Jahrgang 
1864
Seite
60
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Feuilleton.

Der Mameluck wagt diesmal nicht mehr, ſeine Miſſion abzulehnen. Rigobert zieht, indem er ſeinen Gegner

erwartet, eine alte Pfeife aus ſeiner Taſche, ſtopft ſie

mit Kommißtabak und fängt an, keck zu rauchen.

Hr. Simonin kommt in Folge der Einladung Pamphile's und erbleicht vor Zorn beim Anblicke der mit vollem Dampfe arbeitenden Pfeife.

Was wollen Sie von mir, und warum erkühnen Sie ſich zu rauchen!

Das gehört nicht zur Sache, aber es handelt ſich da um ein ganz ernſteres Lied. Herr Simonin, Sie haben ſich gegen den Reſpekt, den Sie mir ſchulden, ſchwer vergangen, indem Sie mich einen Gaſſenjungen genannt haben, weil ich im Studienſaale einen Froſch losgebrannt habe, um mir die Langeweile zu vertreiben; ich habe alſo die Ehre, von Ihnen Satisfaktion 3 ver⸗ langen. Als Beleidigter habe ich die Wahl der Waffen. Nehmen Sie denjenigen von dieſen beiden Degen, wel⸗ cher Ihnen der angenehmſte ſcheinen wird; in Ihrem In⸗ tereſſe rathe ich Ihnen, mir das Stöckchen zu laſſen, wel⸗ ches mit dem Arme des Zirkels bewaffnet iſt, welcher die Schraube hat; die Spitze könnte ſich losmachen, und ich ziehe es vor, die Gefahr auf mich zu nehmen.

Mein Herr, Ihr Betragen iſt ſchändlich, murmelt der Studien⸗Aufſeher kirſchroth vor Zorn,und ich be⸗ fehle Ihnen, daß Sie aufhören zu rauchen.

Was Ihnen nicht einfällt; ich rauche immer bei meinen Duellen.

Kommen Sie mit mir zu Hr. Bonnard, Gaſ⸗ ſenjunge!

Wieder!

Der Tollkopf faßt eines ſeiner Stäbchen bei der Spitze, und macht Miene, Simonin zu ſchlagen. Dieſer, wüthend, wirft ſich auf den Zögling, ein Kampf bezinmi und bleibt lange unentſchieden; aber zuletzt wird Rigobert beſiegt und vor den Direktor des Penſionats geſchleppt.

In den Annalen der Pädagogik war ſo etwas un⸗ erhört; auch wurde der Schuldige in der nämlichen Sitzung verhört und verurtheilt und in den Arreſt geſchickt, um da über ſeine Ungeheuerlichkeiten reiflich nachzudenken.

Kaum iſt der Zuave in Sicherheit gebracht, als ein großer Lärm von zerbrochenenen Glasſcheiben ſich hören läßt.

Das iſt dumm, was Du da machſt, ruft ihm Pam⸗ phile durch die Thüre zu,Deine Strafe wird verdop⸗ pelt werden.

Ich brauche Luft, antwortet der Gefangene;außer⸗ dem kann ich die Tiſche nicht leiden, welche Füße haben.

Ein Krachen von Holz deutet an, daß Rigobert dem Tiſche diejenige Form gibt, welche er vorzieht.

Nachdem das Möbel umgewandelt iſt, tritt eine Stille ein.

Womit beſchäftigeſt Du dich jetzt? fragt Pamphile.

Ich befreie den Rohrſtuhl von ſeinem Stroh, und

zerſchneide die Leinwand meiner Matratze, um mir dar⸗

aus eine Strickleiter zu fabriciren, wie Latude in der Baſtille.*)

In dieſem Augenblicke lauft Chaumont herbei, um den Pamphile zu holen.

Komm ſchnell, die Großen gehen baden. O das wird hübſch ſein!

Man geht baden ohne mich! heulte Rigobert mit Wuth.Oh! das möchte ich gerne ſehen!

Der Bieébre⸗Bach, welcher nahe bei dem Inſtitute Bon⸗ nard vorbeifließt, geſtattete den Zöglingen, während der Sommerhitze die Friſche des Schlammes zu genießen.

Die Schüler⸗Bande pläſcherte darin mit Wonnege⸗ fühl herum. Der Studien⸗Aufſeher ſelbſt, züchtig mit einer Schwimmhoſe bekleidet, überwachte ſeine Herde, indem er zugleich die Schätze ſeines nautiſchen Wiſſens entfaltete.

*) Das Leben des Räubers Latude und ſein kühner Flucht⸗ verſuch aus der Baſtille ſind in ganz Frankreich allgemein bekannt.

