr wenig. Je nach ſeiner männlichen Schönheit ſteigt die Gage von Gulden zu Gulden. Hat der Herr Direktor eine Ehehälfte bei ſich, ſo beurtheilt dieſe den Liebhaber. Vor ihr muß nun der junge Adinos beſtehen, er muß nicht allein ihren Blick aushalten das ginge noch an ſondern auch in reinerſinnlich überſinnlicher Weiſe erwiedern, denn der Direktor ſagt:ſie muß es wiſſen, ob Sie zum Lieb⸗ haber zu gebrauchen ſind. Auch des Naturburſchen Schick⸗ ſal liegt in ihrer Hand, ſie engagirt dieJungen, ihr Alter beſtellt dieAlten.

Arroganz und die Kunſt des Imponirens ſind wichtige Engagements⸗Faktoren. Der Direktor ſelbſt geht da mit beſtem Beiſpiel voran. Man hört z. B. einen ſolchen Bühnen⸗Dirigenten ganz freimüthig erzählen, wie er es mit dem Publikum halte. Er wollte ſeiner kleinen Stadt i.... das Vergnügen gewähren, die bekannte Berg'ſche PoſſeEiner von unſ're Leut kennen zu lernen, war aber nicht im Stande, gewiſſen Bedingungen nachzukommen, ohne die er dasBuch nicht erhalten konnte. Logen und Sperrſitze waren bereits zu höheren Preiſen genommen, die Vorſtellung in voraus angezeigt, denn das Stück war noch gar nicht in den Händen des Direktors, und es war keine Hoffnung da, es je zu bekommen. Was macht unſer Direktor? Er iſt nicht verlegen; in ſeiner langjährigen Geriebenheit läßt er eiligſt Leſſing'sNathan der Weiſe einſtudiren und ſetzt ihn unter dem Titel:Einer von unſere Leut(der nicht ohne Berechtigung iſt) auf den beſtimmten Tag an. Die Kunſtkenner des Städtchens lachten über den Witz, der größere Theil des Publikums aber konnte den Ruf des Stückes nicht begreifen, Leſſing's Einer von unſere Leut gefiel ihnen lange nicht ſo, wie ihnen Berg'sEiner von unſere Leut gefallen hätte. So ſetzt ſich der Herr Direktor auf imponirende Weiſe vor ſeinen künftigen Angehörigen in Scene und ſeine Künſtler wiſſen, was ſie zu erwarten haben, wiſſen, was ihnen bevorſteht.

Auch an Originalen iſt dieſe GattungMimiker nicht arm. Einige ſeien hier angeführt. Man zeigte dem Verfaſſer dieſer humoriſtiſchen Schilderung, die zuerſt in derOſtd.⸗Poſt zu leſen war, den ſogenanntenPaſ⸗ ſionsſchauſpieler, einen ſtattlichen, wohlgenährten Mann, deſſen ganzes Glück darin beſteht, in kleinen Städtchen zu

lich genommen, angeſtellt, wenn auch nicht immer bezahlt. tragiren. Der gute Mann iſt wohlhabend, er iſt ſogar

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