Nach einem ſehr bemerkenswerthen Kopf⸗Sprunge wieder auf die Oberfläche des Waſſers zurückgekommen, bot ſich ſeinen Augen ein Anblick dar, der ihn gewaltig erſchütterte: er gewahrte auf dem Ufer den hölliſchen Ri⸗

obert, welcher ſich mit ernſter Miene entkleidete und ſeine Pfeife dazu rauchte.

Sie, Sie hier? rief der Studienmeiſter, deſſen Ge⸗ ſicht ein ſchlagflußartiges Roth überzog.Ich verbiete Ihnen!... Ich befehle Ihnen!...

Der Unglückliche vollendete nicht. Die Wuth über eine ſolche Keckheit und eine unheilvolle Welle, die ihm dabei in die Lungen gelangte, benahmen ihm den Athem, er begann im Waſſer herumzuarbeiten ohne die wahren Principien der Schwimmkunſt zu beachten, und die Zög⸗ linge ſahen mit Schrecken ihn unterſinken, wiedererſchei⸗ nen, um gänzlich zu verſchwinden.

In dieſem entſcheidenden Augenblicke hört man den Lärm eines in das Waſſer fallenden Körpers. Es war dies Rigobert, welcher in das Waſſer geſprungen war und raſch gegen die Stelle zu ſchwamm, an welcher Simonin verſchwunden war. Dort angelangt, tauchte er mehrere Male fruchtlos unter.

Malakoff! Malakoff! ſchrie er jedesmal, wenn er Athem ſchöpfte.Ich werde den Kerl ſchon kriegen, oder ich werde mit ihm dort bleiben! Er thut das nur, um mich um meine Rache zu bringen; er weiß recht gut, daß er nur von meiner Hand ſterben muß.

Ein letztes Untertauchen wurde endlich mit Erfolg gekrönt; der Zuave erſchien wieder, indem er den erſtick⸗ ten Studienmeiſter bei einem Beine feſtgepackt hatte und ihn ſo hinter ſich herſchleppte.

Als er am Ufer niedergelegt worden war, ſtellten ſich die Zöglinge um den Ertrunkenen umher, wobei ſie viel Lärm machten, eine freilich ungenügende Hilfe.

Macht Platz! ſagte zu ihnen Rigobert mit Autorität,er braucht Luft. Pamphile, helfe mir, ihn auf die rechte Flanke zu legen. Gut. Nun hole mir meine Pfeife und meine Zündhölzelſchachtel, welche Du in der linken Taſche meiner Hoſe finden wirſt.

Wie! Du wirſt den Muth haben zu rauchen?

Du biſt dumm, Du. Gehorche ohne Wortſchwei⸗ figkeiten.

Als die Pfeife angezündet war, begann der Retter in der Noth, ganze Rauchwolken in die Naſe und den Hals des Studienmeiſters zu blaſen. Ein Nieſen ließ ſich endlich hören.

Er iſt gerettet, Donnerwetter! rief Rigobert. Geht's Ihnen gut, Herr Simonin? Ja; nicht wahr? Wir werden die kleinen Gewohnheiten unſerer Lebens⸗ weiſe ganz ſachte wieder aufnehmen. Ich bin znfrieden geſtellt. Ich ziehe mich nun zurück.

Wohin gehſt Du? fragte ihn Pamphile.

Nach Carthago! erwiederte der moderne Regulus. Ich kehre zurück in meine Feſſeln; ich bin noch nicht mit dem Aufreißen des Pflaſters meines Gefängniſſes fertig.

däls die Zöglinge in das Penſionat zurückgekehrt waren, ſtürzten ſie ſich in das Kabinet des Hrn. Bonnard, um ihm über den ÜUnfall und die edle Handlung Rigo⸗ berts Bericht zu erſtatten. Der Inſtituts⸗Direktor ließ den Helden rufen, um ihn zu beglückwünſchen.

Ich habe nur meine Pflicht gethan, antwortete die⸗ ſer mit einer erhabenen Einfachheit.

Gnade! Gnade für ihn! kein Gefängniß mehr! ſchrien die Zöglinge im Chor..

Ihr kommet meinen Abſichten zuvor, meine Herren, ſagte der Direktor.Der Zögling Rigobert, welcher ſich um die Menſchheit verdient gemacht hat, erhält voll⸗ ſtänd ige Gnade. Dann fügte er mit Güte hinzu:Die Fenſterſcheiben des Gefängniſſes werden auf meine Koſten reparirt werden. 7

Vivat Herr Bonnard! brüllten die Zöglinge höch⸗ lichſt erſtaunt über dieſe unerhörte Großmuth.

Beim Herauskommen aus dem Kabinet wurde Rigo⸗